Wertverlust: Schwache Krone alarmiert Politiker in Norwegen
Stockholm. Für viele Norweger war der Zeitpunkt ungünstig: Genau zur Haupturlaubszeit notierte die norwegische Krone im Juli dieses Jahres auf ihrem niedrigsten Stand seit mehr als 20 Jahren. Dadurch wurde der Auslandsurlaub deutlich teurer als geplant. Mitte Juli mussten für einen Euro zwölf Kronen gezahlt werden, für einen Dollar elf Kronen.
Vergleicht man den Kurs der Krone gegenüber Euro und Dollar, hat die Währung in den vergangenen zehn Jahren rund die Hälfte ihres Werts verloren. In diesem Jahr zählt sie zu den schwächsten Währungen weltweit. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, schlug der Abgeordnete der oppositionellen Liberalen Partei, Sveinung Rotevatn, kürzlich vor, die norwegische Krone an den Euro zu binden – nach dem Beispiel Dänemarks. Die dänische Krone ist seit Jahrzehnten mit einer Schwankungsbreite von 2,25 Prozent an den Euro gekoppelt.
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„Wir müssen wegen der dramatischen Schwächung der Krone alle Optionen ernsthaft ausloten“, sagte Rotevatn der norwegischen Zeitung „Aftenposten“. Wenn überhaupt, ist nur eine Koppelung der Krone an den Euro realistisch. Das Thema ist in Norwegen politisch heikel – zwei Referenden über den Beitritt zur Europäischen Union (EU) scheiterten. Die Koppelung der eigenen Währung an den Euro ohne eine EU-Mitgliedschaft wäre dagegen zumindest denkbar.
Ursache für schwache norwegische Krone nicht eindeutig
Über die Ursache der dramatischen Schwächung der Krone sind sich Ökonomen uneins. Einige sehen die äußerst angespannte geopolitische Lage mit dem Krieg in der Ukraine und dem Nahost-Konflikt sowie Rezessionsängste in den USA als mögliche Gründe für die Kronen-Schwächung.
Der Ökonomie-Professor Ola Honningdal Grytten von der Handelshochschule in Bergen ist dagegen ratlos. „Ich bezweifele, dass irgendjemand genau erklären kann, warum die Krone so schwächelt. Man muss schon Gott anrufen oder einen Wirtschaftswissenschaftler, der meint, er besitze die gleichen Fähigkeiten“, sagte er gegenüber „Aftenposten“.
Auch Kjetil Olsen, Chefökonom der Bank Nordea in Oslo, bezeichnet den Sturz der norwegischen Krone als „Rätsel“. Eine Erklärung gebe es nicht. Immerhin ist Norwegen eines der reichsten Länder der Welt mit einem sehr hohen Beschäftigungsgrad.
Andere Ökonomen argumentieren hingegen, dass Währungen kleiner Länder immer sensibel auf globale Unruhen reagierten. Es fehle schlicht die Liquidität, das führe zu einer hohen Volatilität.
Es gibt weitere Gründe für den Kronenfall: Dem Land machen die sinkenden Ölpreise zu schaffen. Norwegen ist Westeuropas größter Ölexporteur und damit direkt abhängig von den Weltmarktpreisen. Zusätzlich sind die Investitionen in den Ölsektor in den vergangenen Monaten gesunken. Auch die Stimmung in der norwegischen Wirtschaft hat sich in den vergangenen Wochen etwas abgekühlt – und das, obwohl eine schwache Krone Vorteile für die Exportindustrie gegenüber der ausländischen Konkurrenz bedeutet.
Noch ist eine Stärkung der Krone nicht in Sicht. Die norwegische Zentralbank steckt in einem Dilemma: Obwohl die Inflation nur noch bei rund 2,7 Prozent liegt, ist eine schnelle Zinssenkung nicht zu erwarten. Denn würde die Zentralbank den derzeitigen Leitzins von 4,5 Prozent im Herbst senken, besteht die Gefahr, dass die Krone gegenüber Dollar und Euro weiter verliert.
Deshalb deutete Zentralbankchefin Ida Wolden Bache an, dass der Leitzins „noch einige Zeit“ auf dem jetzigen Niveau bleiben werde. Nicht einmal eine weitere Erhöhung des Leitzinses hat sie ausgeschlossen, sollte das Inflationsziel von zwei Prozent weiterhin verfehlt werden. Analysten rechnen dennoch mit einer Zinssenkung noch in diesem Jahr.
Norwegen: Hohe Zinsen sind vor allem für Hausbesitzer ein Problem
Für die Norwegerinnen und Norweger sind das schlechte Aussichten, insbesondere für die vielen Haus- und Wohnungsbesitzer sind die hohen Zinsen ein Problem. Denn wie in anderen nordeuropäischen Ländern werden in Norwegen Immobilienkäufe größtenteils über Hypotheken finanziert.
Bemerkbar macht sich die schwache Währung auch an der Kasse im Supermarkt. Norwegen importiert die meisten Lebensmittel und zahlt dafür in ausländischen Währungen. Durch den für Norwegen ungünstigen Wechselkurs sind die Produkte für die Endverbraucher deutlich teurer, das gilt ebenso für Kleidung.
Auch im Nachbarland Schweden leiden viele unter den hohen Zinsen. Denn die schwedische Krone notiert ebenfalls seit Monaten auf einem niedrigen Stand. Manche Ökonomen empfehlen deswegen die Einführung des Euros in Schweden oder zumindest die Koppelung der schwedischen Krone an die Gemeinschaftswährung. Aber dass es dazu kommt, gilt in Stockholm als unwahrscheinlich.