Kommentar: Die EZB muss weg vom Konsens

Es ist ein bemerkenswerter Umschwung: In seltener Synchronizität haben Volkswirte ihre Prognosen für die nächste Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) vorgezogen. So gut wie alle rechnen damit jetzt bereits nächste Woche Donnerstag. Noch vor Kurzem hielten die meisten dies für unwahrscheinlich und erwarteten nicht vor Dezember die Fortsetzung der Zinswende nach unten.
Anlass ist eine Kombination aus schwachen Frühindikatoren zur Konjunktur und nachlassenden Inflationsraten. Die jüngsten Daten deuten in der Tat darauf hin, dass behutsame Zinssenkungen legitim sind. Aber sie sind keineswegs so eindeutig negativ, dass ein Zwischenspurt der EZB oder gar ein Sprint zurück in die alte Zeit niedriger Leitzinsen zwangsläufig erscheint.
Die Inflation ist erstmals seit mehr als drei Jahren unter das EZB-Inflationsziel von zwei Prozent gefallen. Von Monat zu Monat betrachtet, hat der Preisauftrieb über den Sommer ebenfalls nachgelassen. Eine mögliche Rezession zieht herauf, Deutschland steckt längst drin. Die Wirtschaft hat Impulse via günstigere Kredite für Investitionen und Konsum nötig. Das sind Argumente der Tauben, der Verfechter einer eher lockeren Geldpolitik.
Bank of England Vorbild für die EZB
Die Inflation bei Dienstleistungen ist nach wie vor deutlich zu hoch, die EZB noch nicht am Ziel. Ein Wirtschaftsabschwung ist eher Mutmaßung als Gewissheit, denn harte Daten zum Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal liegen noch nicht vor. Selbst wenn: Die EZB allein kann es nicht richten. Gegen strukturelle Standortschwächen muss die Politik angehen, nicht die EZB. Das sind Gegenargumente der Falken, der Verfechter einer eher restriktiven Geldpolitik.
Die 26 Notenbanker im EZB-Rat sollten lustvoll diskutieren, wie diese Risiken zu gewichten sind. Ob die EZB wirklich gut beraten ist, stärker auf die Wachstumsschwäche als auf die Inflation zu achten, oder ob der jüngste Sprung der Ölpreise und anstehende Daten zum Lohnwachstum nicht doch zur Vorsicht mahnen.
Einstimmigkeit gilt in der EZB als hohes Gut, speziell nach der von Konfrontation geprägten Ära unter Mario Draghi. Dessen Nachfolgerin Christine Lagarde lebt Harmonie vor und lässt Abweichler ihre Missbilligung spüren. Doch Konsens sollte kein Selbstzweck sein. Die Bank of England hat ihre Zinssenkung im August mit äußerst knapper Mehrheit getroffen.
Die EZB sollte sich daran ein Beispiel nehmen. Der einhellige Prognoseumschwung unter EZB-Beobachtern ist insofern eher Anzeichen eines Herdentriebs und falsch verstandenen Konsens. Die Zeiten sind unsicher, sie rufen nach Einspruch und Streit in der Sache.