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  5. Brent: Ölpreise nähern sich 90-Dollar-Marke – wie hoch steigen sie noch?

ÖlpreisErstmals seit Oktober über 90 US-Dollar – Nahost-Krieg treibt Preis

Nach dem Angriff auf die iranische Botschaft in Syrien ist Öl so teuer wie seit Oktober nicht mehr. Drei weitere Faktoren treiben den Preis – und Analysten sehen ein „Betrugsproblem“.Judith Henke 05.04.2024 - 08:31 Uhr aktualisiert
Öl-Produzenten aus den USA profitieren von hohen Preisen, Sanktionen und Förderkürzungen der Opec. Foto: IMAGO/UIG

Frankfurt. Öl ist so teuer wie seit vergangenen Oktober nicht mehr. Damals war der Preis für die Nordseesorte Brent nach dem terroristischen Angriff der Hamas auf Israel zeitweise auf über 90 US-Dollar pro Barrel gestiegen. Danach brachen die Ölpreise aber wegen schwacher Nachfrageerwartungen und einem höheren Angebot aus Ländern wie den USA ein und lagen zwischenzeitlich sogar unter 75 US-Dollar pro Barrel.

Nun kostet ein Barrel Brent aber wieder mehr als 91 US-Dollar. Ein Grund: Öl wird wieder mit einem geopolitischen Risikoaufschlag gehandelt. Denn nach dem mutmaßlich israelischen Angriff auf das iranische Botschaftsgelände in Syrien droht Irans Staatsoberhaupt Ajatollah Ali Chamenei mit Vergeltung.

Der Iran gilt als wichtigster Financier der Hamas und ist zugleich mit mehr als 3,1 Millionen Barrel pro Tag der drittgrößte Ölproduzent der zwölf Opec-Staaten. Irans Ölexporte sind zwar mit Sanktionen belegt, der weltweit größte Ölimporteur China kauft aber dennoch große Mengen des iranischen Öls. Produktionsunterbrechungen könnten also durchaus für Preissteigerungen sorgen.

Welche weiteren Faktoren die Ölpreise treiben und mit welchen Preisen Analysten rechnen:

Opec-Förderkürzungen

Anfang März haben Saudi-Arabien und sieben weitere Mitglieder der Opec plus angekündigt, ihre Ende November beschlossenen freiwilligen Förderkürzungen um ein weiteres Quartal zu verlängern. Die freiwilligen einseitigen Kürzungen belaufen sich derzeit auf rund 2,2 Millionen Barrel pro Tag.

Zu diesen freiwilligen Kürzungen der Opec-plus-Staaten Saudi-Arabien, Algerien, Kasachstan, Kuwait, Oman, Irak, Vereinigte Arabische Emirate (VAE) und Russland kommen weitere Kürzungen hinzu. Zum einen haben bereits im April 2023 neun Mitglieder des Ölkartells freiwillige Kürzungen von 1,66 Millionen Barrel pro Tag bis Ende 2024 versprochen. Hinzu kommt eine 2022 beschlossene kollektive Förderkürzung von zwei Millionen Barrel pro Tag, ebenfalls bis Ende des Jahres. 

Die Opec plus verknappt also den Ölmarkt künstlich. In ihrer jüngsten Prognose geht die Internationale Energieagentur (IEA) davon aus, dass das Öl-Kartell seine Förderpolitik, darunter die neusten freiwilligen Kürzungen, auch im zweiten Halbjahr beibehalten wird. Die Folge: Bis Ende des Jahres wird der Ölmarkt unterversorgt bleiben.

Die Opec sei im Allgemeinen zufrieden mit der Marktlage und der Auswirkung der Kürzungen, sagt Greg Brew, Analyst bei Eurasia Group gegenüber Bloomberg. „Aber die OPEC hat immer noch ein Betrugsproblem.“

Damit meint der Experte vor allem Irak. Das Land hat laut Opec-Daten im Februar 4,2 Millionen Barrel pro Tag produziert. Das sind 200.000 Barrel mehr als vereinbart. Die irakische Führung hat zwar angekündigt, diese Überproduktion in den nächsten Monaten zu kompensieren. Laut Bloomberg soll das aber nicht über eine geringere Produktion erfolgen, sondern über geringere Exporte. 

Auch die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) überschritten ihre Obergrenze im März um rund 218.000 Barrel pro Tag, Gabun produzierte täglich 60.000 Barrel mehr als versprochen. 

Zusätzliche Angebotsknappheit

Neben dem Irak ist auch Russland eines der Opec-plus-Mitglieder, die ihre angekündigten Kürzungen nicht immer zuverlässig eingehalten haben – so auch im März, wie Bloomberg-Daten zeigen.

Zudem hat Moskau zwar versprochen, seine Exporte um 500.000 Barrel pro Tag zu senken, allerdings schloss das bisher sowohl Öl als auch Ölprodukte ein. Das sorgte für Unsicherheit, da sich die freiwilligen Kürzungen der anderen Staaten direkt auf Öl beziehen. 

Doch das soll sich nun ändern: Im April will Russland seine Rohölproduktion um 350.000 Barrel pro Tag senken, im Mai und Juni soll die Produktion sogar noch weiter zurückgehen. Allerdings hat Russland mittlerweile ohnehin Probleme, Käufer für sein Öl zu finden.

Indien, bisher der wichtigste Abnehmer russischen Öls neben China, hat mittlerweile wegen der verschärften US-Sanktionen gegen die staatliche Tankerflotte Sovcomflot PJSC Probleme, große Mengen aus Russland zu beziehen. Und durch die ukrainischen Drohnenangriffe aus russischen Ölraffinerien fehlen derzeit hohe Kapazitäten zur Verarbeitung von Rohöl. Beides könnte den Ölmarkt weiter verengen.

Hinzu kommt, dass Pemex, das staatlich kontrollierte Ölunternehmen Mexikos, offenbar plant, einige Rohöl-Exporte in den nächsten Monaten einzustellen. Grund für die stornierten Lieferungen sollen die Präsidentschaftswahlen sein, in deren Vorfeld mehr Benzin und Diesel für die inländische Nachfrage produziert werden soll.

Im Januar kam es zudem wetterbedingt zu Produktionsunterbrechungen in Nordamerika, wie UBS-Analyst Giovanni Staunovo betont. In Kombination mit einer stärkeren Nachfrage, als zuvor prognostiziert wurde, habe dies zu einem leichten Rückgang der Öllagerbestände geführt. 

Höhere Ölnachfrage als gedacht

Als sich die Opec-plus-Staaten Ende November zu freiwilligen Kürzungen durchrangen, taten sie das auch vor dem Hintergrund einer eher pessimistischen Marktprognose. Die Internationale Energieagentur (IEA), die eine eigenständige Einheit der OECD ist, rechnete damals für das erste Halbjahr 2024 mit einer Überversorgung. Doch Mitte März musste die IEA ihre Prognose korrigieren. Sie rechnet nun bis Jahresende mit einer Unterversorgung, vorausgesetzt, die Opec plus hält auch im zweiten Halbjahr an ihren Förderkürzungen fest.

Auch ihre Nachfrageprognose hat die IEA angepasst, sogar zweimal: Rechnete sie Ende 2023 für dieses Jahr noch mit einem Nachfragewachstum von 1,1 Millionen Barrel pro Tag, war im Januar plötzlich von 1,2 Millionen Barrel pro Tag die Rede. Im März korrigierte die IEA das Wachstum erneut nach oben, auf 1,3 Millionen Barrel pro Tag. Grund dafür seien unter anderem die Stärke der US-Wirtschaft sowie die weiten Umwege, die Schiffe derzeit wegen der Huthi-Attacken im Suezkanal nehmen müssen. Laut dem Ölhändler Vitol haben diese Umwege die globale Nachfrage um 100.000 Barrel pro Tag erhöht. 

Allerdings: Nicht nur die Ölnachfrage wächst, sondern auch das Angebot außerhalb der Opec plus. US-amerikanisches Rohöl erobert immer mehr Marktanteile, unter anderem wegen der Kürzungen der Opec und der Ölsanktionen gegen Russland und Venezuela.

Wohin die Ölpreise sich bewegen könnten

UBS-Analyst Staunovo erwartet, dass Brent-Öl weiterhin in einer Bandbreite von 80 bis 90 US-Dollar pro Fass gehandelt werden könnte. Ehsan Khoman, Chefanalyst für Rohstoffmärkte bei der Bank MUFG sieht einen Preiskorridor von 80 bis 100 US-Dollar pro Barrel mit einem Durchschnittspreis von 88 US-Dollar pro Barrel im zweiten Halbjahr.

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Eher bullish ist die Prognose der Analysten von JP Morgan Chase, die davor warnen, dass Brent 100 US-Dollar pro Barrel erreichen könnte – vorausgesetzt Russland hält an seinem neuesten Versprechen gegenüber der Opec plus fest. Vivek Dhar, Analyst bei der Commonwealth Bank of Australia, ist hingegen eher verhalten und rechnet mit 75 bis 80 US-Dollar pro Barrel in den nächsten Monaten.

Fraglich ist jedoch, wann die Opec plus in der Lage sein wird, ihre Kürzungen zu lockern. Saudi-Arabien, das den größten Teil der Kürzungen trägt, ist auf einen Ölpreis von über 90 US-Dollar angewiesen, um seinen Staatshaushalt zu finanzieren. Das nächste Treffen des Ölkartells, bei dem über Förderkürzungen entschieden werden soll, ist für den 1. Juni angesetzt.

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