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PronatalismusRekordinvestitionen – das Silicon Valley feiert den Geburtenkult

Der zwölffache Vater Elon Musk ist Vertreter des Pronatalismus, einer Bewegung für mehr Geburten. Investitionen in die Fruchtbarkeitsbranche boomen – auch im US-Wahlkampf ist das ein Thema.Felix Holtermann, Annett Meiritz 16.10.2024 - 03:50 Uhr Artikel anhören
Auftritt von Elon Musk bei einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump Anfang Oktober. Der Tech-Milliardär warnt regelmäßig vor sinkenden Geburtenraten in den USA. Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

San Francisco, Washington. Im Silicon Valley wächst seit einigen Jahren ein regelrechter Geburtenkult heran – zumindest unter denen, die es sich leisten können. Pronatalismus heißt die Bewegung, die sich für mehr Geburten einsetzt.

Zu ihren prominentesten Vertretern gehört Tech-Milliardär Elon Musk. Regelmäßig warnt er auf seiner Plattform X vor sinkenden Geburtenraten in westlichen Industrieländern. „Ein Bevölkerungszusammenbruch aufgrund niedriger Geburtenraten stellt ein viel größeres Risiko für die Zivilisation dar als die globale Erwärmung“, schrieb Musk.

Seine Stiftung, die Musk Foundation, finanziert eine texanische Forschungsgruppe, die die Fruchtbarkeitsraten in den USA steigern will. Und laut der „New York Times“ hat Musk sein Sperma für eine potenzielle Marskolonie zur Verfügung gestellt.

Künstliche Befruchtung im Labor: Nur eine Möglichkeit, die Geburtenrate zu erhöhen. Foto: dpa

Er ist bei Weitem nicht der einzige Tech-Unternehmer, der sich dem Geburtenkult verschrieben hat. Das Silicon Valley interessiert sich zunehmend für die Fruchtbarkeit – das zeigen diese drei Entwicklungen:

1. Mehr Investitionen: Wie eine exklusive Auswertung des Analysehauses Pitchbook für das Handelsblatt belegt, stiegen die globalen Wagniskapitalinvestitionen im Fruchtbarkeitssektor 2023 auf ein Rekordhoch. Mit 909 Millionen Dollar wurde so viel Geld in Start-ups und Verfahren für Babyreichtum investiert wie nie zuvor. Noch 2014 beliefen sich die Investitionen auf insgesamt 150 Millionen Dollar. Insbesondere seit der Coronapandemie sind sie demnach sprunghaft angestiegen.

2. Mehr Innovationen: Das Ziel vieler dieser Investoren ist nicht einfach „mehr Babys“, sondern „bessere“ Babys: gesünder, intelligenter, optimiert. „Selektiver Pronatalismus“ nennen Experten diesen Ansatz. Dabei kommen zahlreiche Technologien zum Einsatz, von umfassenden genetischen Tests über künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft bis hin zum Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) bei der Embryonenauswahl. Auch an synthetischen Gebärmüttern wird geforscht. Firmen wie Orchid aus San Francisco versprechen Eltern, aus mehr als 1200 genetischen Merkmalen den „perfekten“ Embryo auszuwählen.

3. Mehr prominente Pronatalisten: Der Risikokapitalgeber Marc Andreessen fordert auf X regelmäßig, die Menschen müssten mehr Babys bekommen. Der Gründer von Skype, Jaan Tallinn, selbst fünffacher Vater, spendete fast 500.000 US-Dollar an eine pronatalistische Interessengruppe. Sam Altman, Chef von OpenAI, hat in mehrere Start-ups im Bereich der Reproduktionstechnologie investiert. „Natürlich werde ich eine große Familie haben“, sagte Altman einmal. „Ich finde es toll, viele Kinder zu haben.“

Und als der Gründer der Chat-Plattform Telegram, Pavel Durov, wegen mutmaßlicher krimineller Aktivitäten seiner App festgenommen wurde, wurde einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, dass er Hunderten von Paaren sein Sperma gespendet hat.

Die Pro-Geburten-Bewegung wird von religiösen Konservativen, Einwanderungsgegnern und eben von Teilen der Tech-Szene vorangetrieben. Längst ist Pronatalismus ein großes Thema in der US-Öffentlichkeit. Dabei braucht sich rein statistisch niemand über das Aussterben der Menschheit Sorgen zu machen.

Pronatalismus: Keine extravagante Randerscheinung mehr

Mehr als acht Milliarden Menschen bevölkern derzeit die Welt, Tendenz steigend. Der Bericht „Grenzen des Wachstums“ der Organisation Club of Rome hatte schon 1972 die weltweite Überbevölkerung als Problem der Menschheit identifiziert.

Worauf prominente Pronatalisten abzielen, ist der drastische Geburtenrückgang in wohlhabenden Industrieländern wie den USA, Deutschland, Japan oder China. Damit die Bevölkerung eines Landes stabil bleibt, müssen pro Frau durchschnittlich 2,1 Babys geboren werden. In Deutschland liegt die Geburtenrate derzeit bei 1,58, in den USA bei 1,6 und in China bei 1,2. Politiker in Südkorea haben bereits den nationalen Notstand ausgerufen: Mit 0,72 ist die Geburtenrate die niedrigste der Welt.

Der Vorwurf des Rassismus bleibt

Dass die Weltbevölkerung weiterhin wächst, liegt an den Schwellen- und Entwicklungsländern, in denen die Raten teilweise den Wert fünf übersteigen. „In den kommenden Jahrzehnten werden mehr als drei Viertel aller Geburten weltweit in den ärmsten Ländern der Welt stattfinden“, hieß es kürzlich in der Fachzeitschrift „The Lancet“. Diese demografische Umwälzung werde „die Weltwirtschaft und das internationale Machtgleichgewicht völlig verändern und eine Neuordnung der Gesellschaften erfordern“.

Viele Forderungen nach höheren Geburtenraten ziehen deshalb schnell den Vorwurf des Rassismus mit sich – zuweilen begründet: So rief der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán offen zur Fortpflanzung auf, um zu vermeiden, dass man zu einer „gemischtrassigen“ Gesellschaft wird.

Sam Earle und seine Frau Tori sind beide gläubige Baptisten. Ihre Tochter Novalie kam durch eine Embryonenadoption zur Welt. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Zunehmend spielt das Thema auch im US-Präsidentschaftswahlkampf eine Rolle, häufig im Zusammenhang mit Abtreibungen und dem Streit um Einwanderung. Die USA hatten 2021 das bundesweite Recht auf Schwangerschaftsabbrüche gekippt, seitdem haben viele US-Bundesstaaten Abtreibungsverbote erlassen. Die Debatten über Abtreibungsverbote werden häufig mit den Diskussionen über Geburtenraten verknüpft – und von den Parteien unterschiedlich geführt.

Der Vizekandidat des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, J. D. Vance, echauffierte sich über „kinderlose Katzenbesitzerinnen“, und Trump forderte staatliche Zuschüsse für künstliche Befruchtung sowie „Babyprämien“. Die demokratische Kandidatin Kamala Harris will Familien für jedes Neugeborene eine Steuergutschrift von 5000 Dollar gewähren.

Derzeit wächst die US-Bevölkerung noch, und die US-Bürger sind auch weniger überaltert als die Menschen in Europa oder Japan. Der Hauptgrund dafür sind die vergleichsweise hohen Einwanderungszahlen. Wenn also Trump Massenabschiebungen verspricht, hätte dies direkte Auswirkungen auf die demografische Zusammensetzung der USA.

Der Geburtenkult scheint inzwischen auch im gesellschaftspolitischen Mainstream angekommen zu sein: Eine der erfolgreichsten und umstrittensten Influencerinnen in den USA ist die achtfache Mutter Hannah Neeleman. Auf ihrem Instagram-Account „Ballerina Farm“ gibt sie Einblicke in ihr Leben als Model, Bäuerin und Multi-Mama, die mit der einen Hand Butter stampft und mit der anderen den Kindern Marmelade von der Schnute wischt.

Und die dreiteilige Netflix-Dokumentation „The Man With 1000 Kids“ über einen niederländischen Samenspender, der Hunderte Kinder in verschiedenen Ländern und Kontinenten zeugte, stand wochenlang auf Platz eins der Streaming-Plattform.

„Keine Kinder kriegen ist keine Option“

Doch der Fruchtbarkeitskult sorgt für Kontroversen. Die Forscherinnen Emily Klancher Merchant und Win Brown verglichen im Magazin „Fortune“ den Pronatalismus mit einem „Schneeballsystem“, deren wirtschaftlicher Ertrag zulasten von Frauen ginge, „die für den Großteil der Geburten und der Kindererziehung verantwortlich sind“. Musk reagierte prompt auf den Artikel und warf dem Magazin eine „menschenverachtende Haltung“ vor.

Das Magazin „Vanity Fair“ rief gerade das Zeitalter der „Mommy Mania“ aus und kritisierte eine „Besessenheit vom weiblichen Körper“. Frauen würden unter Druck gesetzt, ohne angemessene medizinische Versorgung oder erschwingliche Kinderbetreuung den Fortbestand der Zivilisation zu sichern.

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Selbst innerhalb der Pronatalisten-Bewegung sind die Ansichten unterschiedlich. So ist die rechtskonservative Denkfabrik Heritage Foundation, die der Trump-Kampagne nahesteht, einer der größten Verfechter der „heterosexuellen Kernfamilie“ mit vielen Kindern. „Keine Kinder kriegen ist keine Option“, erklärt der Chef des Thinktanks, Kevin Roberts, in seinem neuen Buch, zu dem J. D. Vance das Vorwort geschrieben hat.

Gleichzeitig aber verdammt die Heritage Foundation die Entwicklungen in der Tech-Branche. Wenn Kinder zu Luxusgütern würden, die man beliebig designen könne, untergrabe das den Wert des Lebens, kritisiert die Denkfabrik. Auch könnten sich die sozialen Ungleichheiten verschärfen, da sich nur Wohlhabende solche Technologien leisten könnten.

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