Vorbild Frankreich: Braucht Deutschland eine Pflichtversicherung gegen Hochwasser?
Paris. Nach den jüngsten Überschwemmungen in Süddeutschland ist die Debatte um eine Pflichtversicherung gegen Hochwasser und andere Elementarereignisse neu entbrannt. Die mögliche Einführung einer solchen Versicherung soll heute auch Thema der Ministerpräsidentenkonferenz mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) werden.
Für Hausbesitzer gibt es bisher keine Versicherungspflicht – weder gegen Feuer noch gegen Naturgefahren wie Sturm und Hagel. Doch sind 98 bis 99 Prozent aller Gebäude gegen diese Gefahren versichert. Hochwasser, Schneedruck oder Rückstau von Wasser sind aber nicht Teil der normalen Gebäudeversicherung, sondern müssen zusätzlich versichert werden. Deshalb liegt die Quote bei der Elementarschadenversicherung im Bundesdurchschnitt nur bei 54 Prozent.
In Zeiten des Klimawandels bedeutet das ein hohes finanzielles Risiko. In Frankreich existiert dagegen schon lange ein fast flächendeckender Elementarschutz – ohne zu starke Belastung für die Immobilienbesitzer. Das französische System ist stark durch Vorgaben des Staates geprägt.
Beim Kauf einer Wohnung ist eine Gebäude- und Hausratversicherung in Frankreich Pflicht. Beliebt ist die sogenannte Multirisiko-Versicherung (MRH). Sie ist eine Allgefahrenversicherung und deckt damit auch Elementarschäden ab.
Schon seit 1982 existiert dieses System zur Absicherung gegen Elementarschäden. Die Elementarschadenversicherung schützt 98 Prozent der Haushalte. Der Staat schreibt vor, was die Policen mindestens abdecken müssen. Er entscheidet auch, wann eine Naturkatastrophe vorliegt. Damit herrscht Klarheit, was unter den Versicherungsschutz fällt.
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Interessant an der Multirisiko-Versicherung: Sie beinhaltet auch Schutz bei Personenschäden und eine Haftpflichtversicherung. Die Risiken und Kosten werden auf alle Versicherten verteilt, unabhängig von der Wahrscheinlichkeit, selbst Naturgefahren ausgesetzt zu sein. So wird es für den Einzelnen nicht zu teuer – eine solidarische Lösung.
Rückversicherer: Paris bietet Staatsgarantie
Eine Studie des Zentrums für Europäischen Verbraucherschutz hat das französische System 2023 untersucht, das auf eine Kooperation von öffentlicher Hand und privater Wirtschaft setzt. Paris bietet auch eine Staatsgarantie für die Rückversicherer. Das macht die Kosten für die Versicherer kalkulierbar. Der Staat musste in der Vergangenheit nur ganz selten Geld zuschießen.
Die Kosten: Für ein Haus mit 100 bis 125 Quadratmeter muss man mit einer Versicherungsprämie von etwa 450 bis 500 Euro rechnen. Die Höhe des Postens für die Elementarversicherung in der Gesamtversicherung ist extra auszuweisen. Der Betrag lag 2022 bei zwölf Prozent der Multirisiko-Versicherung für Gebäude- und Hausrat, 26 Euro im Durchschnitt im Jahr pro Haushalt.
Durch die Zunahme der Naturkatastrophen war das System seit 2015 defizitär, weshalb Ende 2023 entschieden wurde, den Zusatzbetrag ab 1. Januar 2025 auf 20 Prozent zu erhöhen, durchschnittlich auf 41 Euro pro Jahr.
Abrechnung von Schadenfällen über den hauseigenen Versicherer
Die Abrechnung von Schadenfällen läuft über den hauseigenen Versicherer, der sich bei der öffentlichen Caisse Centrale de Réassurance (CCR) rückversichern kann, aber nicht muss. Gegenwärtig werden über 90 Prozent der Verträge durch die CCR abgedeckt.
Die CCR ist der Ansicht, dass bis 2050 die Kosten für Naturkatastrophen um 40 oder sogar 60 Prozent steigen werden – und damit dürfte auch in Frankreich die Elementarschadenversicherung entsprechend teurer werden.
Zurück nach Deutschland: Überschwemmungen, wie sie früher alle 100 Jahre zu erwarten waren, treffen manche Regionen inzwischen mehrfach in einem Jahrzehnt, die Pegel erreichen nie gekannte Höhen. Nach solchen Ereignissen wird regelmäßig nach dem Staat gerufen, der Geschädigten finanziell helfen soll – und das unter dem Eindruck der verheerenden Schäden auch tut. „Das werden wir uns auf Dauer nicht leisten können“, sagt Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Die Bundesländer sind deshalb praktisch einhellig für eine Versicherungspflicht. Die Bundesregierung ist da noch zurückhaltend, vor allem die FDP.
Erstpublikation: 19.06.2024, 17:58 Uhr.