Erneuerbare Energien: Schwimmende Windkraftanlagen – ein Modell für die Zukunft?
Stockholm. Es ist eine imposante Konstruktion, die da seit fast zwei Jahren vor der norwegischen Küste bei Stavanger im Nordatlantik schwimmt. Gigantische Rohre, Verstrebungen und Schwimmkörper sowie ein riesiger Rotor bilden eine der ersten schwimmenden Windkraftanlagen in Europa. Konstruiert wurde die Anlage vom dänischen Unternehmen Stiesdal, benannt nach dem Gründer Henrik Stiesdal. Der ehemalige Chefingenieur von Siemens Windpower gilt als einer der Pioniere in der globalen Windkraft-Industrie.
Die Stiesdal-Sparte für schwimmende Windkraftanlagen leitet Peder Nickelsen, auch er ein ehemaliger Siemens-Ingenieur. Und Nickelsen ist von den Vorteilen schwimmender Offshore-Windturbinen gegenüber im Meeresboden verankerten überzeugt: „Die Kosten für Fundamente von Windturbinen sind abhängig von der Wassertiefe: je tiefer das Wasser, desto höhere Kosten.“
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Ab einer Tiefe von etwa 60 Metern explodierten die Kosten für fest installierte Windkrafträder und machten sie unwirtschaftlich, sagt er.
Schwimmende Anlagen stehen hingegen auf einer Plattform, die mit einfach zu installierenden Ketten am Boden verankert wird, um sie auch bei Stürmen und Wellen in Position zu halten. Mit schwimmenden Anlagen würde sich die Fläche der Meeresgebiete, die sich für Offshore-Windenergie nutzen lassen, drastisch vergrößern.
Standardisierte Bauweise als Vorteil er schwimmenden Anlagen
Ein weiterer Vorteil der Stiesdal-Konstruktion gegenüber anderen Experimenten mit schwimmenden Windkraftanlagen ist die Verwendung von standardisierten Bauteilen. Nickelsen: „Tatsächlich benutzen wir die gleichen Komponenten, die auch für bodenverankerte Anlagen verwendet werden. Dadurch können wir die Kosten deutlich senken.“
Leistungsmäßig habe die schwimmende Windkraftanlage westlich von Stavanger keinen nennenswerten Nachteil gegenüber fest verankerten Anlagen. Gerade vor der norwegischen Küste weht es meist kräftig, gleichzeitig aber fällt der Meeresboden sehr schnell ab, sodass fest verankerte Anlagen nicht infrage kommen.
„Wir werden schwimmende Anlagen hauptsächlich entlang der norwegischen Küste, an der Westküste Großbritanniens sowie in Gebieten der Biscaya und vor Portugal sehen, wo die Wassertiefe schnell 200 Meter erreicht“, prognostiziert Nickelsen. Auch vor der chinesischen und japanischen Küste würden bereits schwimmende Windturbinen installiert. An schwimmende Anlagen vor der deutschen Küste glaubt er hingegen nicht. Dort haben die fest verankerten Turbinen aufgrund der niedrigeren Wassertiefe auch weiterhin Kostenvorteile.
Die International Energy Agency (IEA) geht davon aus, dass bis 2040 schwimmende Windkraftanlagen weltweit auf eine Kapazität von bis zu 120 Gigawatt kommen werden. Das würde einem erheblichen Anteil an der globalen Offshore-Windenergie entsprechen.
In Zukunft werden viele große Offshore-Windparks nach Einschätzung von Nickelsen und anderen Experten aus fest verankerten und schwimmenden Windkraftanlagen bestehen. Dadurch wären größere Felder möglich, die über ein gemeinsames Seekabel mit dem Stromnetz an Land verbunden sind. Die Zukunft sei also kein Entweder-oder, sondern ein Miteinander, wie Nickelsen betont.