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Inflation„Ostereffekt“ bleibt aus – Vier Szenarien zur Zinswende

Der übliche Ostereffekt auf der Preisseite bleibt aus. Lobbyisten setzen nun die Europäische Zentralbank unter Druck, die Zinsen zu senken. Für die Währungshüter ist das nicht ohne Risiko.Stefan Reccius 04.04.2024 - 06:52 Uhr
Der Preisschub im Euro-Raum hatte insgesamt zehn Zinsschritte der EZB zur Folge. Foto: dpa

Frankfurt. Vor Ostern erhöhen Gastronomen, Hoteliers und Reiseanbieter für gewöhnlich ihre Preise. Umso überraschter sind Ökonomen, dass der „Ostereffekt“ diesmal ausgeblieben ist: Die Inflation in der Euro-Zone hat weiter abgenommen, und das sogar etwas stärker als erwartet.

Im März sind die Verbraucherpreise laut einer Schnellschätzung der EU-Behörde Eurostat nur noch um 2,4 Prozent gestiegen. Damit nähert sich die Teuerungsrate zügiger als erwartet dem EZB-Ziel von zwei Prozent.

Mehr denn je steuert die Europäische Zentralbank (EZB) auf eine Zinssenkung im Juni zu. Im Februar betrug die Inflation 2,6 Prozent. Wegen des Inflationsschubs hat die EZB insgesamt zehnmal die Leitzinsen erhöht.

Auch die Kerninflationsrate – hier werden schwankungsanfällige Posten wie Energie herausgefiltert – ist im März gesunken, von 3,1 auf 2,9 Prozent. Die Dienstleistungspreise verharrten bei plus 4,0 Prozent. Wegen der frühen Osterfeiertage hatten Experten gerade hier einen Anstieg erwartet.

Was bedeutet die Osterüberraschung für die EZB? Das Handelsblatt skizziert vier Szenarien, die mit Blick auf die Zinswende zum Tragen kommen können:

1. Szenario: Mehrere Zinssenkungen ab Juni

„Die Zeit ist reif“ für den Beginn der Zinswende: So hat es Frankreichs Notenbankchef François Villeroy de Galhau kürzlich ausgedrückt. Der Franzose gilt als recht verlässlicher Gradmesser für die künftige Geldpolitik, denn er vertritt eine gemäßigte Position und hat häufig spätere Entscheidungen vorgezeichnet.

Alexander Krüger, Chefvolkswirt der Privatbank Hauck Aufhäuser Lampe, sagt: Mit dem jetzigen Inflationsrückgang „dürfte heute bereits feststehen, dass die EZB die Zinsen im Juni senken wird“. Die neuen Daten werden jene Notenbanker bestärken, die sogar schon mit dem Beginn der Zinswende bei der Sitzung in der nächsten Woche liebäugeln.

Mit ihrem Drängen dürften sie zwar im EZB-Rat abblitzen, sagt Kamil Kovar von der Ratingagentur Moody’s Analytics. Aber ihre Forderung taugt als taktisches Mittel, um im Gegenzug für Geduld zwei oder mehr Zinssenkungen am Stück durchzusetzen. „Die Diskussion wird sich darum drehen, den Boden für eine schnelle Normalisierung im Sommer und Herbst zu bereiten“, sagt Kovar.
Wahrscheinlichkeit: 40 Prozent

2. Szenario: Eine Zinssenkung pro Quartal

Ähnlich plausibel ist ein bedächtigeres Vorgehen: Der EZB-Rat könnte auf eine zweite Zinssenkung vor der Sommerpause verzichten und pro Quartal nur einmal die Leitzinsen senken. September und Dezember wären in diesem Szenario wahrscheinliche Zeitpunkte für die Anpassungen zwei und drei.

EZB-Chefin Christine Lagarde lässt sich sämtliche Optionen offen: „Selbst nach der ersten Zinssenkung können wir uns nicht auf einen bestimmten Zinspfad festlegen.“ Auch Bundesbankchef Joachim Nagel hat sich gegen einen Automatismus bei Zinssenkungen ausgesprochen.

Ein Unsicherheitsfaktor ist die US-Notenbank Fed: Es deutet sich an, dass sie Zinssenkungen hinauszögern könnte, weil die Inflation hartnäckig ist und die Konjunktur stark läuft. Der Euro würde zum US-Dollar abwerten, sollte die EZB vorpreschen. Eine solche Entwicklung kann die Euro-Notenbank nach Auffassung von Experten auf Dauer kaum ignorieren.
Wahrscheinlichkeit: 40 Prozent

3. Szenario: Zickzackkurs verhindern

„Mit ihrem beherzten Vorgehen zur Bekämpfung der Inflation hat die EZB ihre Glaubwürdigkeit gestärkt“, lobt Reinhold Rickes, Chefvolkswirt des Sparkassenverbands DSGV. „Jetzt kommt es darauf an, nicht zu lange zu warten, um die Leitzinsen zu senken.“

Das bringt die EZB in ein Dilemma: Der öffentliche Druck steigt, die Zinswende einzuleiten. Doch nichts fürchten die Währungshüter mehr als einen Zickzackkurs: Falls die Inflation aufflammt, müssten sie die Zinsen wieder erhöhen. Ihre mühsam wiederhergestellte Glaubwürdigkeit läge in Trümmern.

Ein möglicher Ausweg: Der EZB-Rat belässt es bei einer Zinssenkung und wartet anschließend ab. So würde er lediglich die abschließende Zinserhöhung aus dem September 2023 rückgängig machen. Die Notenbanker wollten sich damit versichern, dass sie die Inflation wirklich in den Griff bekommen. Das ist ihnen nach verbreiteter Auffassung gelungen.
Wahrscheinlichkeit: 15 Prozent

4. Szenario: Keine Zinssenkung im Sommer

Wichtige Daten zur Lohndynamik im ersten Quartal werden dem EZB-Rat erst zur Juni-Sitzung vorliegen. Bis dahin dürfte außerdem klarer werden, ob die Dienstleister weiterhin für kräftigen Lohnauftrieb sorgen. Ungelegen kommt der EZB, dass die Ölpreise seit Wochen steigen.

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Für Fritzi Köhler-Geib von der Förderbank KfW sind noch nicht alle Zweifel an der Zinswende ausgeräumt. Zwar hätten Dienstleister ihre Preiserwartungen gestutzt und die Tariflöhne stiegen nicht mehr so stark. Aber Köhler-Geib sagt auch: „Nur wenn diese positiven Entwicklungen Bestand haben und sich in hinreichendem Ausmaß in den Preisen widerspiegeln, dürfte die EZB die Voraussetzungen für eine erste Zinssenkung im Sommer als erfüllt ansehen.“
Wahrscheinlichkeit: 5 Prozent

Erstpublikation: 03.04.2024, 11:00 Uhr.

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