Morning Briefing: War das der Versprecher, der Biden die Kandidatur kostet?
Ulm ganz vorn: Städteranking nach Lebensqualität
Anfang Juni saß ich mit ehemaligen Münchner Studienkollegen im Biergarten am Wiener Platz. Was für eine großartige Stadt München doch sei, sagte ich gut gelaunt, und hätte nicht mit so viel Widerspruch gerechnet. Der HNO-Arzt beklagte die unzuverlässigen öffentlichen Verkehrsmittel. Der Redakteur vom Bayerischen Rundfunk die absurden Wohnungsmieten. Und alle schienen sich einig, dass München immer voller, enger und hektischer werde.
Was für ein Kontrast zu meinen Hamburger Freunden. Wenn die Klage führen über unsere gemeinsame Heimatstadt, dann meist darüber, dass man dort in hanseatischer Selbstzufriedenheit erstickt. Dass es in Hamburg zwar meist schön entspannt zugeht, aber auch nichts vorangeht.
Wirtschaftliche Dynamik ist eben nicht gleich Lebensqualität. Das zeigt auch ein Städteranking des Forschungsinstituts Prognos, das das Handelsblatt heute exklusiv veröffentlicht.
Anhand von 28 Parametern wurde geprüft: Welche der 71 kreisfreien deutschen Großstädte bieten ihren Bürgerinnen und Bürgern heute ein gutes Leben – und werden dazu auch in Zukunft in der Lage sein? Dabei ging es um Kriterien wie die Miethöhe und das mittlere Einkommen, die Ärzte- und Kitadichte oder auch die Breitbandabdeckung und den Anteil unversiegelter Flächen.
Das Ergebnis? Mit typischen Schwabentugenden hat sich Ulm auf Platz eins hochgearbeitet: Die Stadt ist überall solide, ohne in einer Disziplin allzu sehr herauszustechen. Dahinter folgen vier bayerische Städte. Umgekehrt befinden sich acht der zehn schlechtplatziertesten Städte in Nordrhein-Westfalen, Schlusslicht ist Oberhausen.
Die eigentliche Überraschung: Im separaten Dynamik-Ranking, das misst, wie schnell eine Stadt sich positiv entwickelt, stehen mit Jena, Chemnitz, Leipzig, Dresden, Erfurt, Halle und Magdeburg gleich sieben ostdeutsche Städte in den Top Ten. Bernhard Wankmüller, der die Studie bei Prognos geleitet hat, sagt:
Und wo lebt es sich nun besser, in München oder in Hamburg? Das Ranking spricht eine eindeutige Sprache. München liegt trotz hoher Mieten auf Platz zwei. Hamburg folgt erst auf Rang 19. Diese Information werde ich mitnehmen zum nächsten Treffen am Wiener Platz.
Der deutsche Medienkonzern Axel Springer könnte einem Bericht zufolge aufgespalten werden. Springer-Chef und Großaktionär Mathias Döpfner sei in Verhandlungen mit dem größten Anteilseigner KKR über eine Aufteilung des Berliner Verlags in das Mediengeschäft und das digitale Kleinanzeigengeschäft. Das berichtete die „Financial Times“ am Donnerstag. Dabei könnte der US-Finanzinvestor KKR mit dem kanadischen Pensionfonds CPPIB die Kontrolle über das Kleinanzeigengeschäft bekommen. Dazu gehören die Jobplattform Stepstone und das Anzeigengeschäft mit Immobilien (Aviv).
Döpfner wiederum würde demnach zusammen mit der Verlegerwitwe Friede Springer mehr Kontrolle über das Mediengeschäft erhalten, wozu neben den Zeitungen „Bild“ und „Welt“ auch die US-Medien „Politico“ und „Business Insider“ gehören. Ein Springer-Sprecher lehnte einen Kommentar dazu ab.
KKR ist 2019 bei Axel Springer eingestiegen. Inzwischen ist es in der Branche ein offenes Geheimnis, dass die US-Beteiligungsfirma nach fünf Jahren auslotet, wie ein Exit aussehen könnte. KKR hält derzeit 35,6 Prozent an Springer, CPPIB 12,9 Prozent.
Das digitale Kleinanzeigengeschäft mit Stepstone und Aviv gilt als profitabler als das Mediengeschäft. Für Stepstone plant der Konzern eigentlich einen Börsengang, der wegen der schwierigen Marktlage allerdings auf Eis liegt.
War das der Versprecher, der Joe Biden die Präsidentschaftskandidatur kostet? Beim Nato-Gipfel in Washington stand er gestern neben dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski. Als er das Rednerpult schließlich an Selenski übergeben wollte, sagte Biden: „And now I welcome, President Putin!“ („Und jetzt heiße ich willkommen: Präsident Putin“). Biden bewegte sich zunächst vom Mikrofon weg, um Selenski auf dem Podium Platz zu machen, bevor er seinen Fehler bemerkte und zum Mikrofon zurückkehrte: „Präsident Putin? Präsident Selenski... Ich bin so darauf konzentriert, Putin zu schlagen.“
Durch den Saal sei ein hörbares Geräusch des Erschreckens gegangen, berichtet uns Washington-Korrespondentin Annett Meiritz. Denn ein Fehler dieser Größenordnung werde vor dem Hintergrund der anhaltenden Debatte um Bidens Gesundheitszustand nicht mehr als simpler Versprecher wahrgenommen.
Russland hat laut Sicherheitskreisen ein Attentat auf Rheinmetall-Chef Armin Papperger vorbereitet. Nach Warnungen aus den USA hätten deutsche Behörden diesen Plan bereits vor einiger Zeit vereitelt, erfuhr das Handelsblatt. Die Sicherheitsvorkehrungen für den Vorstandsvorsitzenden wurden inzwischen deutlich erhöht. Zuvor hatte der US-Sender CNN über den Vorfall berichtet.
Rheinmetall ist der größte deutsche Rüstungskonzern und zentral für die Belieferung der Ukraine mit Munition und militärischem Gerät. Wegen dieser Bedeutung sei der Manager in das Visier der Russen geraten, wie es hieß. Laut CNN soll Moskau Anschläge auf mehrere Rüstungs-Spitzenmanager geplant haben. Die Vorbereitungen für einen Angriff auf Papperger seien aber besonders weit fortgeschritten.
Die USA stellen der Ukraine weitere Militärhilfe zur Verfügung. Das neue Paket mit einem Umfang von 225 Millionen US-Dollar enthalte unter anderem das bereits von den USA angekündigte Patriot-Luftabwehrsystem, zudem Flugabwehrraketen, Mehrfachraketenwerfer sowie Artilleriemunition, teilte die US-Regierung mit. Die Waffen stammten aus Beständen des US-Militärs. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs haben die USA nach eigenen Angaben militärische Hilfe in Höhe von mehr als 53,7 Milliarden US-Dollar für Kiew bereitgestellt.
Mailand-Malpensa – ein Drehkreuz im internationalen Luftverkehr – heißt nun offiziell „Aeroporto Silvio Berlusconi“. Die Entscheidung wurde im Schnellverfahren von der Rechtsregierung in Rom vollzogen.
In Mailand selbst sind viele Bürgerinnen und Bürger gegen den neuen Namen für Italiens zweitgrößten Flughafen. Mehr als 100.000 Menschen setzten ihre Unterschrift unter eine entsprechende Petition.
Die Gegner seien getröstet: Berlusconi ist sicherlich eine umstrittene Figur. Doch weltweit haben es noch weit schwierigere Charaktere zu einem eigenen Flughafen gebracht. Wer nach Teheran fliegt, landet auf dem Airport Imam Chomeini, benannt nach dem islamistischen Revolutionsführer. Der Flughafen von Ulan Bator in der Mongolei trägt den Namen von Dschingis Khan, auch nicht gerade ein Vorkämpfer für Menschenrechte.
Das Problem beginnt schon wenige dutzend Kilometer von Mailand entfernt, wo der Flughafen Bergamo offiziell nach dem Maler Caravaggio benannt ist. Der wurde einst wegen Mord zum Tode verurteilt. Was ist dagegen schon ein bisschen Bunga-Bunga?
Bergamo weist zugleich den Ausweg aus der Misere, denn soweit ich es überblicke, benutzt nicht einmal der Flughafen selbst den Namen des Barockkünstlers.
Ich wünsche Ihnen einen Wochenausklang wie gemalt.
Herzliche Grüße
Ihr
Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
PS: In dieser Woche haben wir Sie gefragt, welche Folgen der Nato-Gipfel hat. Eine Auswahl der Leserkommentare finden Sie hier.