RTL-Mutterkonzern: Für Bertelsmann sind die USA erstmals der wichtigste Markt
Düsseldorf. Erstmals in der Firmengeschichte hat der deutsche Medienriese Bertelsmann in den USA mehr Umsatz erzielt als im Heimatmarkt. Der Umsatzanteil dort stieg auf 28,4 Prozent. Deutschland liegt mit 28,2 Prozent knapp dahinter. 2011 noch erzielte Bertelsmann nicht einmal 14 Prozent seiner Erlöse in den USA. Das teilte das Familienunternehmen aus Gütersloh bei der Bekanntgabe der Halbjahreszahlen am Mittwochmorgen mit.
„Dass wir in den USA so schnell Tempo gewinnen konnten, ist erfreulich“, sagte Konzernchef Thomas Rabe im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die USA seien der größte Markt für Medien und Dienstleistungen, das mache das Geschäft dort attraktiv und überdurchschnittlich profitabel. Amerika habe auch wegen der Demografie fundamental bessere Wachstumsperspektiven als Europa.
Rabe ist seit 2012 Chef von Bertelsmann und hat das Unternehmen der Eigentümerfamilie Mohn internationaler, digitaler und außerhalb Europas breiter aufgestellt. Rabe will damit die Abhängigkeit des Konzerns vom konjunkturell schwankenden Werbegeschäft der RTL-Gruppe reduzieren.
Dass die USA für Bertelsmann nun der wichtigste Markt sind, liege auch an den Investitionen der vergangenen zehn Jahre. „Die Hälfte unserer investierten Mittel fließen in die USA“, sagte Rabe. Die meisten Gelder davon gehen in das wachsende Musikgeschäft von BMG, die Buchtochter Penguin Random House, den Dienstleister Arvato und das Education Group genannte Bildungsgeschäft, die allesamt in den USA besonders stark vertreten sind.
Rabe hat in den USA vor allem in den Bereich digitale Gesundheit investiert, weil er dort weltweit ein starkes Wachstum erwartet. Bertelsmann will Mitarbeitern im Gesundheitsweisen mit digitalen Angeboten etwa dabei helfen, schneller ihre Verwaltungsaufgaben zu erledigen.
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„Dass Amerika nun der größte Markt ist, heißt aber nicht, dass wir nicht mehr in Deutschland investieren wollen“, betonte Rabe. Bertelsmann hat bislang über 700 Millionen Euro in die Entwicklung seines Streamingdienstes RTL+ samt Technik und Personal investiert. So will Rabe internationalen Konkurrenten wie Disney und Netflix auf nationaler Ebene Paroli bieten. RTL+ schreibt allerdings seit Jahren Verluste, bis 2026 soll der Dienst profitabel sein.
Rabe will „Boost“-Investitionen steigern
Der Umsatz des Gütersloher Familienunternehmens ist im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr um 7,5 Prozent auf neun Milliarden Euro gesunken. Der Grund: Im vergangenen Herbst hatte Bertelsmann seine Callcenter-Sparte Majorel verkauft, die für rund eine Milliarde Euro Umsatz stand. Aus eigener Kraft stieg der Umsatz indes um 3,7 Prozent.
Der operative Gewinn (Ebitda) ist im ersten Halbjahr um rund zwei Prozent auf 1,2 Milliarden Euro gesunken – bereinigt um den Majorel-Verkauf erhöhte er sich um 14 Prozent.
Für das Gesamtjahr erwartet Rabe insgesamt ein organisches Umsatzplus von vier Prozent, „vielleicht sogar noch ein bisschen höher“, sagte er dem Handelsblatt. Beim operativen Ergebnis rechnet er damit, den Wert von 14 Prozent halten zu können. Traditionell macht Bertelsmann im zweiten Halbjahr stärkere Geschäfte, etwa weil Werbeeinnahmen und Buchverkäufe vor Weihnachten anziehen.
Rabe kündigte im Gespräch an, die Investitionen in Zukunftsgeschäfte weiter erhöhen zu wollen. Im Rahmen der nach seinen Adidas-Laufschuhen benannten Zukunftsstrategie „Boost“ plant Bertelsmann zwischen 2021 und 2025 Investitionen von fünf bis sieben Milliarden Euro in Wachstumsgeschäfte.
Bislang habe man 4,8 Milliarden Euro für das Investitionsprogramm in die Hand genommen – allein im ersten Halbjahr des Jahres war es über eine Milliarde Euro. „Wir werden sicher am oberen Ende der Bandbreite rauskommen“, sagte Rabe. „Wenn wir Möglichkeiten sehen, wollen wir sie auch nutzen.“
Davon dürften wieder überproportional die Geschäftsbereiche Arvato, BMG und das Bildungsgeschäft profitieren. Alle drei Bereiche konnten ihr Ergebnis im ersten Halbjahr zweistelligen Prozentbereich steigern.
Europameisterschaft schmälert RTL-Gewinn
Bei der wichtigsten Bertelsmann-Tochter, dem Fernsehkonzern RTL, hatte die Übertragung einiger Spiele der Fußball-Europameisterschaft den Gewinn leicht auf 372 Millionen Euro gedrückt. RTL konnte seinen Umsatz um knapp zwei Prozent steigern, weil die Fernsehwerbeumsätze um fast fünf Prozent gestiegen sind.
Rabe, der in Personalunion auch Chef der RTL Group ist, erwartet in Deutschland aber nur eine leichte Erholung des Werbemarkts von zwei Prozent. „Wir liegen immer noch deutlich zweitstellig unter dem Niveau von 2019. Es ist unrealistisch, dass wir dieses Level wieder erreichen werden“, so Rabe. Angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheiten sind Unternehmen mit ihren Werbeausgaben zurückhaltend.
Rabe hatte Anfang März angekündigt, seinen bis Ende 2026 laufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen. Er wolle sich dann anderen Aufgaben zuwenden. Der Zeitplan stehe unverändert, so Rabe, er fokussiere sich weiter voll auf die Geschäfte, um den Konzern bestmöglich zu übergeben. „Über die Nachfolge entscheidet der Aufsichtsrat.“
Als seine Nachfolger werden intern vor allem zwei Namen gehandelt: Thomas und Carsten Coesfeld, 37 und 34 Jahre alt – beide Enkel des 2009 verstorbenen Firmenpatriarchen Reinhard Mohn. Beide Brüder haben bereits Akzente gesetzt, die sie für Höheres qualifizieren könnten.
Seit Jahresbeginn sitzt Carsten Coesfeld im Vorstand und verantwortet das neu geschaffene Ressort Investments und Financial Solutions. Sein Bruder Thomas Coesfeld rückte im Juli in die Konzernspitze vor. Er wird dort weiter das Musikgeschäft BMG leiten, das viertgrößte Musikunternehmen der Welt.