Kommentar: Standort Deutschland – es geht auch ohne Flucht ins Ausland

Es gibt auch noch positive Standortnachrichten aus Deutschland: 300 Millionen Euro will Haribo in ein Süßwarenwerk in Neuss investieren, das doppelt so groß sein soll wie das bisherige. Traurig, aber wahr: Heute ist es schon etwas Besonderes, wenn ein Unternehmen ein Werk im Heimatmarkt baut und neue Arbeitsplätze schafft.
Ist doch der Standort Deutschland zunehmend in Verruf geraten. Gründe sind die hohen Energie- und Lohnkosten, Personalnot, Forderungen nach einer Viertagewoche, aber auch die zermürbende Bürokratie. Im Standortranking der Stiftung Familienunternehmen ist Deutschland unter 21 Ländern 2022 auf Platz 18 abgerutscht. 2014 hatte es noch für Platz neun gereicht.
Nicht nur ausländische Investoren meiden Deutschland, auch die deutschen produzierenden Konzerne und Mittelständler selbst. Um 94 Milliarden Euro waren die Abflüsse von Direktinvestitionen 2023 höher als die Zuflüsse, ermittelte das IW Köln. Ein Trend, der sich seit vielen Jahren fortsetzt.
So schreckte Hausgerätehersteller Miele kürzlich mit der Ankündigung auf, 700 Stellen nach Polen verlagern zu wollen. Motorsägenspezialist Stihl hat seine Pläne für ein neues Werk im schwäbischen Ludwigsburg auf Eis gelegt. Selbst im Hochlohnland Schweiz fertige Stihl kostengünstiger als in Deutschland – trotz höherer Löhne, aber eben mit einer 42-Stunden-Woche.
Doch Haribo betont: Es lässt sich immer noch wettbewerbsfähig in Deutschland produzieren. Trotzdem ist die Millioneninvestition in Neuss nicht selbstverständlich. Schließlich hat Haribo bereits ein Werk in Ungarn, wo sich fraglos günstiger produzieren ließe – auch für den nahen deutschen Markt.
Den meisten Firmen ist ein Imageverlust in der Heimat egal
Die Entscheidung für den Standort Deutschland war sicher auch von einer Erfahrung beeinflusst, die Haribo 2020 gemacht hatte. Damals schloss das Familienunternehmen sein einziges ostdeutsches Werk in Sachsen mit 120 Beschäftigten. Ein öffentlicher Empörungssturm von Politik und Kunden brach über Haribo herein.
Den meisten Unternehmen jedoch ist ein Imageverlust in der Heimat inzwischen egal, zumal ihre Kunden überwiegend im Ausland sind. Auch der Weltmarktführer für Fruchtgummi und Lakritz macht längst zwei Drittel seines Geschäfts außerhalb Deutschlands. Dort arbeiten 4000 der 7000 Beschäftigten.
So hat Haribo im Sommer seine erste Produktion in den USA eröffnet. In der Türkei entsteht bald ein zweites Werk. Haribos Strategie lautet: Da produzieren, wo die Kunden sitzen. Und die sitzen eben auch in Deutschland.