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Morning BriefingWarum der Kanzler jetzt vom Frieden in der Ukraine spricht

Christian Rickens 13.09.2024 - 06:16 Uhr Artikel anhören
Handelsblatt Morning Briefing

Dumm gelaufen: Wie Unicredit zum Commerzbank-Einstieg kam

13.09.2024
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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

An Tag zwei nach dem Einstieg der Unicredit bei der Commerzbank bekommt die Sache eine kuriose Note. Offenbar wurden sowohl die Bundesregierung als auch der Aufsichtsrat der Commerzbank kalt erwischt, als die Mailänder Großbank am Mittwochmorgen bekannt gab, dass sie neun Prozent an der Commerzbank erworben und Appetit auf mehr habe.

Kurios ist das erstens, weil es die Bundesregierung selbst war, die über ihre Finanzagentur den Italienern die Hälfte dieses Aktienpakets verkauft hat – die Italiener hatten das höchste Gebot abgegeben. Den Rest hat sich Unicredit am Markt zusammengekauft.

Doppelt kurios ist die Ahnungslosigkeit im Frankfurter Commerzbank-Tower, weil der Bund nach wie vor der größte Einzelaktionär der Bank ist. Und dass Unicredit Interesse an einem Einstieg hat, gilt in Frankfurter Bankenkreisen seit Langem als offenes Geheimnis.

Man sei „übertölpelt“ worden, räumen Beteiligte gegenüber den Handelsblatt-Reporterinnen und -Reportern ein. Die Gesprächspartner  zeichnen das Bild einer Regierung, die naiv an den Prozess heranging, ihn schludrig umsetzte und nun konsterniert das Ergebnis betrachtet: Die Bundesregierung hat einen Übernahmeversuch ermöglicht, den sie in der Vergangenheit nie wollte.

Noch kurioser wird es, weil Unicredit-Chef Andrea Orcel gestern beteuerte, er habe regelmäßig mit Behörden und Institutionen in Deutschland gesprochen:

Ich bin davon ausgegangen, dass alle relevanten Spieler wussten, was wir machen – sonst hätten wir diesen Schritt nicht unternommen.

Unsere Titelgeschichte zeichnet nach, wie der Unicredit-Einstieg möglich wurde. Sie zeigt auch auf, warum die Commerzbank ziemlich gut in Orcels wachsendes Finanzimperium passen würde.

Unicredit-Chef Andrea Orcel gilt als wichtiger Strippenzieher der europäischen Bankenszene. Foto: Unicredit

Gelingt der Deal, wäre es wohl die Krönung von Orcels Karriere. Der Ex-Investmentbanker würde einen Bankriesen schmieden, der einen Marktwert von etwa 76 Milliarden Euro erreichen könnte, und den in Europa nur noch die britische HSBC überträfe.

Dabei mag es der 61-Jährige gar nicht, wenn man ihn einen „Dealmaker“ nennt. Das klinge Orcel zu sehr nach testosterongetriebenem Investmentbanker, schreibt mein Kollege Michael Maisch in seinem Porträt. Und zu wenig nach dem kühl kalkulierendem Bankmanager mit strategischem Weitblick, als den sich Orcel selbst gern sieht.

Olaf Scholz ließ in dieser Woche keine Gelegenheit aus, um seine Botschaft zu setzen. Ob im ZDF-Sommerinterview am Sonntag, auf SPD-Festen am Montag und Dienstag oder bei der Generaldebatte im Bundestag am Mittwoch, auf allen Kanälen sendete der Kanzler in ähnlichen Worten stets das Gleiche in Sachen Ukraine:

Ich glaube, das ist jetzt der Moment, in dem man auch darüber diskutieren muss, wie wir aus dieser Kriegssituation doch zügiger zu einem Frieden kommen, als das gegenwärtig den Eindruck macht.

Alles nur Wahlkampfhilfe für die SPD in Brandenburg? Oder weiß der Kanzler etwas über eine Friedensinitiative, was wir nicht wissen? Tatsächlich steckt wohl ein bisschen von beidem hinter dem Scholz-Vorstoß.

Olaf Scholz: Der Bundeskanzler drängt auf ein Ende es Ukrainekriegs. Foto: via REUTERS

Auch wenn es in Kiew niemand offiziell sagt: In der Ukraine wächst die Bereitschaft, für ein Ende der Kämpfe auch auf Teile des ostukrainischen Donbass zu verzichten. Von einer Rückgabe der Krim wagt ohnehin kaum noch jemand zu träumen. Hinter den Kulissen drängen Vertreter des Westens die Ukraine zu mehr Pragmatismus bei den Kriegszielen.

Laut Diplomaten dürfte das Thema Friedensverhandlungen in den USA nach den Wahlen Anfang November an Fahrt aufnehmen, im Frühjahr könnte es ein Fenster für Verhandlungen geben – möglicherweise auch schon davor. Was natürlich wesentlich vom Wahlausgang abhängen dürfte.

Im dortigen Wahlkampf hat der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump einer zweiten Debatte mit seiner demokratischen Rivalin Kamala Harris eine Absage erteilt. „ES WIRD KEINE DRITTE DEBATTE GEBEN!“, schrieb Trump am Donnerstag auf seinem sozialen Netzwerk Truth Social und zählte dabei offenbar das TV-Duell mit Joe Biden mit. In einer Umfrage im Auftrage der Nachrichtenagentur Reuters erklärten 53 Prozent der Befragten, Harris habe die jüngste Fernsehdebatte gewonnen, 24 Prozent sahen Trump als Sieger.

Donald Trump und Kamala Harris – die Vizepräsidentin hatte für ein zweites Duell plädiert. Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

Der Reuters-Umfrage zufolge führt Harris nun US-weit mit 47 zu 42 Prozent vor Trump. Ende August hatte sie vier Prozentpunkte Vorsprung. Der Einfluss der Debatte wäre also sehr überschaubar geblieben.

Von der großen Wahl in den USA zu der etwas kleineren in Brandenburg: Zehn Tage vor dem Wahltermin holt dort die SPD gegenüber der Vorwoche um drei Prozentpunkte auf, hat Infratest dimap im Auftrag der ARD ermittelt. Die SPD liegt mit 26 Prozent nur noch knapp hinter der AfD mit unverändert 27 Prozent. Die CDU, derzeit Koalitionspartner von SPD und Grünen, kommt demnach auf 16 Prozent, das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) auf 13 Prozent. Grüne, Freie Wähler, Linke und FDP landen alle unter fünf Prozent. In Brandenburg ist es aber möglich, mit mindestens einem Direktmandat trotzdem ins Parlament einzuziehen.

Geschieht das nicht, reicht es laut der Umfrage in Brandenburg für eine Große Koalition aus SPD und CDU.

Wer immer im Auswärtigen Amt auf die Idee kam, eine Aussage von Donald Trump per Tweet zu korrigieren – auf sie oder ihn passt, was Otto von Bismarck einst über einen Diplomaten gesagt haben soll:

Er ist zwar ein Gesandter, aber kein geschickter.

Nein, geschickt war es ganz sicher nicht, um der Pointe willen einen Konflikt mit dem republikanischen Lager vom Zaun zu brechen. Das Auswärtige Amt hatte auf seinem offiziellen englischen Kanal im Netzwerk X ein flapsig formuliertes Statement gepostet, mit dem es eine Aussage Trumps zur deutschen Energiewende aus der TV-Debatte mit Kamala Harris richtig stellte – und noch halbwitzig angefügt, dass man in Deutschland keine Katzen und Hunde esse.

Richard Grenell, einst US-Botschafter in Berlin und möglicher US-Außenminister unter einem Präsidenten Trump, warf dem Auswärtigen Amt daraufhin „eklatante Wahlbeeinflussung“ vor und drohte mit Konsequenzen. Grennells Vorwurf ist natürlich absurd. Dennoch sei das deutsche Statement unnötig gewesen, kommentiert unsere Außenpolitik-Reporterin Dana Heide.

Trump hat immer noch gute Chancen, Präsident zu werden. Und dann wird die Bundesregierung stärker auf eine Zusammenarbeit mit ihm angewiesen sein als umgekehrt. „Die USA waren in der ersten Jahreshälfte 2024 im Warenhandel zum ersten Mal seit 2015 der wichtigste Handelspartner Deutschlands und haben damit China überholt“, sagt Galina Kolev-Schaefer vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW).

Die USA sind laut IW auch mit großem Abstand der wichtigste Abnehmer deutscher Ausfuhren: Der US-Anteil an den deutschen Warenexporten beträgt für die Autoindustrie 12,6 Prozent, für den Maschinenbau 13 Prozent und für die Pharmabranche sogar 23,2 Prozent.

Für soviel Geschäft würde sogar ich mir eine billige Pointe verkneifen.

Ich wünsche Ihnen einen fettnäpfchenfreien Wochenausklang.

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Herzliche Grüße,
Ihr

Christian Rickens
Handelsblatt Textchef

PS: In dieser Woche haben wir Sie gefragt, was Ihrer Meinung nach die Gründe für die Volkswagen-Krise sind und wie der Konzern die Wende schaffen könnte. Eine Auswahl der Leserkommentare finden Sie hier.

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