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Morning Briefing Plus – Die WocheEs geht um alles

Am Sonntag ist EU-Wahl, doch der lasche Wahlkampf passt nicht zur Realität, in der sich Europa gerade befindet. Mögliche Gründe und Folgen für das Desinteresse sollten Brüssel alarmieren.Sebastian Matthes 08.06.2024 - 08:52 Uhr
Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes. Foto: Handelsblatt

Liebe Leserinnen und Leser,

willkommen zurück zu unserem Blick auf die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Woche, womit wir in Brüssel wären, wo Handelsblatt-Reporterinnen und -Reporter sich gerade auf die EU-Wahl vorbereiten.

Es ist eine paradoxe Situation. Wir leben in einer Zeit, in der ein starkes, einiges Europa so wichtig wäre wie nie zuvor – bei Sicherheitsfragen, in der Handelspolitik, aber auch bei der Unterstützung von Innovationen, Forschung und Unternehmertum. Man könnte also meinen, dass die Zukunft Europas das ganz große Thema dieser Tage wäre.

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen Foto: dpa

Ist sie aber nicht. Es ist Wahl, aber niemand merkt es. Keine großen Debatten, inhaltsleere Wahlplakate („Stärkste Stimmen für Europa", verspricht die FDP, „Mehr Eis“, fordert die Kleinpartei Volt), Kandidaten ohne Botschaften.

Der lasche Wahlkampf steht in krassem Kontrast zu der Realität, in der sich Europa befindet.

Sicherheitspolitisch ist der Kontinent auf sich allein gestellt. „Es ist besser für Europa, wenn es seine Erwartungen an die USA senkt“, sagte Donald Trumps außenpolitischer Chefstratege Elbridge Colby gerade im Handelsblatt-Interview. „Europa wird sicherer sein, wenn es mehr Verantwortung für seine eigene Verteidigung übernimmt.“

Großplakate der Parteien zur Europawahl Foto: dpa

Gleichzeitig droht Europa ökonomisch im Hightech-Wettstreit zwischen den USA und China zerrieben zu werden. Zu kleinteilig, kompliziert und langsam ist die EU dafür. Während die US-Wirtschaft in den vergangenen Jahren ihren Output deutlich steigerte, sank die Produktivität der europäischen Wirtschaft sogar. Die US-Wirtschaft ist deshalb mittlerweile rund ein Drittel größer als die europäische. 2008 war es noch umgekehrt.

Es ist eine Schicksalswahl für Europa, aber niemand will es wahrhaben. Womöglich interessiert die Wahl aber auch deshalb so wenige, weil Europa für viele Menschen und Unternehmen nicht mehr als Lösung, sondern zunehmend als Ursache vieler ihrer Probleme gesehen wird. Die immer schwierigeren Bedingungen für die Industrie, die Bürokratie, der komplexe Binnenmarkt, die Migration. Sie kennen das alles. 

Das sollte Brüssel alarmieren. Auch die Tatsache, dass die proeuropäischen Kräfte erstmals ihre Mehrheit verlieren könnten. „Für die EU geht es bei den Wahlen am kommenden Wochenende um alles”, schreibt die Sicherheitsexpertin Jana Puglierin im Handelsblatt. Das bringt die Sache ganz gut auf den Punkt. 

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1. Nächsten Freitag beginnt die EM, und viele hoffen nun auf eine Neuauflage des Sommermärchens. Auch einige Unternehmen setzen auf ein Signal des Aufbruchs. Doch die Rechnung dürfte für viele nicht aufgehen. Trotz der 650.000 erwarteten Fußballtouristen aus dem Ausland dürfte die Wirtschaft kaum profitieren, selbst die Hotels haben vielfach noch leere Betten. Es gibt nur einige wenige Ausnahmen, wie unsere ausführliche Branchenanalyse zeigt. Hoffentlich klappt's wenigstens im Stadion. 

Foto: dpa

2. Seit Monaten gab es fast nur schlechte Nachrichten aus der Immobilienbranche. Das ändert sich nun: Fallende Zinsen und immer noch sinkende Preise machen den Hauskauf wieder attraktiv. So lautet jedenfalls die Einschätzung vieler Marktbeobachter. Aber wo lohnt sich der Kauf jetzt schon? Welche Regionen sind besonders attraktiv? Um diese Fragen zu beantworten, hat das Handelsblatt-Immobilienteam für unseren großen Wochenend-Report mit Managern, Fachleuten und Maklern über die Lage gesprochen, Zahlenreihen und Kennziffern analysiert, die zeigen, wie sich der Markt entwickeln wird. So viel vorab: Es ist wieder an der Zeit, genauer hinzuschauen. 

Foto: Thomas Kuhlenbeck

3. Diese Nachricht hat Handelsblatt-Reporter das vergangene Wochenende auf Trab gehalten: Freitagabend bekamen wir den vertraulichen Hinweis, dass Deutschlands drittgrößter Reisekonzern FTI pleite sei, weil er ohne weitere Millionenhilfen nicht über den Sommer kommen würde. Über das Wochenende beschrieben meine Kollegen praktisch live die scheiternde Rettung des angeschlagenen Unternehmens. Montag folgte dann tatsächlich das Aus. Für die Bundesregierung bedeutet das übrigens einen Verlust von 510 Millionen Euro, so viel Geld bekam FTI während der Coronakrise. Wie die Rettungsbilanz der Bundesregierung in den vergangenen Jahren ansonsten aussah, lesen Sie hier.

Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich

4. Ist das euer Ernst? Das war meine Reaktion, als ich erstmals von dieser Geschichte hörte: Beim zweitgrößten deutschen Frachtflughafen Leipzig/Halle häufen sich Ungereimtheiten: Am modernen ICE-Bahnhof halten täglich nur zwei ICEs und der auf Druck von Gläubigern eingestellte Sanierer verschwand wochenlang spurlos. Christoph Schlautmann zeichnet das Chaos rund um das wichtige Logistikdrehkreuz nach.

5. Vor einer Woche hatte ich einen der spannendsten und umstrittensten Köpfe der internationalen Finanzindustrie in meinem Podcast zu Gast: Stephen Schwarzman, den Chef und Gründer der weltgrößten Private-Equity-Firma Blackstone. In Handelsblatt Disrupt erklärt er, wie KI in den nächsten Jahren die Welt verändern wird, warum er deshalb mit einer dramatischen Energiekrise rechnet – und wieso gerade das eine große Chance für Investoren wie ihn ist. Im Handelsblatt-Interview sagt er kurz danach noch, warum Deutschland für ihn gerade jetzt „der beste Markt der Welt" ist und warum er Donald Trump unterstützt.

Stephen Schwarzman ist Chef der weltgrößten Private-Equity-Firma Blackstone. Foto: Handelsblatt

6. Seit Monaten wird immer diese eine Geschichte erzählt: Die Mobilitätswende stockt! Die E-Mobilität kommt nicht in Gang! Die Elektropläne von Politik und Industrie: Sie sind gescheitert! Doch so einfach ist die Sache nicht. Zwar geht der Absatz von Elektroautos in Deutschland tatsächlich zurück. Doch im Rest Europas zeigt eine Handelsblatt-Analyse ein ganz anderes Bild: Der Elektroautomarkt wächst anderswo durchaus, insbesondere in Frankreich, Spanien und Großbritannien. Die vermeintliche Elektroflaute in Europa ist in erster Linie eine Deutschland-Flaute. 

7. Noch nie in der Geschichte der Finanzindustrie ist ein ETF so schnell gewachsen wie der neue Bitcoin-ETF von Blackrock. In nur 144 Tagen hat er die Marke von 20 Milliarden durchbrochen. Wie kann das sein? Und warum sehen Kryptoexperten gerade einen „großen psychologischen Wendepunkt für den Markt"? Das zeigt unsere große Analyse. Und selbst wenn Sie Kryptowährungen generell kritisch sehen, diese Fakten sollten Sie kennen.

8. Während Deutschland über die Viertagewoche debattiert, führt Griechenland ab Juli übrigens die Sechstagewoche ein. Kein Witz. Von diesem Vorstoß könnte sich Deutschland einiges abschauen. Aber nein, debattieren wir doch lieber die Viertagewoche zu Ende...

9. Wer in Deutschland arm aufwächst, bleibt wahrscheinlich arm. Vom Tellerwäscher zum Millionär? Das funktioniert hier nicht, sagen jedenfalls zahlreiche Studien. Es gibt aber Ausnahmen. Und von denen können wir besonders viel lernen: Eine dieser Ausnahmepersönlichkeiten ist Emre Çelik. Er beendete die Schule mit einem Hauptschulabschluss, schlug sich erst einmal so durch. Musste sich von seiner Chefin anhören: „Du Ausländer, du wirst es zu nichts bringen.“ Doch schließlich schaffte er es in zahlreichen kleinen Schritten als Topführungspersönlichkeit zu Googles KI-Tochter Deepmind. Meine Kollegin Annika Keilen hat nun ein wunderbares Porträt über Çelik und seine Karriere geschrieben, die sicher noch nicht zu Ende ist. Es ist eine Geschichte über Optimismus, Leistungswillen – und den unbedingten Willen, es zu schaffen.

Emre Çelik  Foto: Phil Dera, Philipp Müller, Nicole Heidegger, Privat

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende

Herzlich

Ihr

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Sebastian Matthes

PS: Falls sie dieses Wochenende noch Zeit für einen Podcast haben, möchte ich Ihnen mein Gespräch mit dem Unternehmer Max Viessmann ans Herz legen. Es ist ein sehr intensives, emotionales Gespräch über Unternehmertum, harte Entscheidungen und einen Morgen, an dem Viessmann einfach nur heulend in seinem Büro saß. Und natürlich ging es dabei auch um den Milliardenverkauf von Viessmanns Kerngeschäft an den US-Konzern Carrier Global – und die Frage, was mit den Milliarden nun passiert.  

Max Viessmann und Sebastian Matthes im Handelsblatt-Podcaststudio Foto: Handelsblatt
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