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LuftfahrtWieso der Unfall-Flieger 737 Max ein Bestseller für Boeing bleibt

Die Zahl der Pannen des Mittelstreckenfliegers Boeing 737 Max ist groß. Doch die Airlines halten dem Modell die Treue. Sie haben kaum eine Alternative.Jens Koenen, Katharina Kort, Gregor Waschinski 15.01.2024 - 09:20 Uhr

Frankfurt, New York, Paris. Die 737 Max ist zuletzt einmal mehr zum Problemflieger des US-Flugzeugherstellers Boeing geworden. Während eines Flugs von Alaska Airlines hatte sich ein komplettes Kabinenteil gelöst, der Flieger musste notlanden. Mittlerweile ermittelt die US-Luftfahrtbehörde FAA gegen den US-Konzern und kündigte am Freitag an, die Fertigung der Maschinen verstärkt zu überwachen.

Es ist nur eines von zahlreichen Problemen des Modells: Fertigungsmängel, Softwarefehler und teure Rückrufaktionen häuften sich in der vergleichsweise jungen Modellgeschichte. Trotzdem zeigt der Blick in die Auftragsbücher: Zwei Drittel aller Bestellungen bei Boeing entfallen immer noch auf die 737 Max.

Denn die Airlines halten dem Mittelstreckenflieger die Treue: Die Lufthansa bestellte kurz vor Weihnachten 40 Max-Jets mit der Option, diese Zahl auf bis zu 100 aufstocken zu können. Dabei handelt es sich um die 737 Max-8, also eine andere Variante als der schwer beschädigte Jet von Alaska Airlines. An der Order werde nicht gerüttelt, wird im Konzern betont – ungeachtet der jüngsten Ereignisse.

„Lufthansa scheint bewusst Geschäfte mit Boeing machen zu wollen, vielleicht weil sie fürchtet, die Verhandlungsmacht mit Airbus verloren zu haben, nachdem sie für viele Jahre nur Airbus-Flugzeuge bestellt hat“, sagt Henry Harteveldt, Luftfahrt-Berater und Präsident von Atmosphere Research.

2016 hatte die Lufthansa die Boeing 737 komplett ausgemustert. Seitdem hatte Europas größter Airline-Konzern auf der Kurz- und Mittelstrecke ausschließlich bei Airbus bestellt. Doch mittlerweile will sich Lufthansa-Chef Carsten Spohr unabhängiger machen und setzt darum wieder auf die Modelle von Boeing.

Lufthansa-Chef Spohr: „Wir bleiben Kunde in Seattle und Toulouse“

Aussagen von Führungskräften bei Lufthansa bestätigen diese Einschätzung. Zwar habe man natürlich in jeder Verhandlungsrunde mit Airbus die Alternative Boeing ins Spiel gebracht, hieß es: „Doch ohne eine handfeste Bestellung im Kurz- und Mittelstreckenbereich verpufft irgendwann die Wirkung solcher Ansagen.“

Vielleicht fürchtet Lufthansa, die Verhandlungsmacht verloren zu haben, nachdem sie für viele Jahre nur Airbus-Flugzeuge bestellt hat.
Henry Harteveldt
Atmosphere Research

„Wir bleiben, wie wir es historisch immer waren, Kunde in Seattle und Toulouse“, beschreibt Konzernchef Spohr die Situation: „Und ich glaube, das ist auch der richtige Weg für eine Airline unserer Größe.“ Der Konzernchef verweist auf andere große Fluggesellschaften. Kaum eine auf der Welt sei auf der Kurzstrecke von nur einem Hersteller abhängig.

Auch Michael O’Leary, Chef der irischen Billigairline Ryanair, versicherte am Donnerstag, es gebe bei den Passagieren bisher keine Anzeichen dafür, dass sie wegen der Vorfälle in Sorge seien. 

Volle Bestellbücher, fehlende Teile

Sowohl Boeing als auch Airbus profitieren vom hohen Nachholbedarf der Airlines. Nach dem Ende der Coronapandemie ziehen die Passagierzahlen wieder an. Wie Airbus am Donnerstagabend mitteilte, sammelte das Unternehmen im vergangenen Jahr Bestellungen über 2319 neue Passagier- und Frachtjets ein. Rivale Boeing hatte kurz zuvor die Zahl von 1456 bestellten Flugzeugen gemeldet. Niemals zuvor in einem Jahr haben die beiden Konzerne mehr Aufträge verbucht.

Das zeigt sich unter anderem am sogenannten Order-Backlog, also der Zahl aller bestellten, aber noch nicht ausgelieferten Jets. Bei Boeing sind das 6216 Flugzeuge, Airbus meldete am Donnerstagabend mit 8598 deutlich mehr Jets, die erst noch gebaut werden müssen.

„Weil die Produktionskapazität von Airbus für mehrere Jahre ausgelastet ist, hat eine Fluggesellschaft, die kurzfristig neue Flugzeuge braucht, keine andere Wahl, als bei Boeing zu bestellen“, sagt Harteveldt. 

Beide Hersteller haben derzeit Probleme, wichtige Teile ihrer Zulieferer zu erhalten. Daher ist es in den Augen der Chefeinkäufer großer Airlines besser, zwei Flugzeug-Lieferanten zu haben. „Wir erhalten mit der Entscheidung für die Boeing 737-8 Max nun auch bei der Beschaffung von Kurz- und Mittelstreckenflugzeugen zukünftig mehr Flexibilität“, begründet Lufthansa- Vorstandsmitglied Detlef Kayser die Bestellung in den USA.

Auch Airbus trifft der jüngste Unfall bei Boeing. Der europäische Flugzeugriese arbeitet ebenfalls mit dem US-Unternehmen Spirit Aerosystems zusammen, das den Rumpf für die Max von Boeing fertigt und wegen des aktuellen Unglücks bei Alaska Airlines unter Druck steht. „Wir verfolgen sehr genau, was das Ergebnis der laufenden Untersuchung sein wird“, sagte Airbus-Chef Guillaume Faury am Donnerstagabend bei der Vorstellung aktueller Lieferzahlen. Spirit sei ein „wichtiger Zulieferer“ für Airbus. Man werde jede Lektion, die aus den Untersuchungen folge, aufnehmen. „Und wir erwarten von Spirit, dass sie das auch tun.“

Duopol verhindert harte Kritik an Herstellern

Der jüngste Unfall offenbart damit die Nachteile des historisch gewachsenen Duopols im Flugzeugbau. Bei Flugzeugen mit mehr als 150 Sitzen gibt es nur Airbus und Boeing. Embraer baut zwar Verkehrsflugzeuge, aber im unteren Segment. Bombardier ist aus dem Bau von Verkehrsflugzeugen ausgestiegen, deren C-Series wird mittlerweile von Airbus als A220 gebaut.

Der chinesische Hersteller Comac hat seinen Kurz- und Mittelstreckenjet C919 zwar mittlerweile in den Markt gebracht und arbeitet an weiteren Varianten des Flugzeugs. Doch bisher fliegt das Modell vor allem in China, westliche Airlines haben bislang keine Bestellungen abgegeben. Flugzeugeinkäufer wollen im Voraus wissen, wie die Betriebskosten sind. Bei der C919 fehlen viele dieser Daten noch. Auch das fehlende weltweite Wartungsnetz ist eine Hürde für den Rivalen aus China.

Die Folge: Trotz des jüngsten Unfalls übt kaum ein Airline-Chef offene Kritik. Emirates-Chef Tim Clark spricht zwar von anhaltenden Problemen bei der Qualitätskontrolle, gibt sich aber dennoch zuversichtlich: „Ich glaube, dass sie jetzt die Kurve kriegen“, sagte er kürzlich bei einer Konferenz. Emirates bestellte vor einigen Wochen bei der Dubai Airshow 95 neue Langstrecken-Flugzeuge bei Boeing.

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Ryanair-Chef Michael O’Leary wiederum fordert zwar von seinem Lieferanten, die Qualitätskontrolle deutlich zu verbessern. Gleichzeitig bescheinigt er Boeing aber große Fortschritte bei der Produktionsqualität. Dabei leidet die irische Fluggesellschaft, die im vergangenen Jahr 150 Flugzeuge des Typs Max bestellt hat, unter verspäteten Lieferungen.

Erstpublikation: 12.01.2024, 15:28 Uhr.

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