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KommentarDeutschland hat endlich eine Kraftwerksstrategie – es ist die falsche

Monatelang wurde auf die Strategie zum Bau neuer Kraftwerke gewartet. Jetzt ist sie da, und vieles daran ist durchaus sinnvoll. Aber auch ein herber Rückschlag fürs Klima.Kathrin Witsch 06.02.2024 - 15:48 Uhr
Neue Gaskraftwerke sollen den Kohleausstieg möglich machen. Foto: dpa

Um die Energiewende zu vollenden, braucht es erst mal mehr fossile Kraftwerke. Klingt paradox, ist aber leider so. Monatelang hatten Vertreter der Energiewirtschaft, Verbraucher und Unternehmen auf die viel diskutierte Strategie gewartet, die den Bau dieser neuen Anlagen möglich machen soll. Nun liegt sie mit reichlich Verspätung vor – oder zumindest  ein erster Entwurf. Die Details fehlen noch. Aber allein der Entwurf hat es schon in sich.

Es gibt sie, die positiven Aspekte: Die Kraftwerksbetreiber bekommen Geld für die Bereitstellung von Energie, auch wenn sie nur selten gebraucht wird. Gaskraftwerke können flexibel hoch- und runtergefahren werden, zum Beispiel dann, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Das reicht aber nicht, um daraus ein rentables Geschäft zu machen. Also werden die Betreiber  für die Bereitstellung ebenjener Energie bezahlt. So sollen Unternehmen überhaupt erst einen Anreiz haben, neue Gaskraftwerke zu bauen.

Die Kraftwerke sollen außerdem dort gebaut werden, wo es aus Stromnetzsicht sinnvoll und der Verbrauch hoch ist – definitiv die richtige Entscheidung. Und die Genehmigungsverfahren für den Bau der Anlagen sollen beschleunigt werden. Wer würde dem widersprechen?

Vieles ist also richtig an diesem Entwurf. Ein entscheidender kritischer Punkt aber ist dabei leicht zu übersehen: Mit der Kraftwerksstrategie hat sich der Kohleausstieg 2030 erledigt. Das zeigt allein der zeitliche Ablauf: Die ersten Gaskraftwerke werden frühestens 2028 in den Bau gehen. Denn selbst mit beschleunigten Genehmigungsverfahren sind drei Jahre eine sehr ambitionierte Annahme von der Planung bis zum Bau. Ende des Jahres sollen die ersten Ausschreibungen kommen. Allerdings nur für zehn Gigawatt. 

EnBW rudert beim Kohleausstieg bis 2028 zurück. Foto: Reuters

Aktuell sind 37,5 Gigawatt an installierter Kohleleistung am Netz. Natürlich müssen die nicht eins zu eins ersetzt werden, schließlich haben wir auch noch den Ausbau der erneuerbaren Energien, der zumindest nach den anvisierten Zielen in den nächsten Jahren einige Gigawatt beisteuern sollte. Aber: Die angekündigten zehn Gigawatt neuer Gaskraftwerke, die frühestens 2030 in Betrieb gehen würden, könnten die Kohlekraftwerke nicht ersetzen. Ergo: kein Kohleausstieg 2030. Neben dem Atomausstieg eines der wichtigsten Anliegen der Grünen.

Blauer Wasserstoff ist ein herber Rückschlag im Kampf gegen den Klimawandel

Es ist noch nicht allzu lange her, da hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck neben RWE-Chef Markus Krebber auf der Bühne gestanden und die Einigung auf einen vorgezogenen Kohleausstieg mit dem rheinischen Braunkohleriesen als großen politischen Erfolg verkauft. Kurz darauf hatte auch der Energiekonzern EnBW nachgezogen: Sogar 2028 wolle man seine Kohlekraftwerke schon vom Netz nehmen. Das ist jetzt definitiv vom Tisch, sagt selbst EnBW

Das dürfte die beiden Betreiber ebenso stören wie die Grünen. Die fossilen Briketts sind schlecht fürs Geschäft. Erdgas hat in den Augen der Anleger die bessere Klimabilanz. Die Unternehmen halten sich mit Kritik trotzdem zurück. Das ist kein Wunder, denn viele ihrer  Forderungen sind mit der neuen Strategie erfüllt. Und die meisten sind,  wie gesagt, auch gut begründet. 

Aber neben dem Abgesang auf einen früheren Kohleausstieg gibt es in der neuen Strategie noch einen Minuspunkt aus Klimasicht: Im Sinne der „Technologieneutralität“ sollen in den neuen wasserstofffähigen Gaskraftwerken alle Farben verwendet werden, das heißt, auch sogenannter blauer Wasserstoff, der aus Erdgas hergestellt wird und bei dem das entstehende CO2 anschließend im Prozess abgeschieden und unterirdisch gespeichert wird. Dieser Vorgang wird auch Carbon Capture and Storage, kurz CCS, genannt. Die Kraftwerke würden mit Erdgas betrieben, die entstehenden CO2-Emissionen aber anschließend nicht in die Atmosphäre gelangen. 

Es gibt vielleicht Bereiche, die auf blauen Wasserstoff angewiesen sind. Die neuen Gaskraftwerke allerdings gehören nicht dazu. Und zwar aus einem einfachen Grund: Das Ziel war eigentlich, die Kraftwerke beizeiten mit grünem Wasserstoff aus erneuerbaren Energien zu betreiben.

Die Bundesregierung will sich bei der Umstellung von Gas auf Wasserstoff nicht auf einen genauen Zeitpunkt festlegen.  Foto: dpa

Wann der Umstieg von Erdgas auf nachhaltigeren Wasserstoff erfolgt, lässt die Bundesregierung jetzt offen. Irgendwann zwischen 2035 und 2040. Das heißt, die Kraftwerke werden dann umgestellt, wenn es genügend Wasserstoff gibt. Dagegen ist gar nichts einzuwenden. Wer jetzt aber blauen Wasserstoff ins Spiel bringt, wirft die Frage auf: Warum und wann wird dann überhaupt noch auf grünen Wasserstoff umgestiegen? Richtig – gar nicht.

Es gibt genug Branchen, die wirklich unvermeidbare Emissionen produzieren. Und genau für diese ist CCS gedacht. Dass fossile Kraftwerke damit am Laufen gehalten werden, war mit Sicherheit nicht das, was der Weltklimarat im Kopf hatte, als er CCS als notwendige Technologie im Kampf gegen die globale Erwärmung bezeichnete. 

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Blauer Wasserstoff ist nicht klimaneutral, sondern nur CO2-arm. Und zur Erinnerung: Bei der Förderung und dem Transport von Erdgas entweicht Methan in die Atmosphäre. Ein Treibhausgas, das laut Weltklimarat deutlich schädlicher ist als CO2.

Insgesamt gilt für die Kraftwerksstrategie: Es ist gut, dass die Ampelregierung sich in diesen Zeiten endlich mal auf ein Projekt einigen konnte. Es passiert nur leider auf Kosten des Klimas.

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