Verteidigung: Bundeswehr lädt zum Drohnen-Speeddating für die Ukraine
Manching. Langsam steigt die Drohne, die aussieht wie ein großer Rochen mit vier Propellern, senkrecht in die Höhe. Dann geht sie in den horizontalen Flug über, beschleunigt und verschwindet im grauen Oktoberhimmel über dem Luftwaffen-Erprobungszentrum im bayerischen Manching.
Entwickelt wurde das 100 Kilo schwere Fluggerät von der Bremer Firma Opto Precision eigentlich für die Umweltbeobachtung. Doch weil die Drohne gut mit widrigen Wetterbedingungen klarkommt, eignet sie sich auch bestens für die militärische Aufklärung. Zwei der Rochen, die je nach Sensortechnik 500.000 bis zwei Millionen Euro kosten, hat die ukrainische Armee bereits geordert.
Drohnen sind zum entscheidenden Faktor im Ukrainekrieg geworden, die Verteidiger setzen sie ebenso in großer Stückzahl ein wie die russischen Angreifer. Sie beherrschen das Gefechtsfeld, spähen längst nicht mehr nur gegnerische Stellungen aus, sondern markieren Bodenziele für die Artillerie oder werfen selbst Sprengkörper ab. Wer das leise Surren in der Luft hört, kann wenig später schon tot sein.
Die Ukraine entwickelt und baut zwar selbst Drohnen und hat laut Präsident Wolodimir Selenski bereits mehr als eine Millionen Exemplare verschiedener Ausführungen ausgeliefert. Das Land ist aber auch auf Lieferungen seiner Alliierten angewiesen.
Bedarf der Ukraine ist riesig
Unter Führung von Lettland und Großbritannien bemüht sich deshalb eine sogenannte „Fähigkeitskoalition“ um Beschaffung und Lieferung. Während des Nato-Gipfels im Juli ist auch Deutschland dieser Koalition beigetreten. Weitere Partnerländer sind Australien, Kanada, Dänemark, Estland, Neuseeland, Polen, Italien, Schweden und Litauen.
Von den rund 400 Millionen Euro, die Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) im laufenden Etat noch für zusätzliche Ukrainehilfen aufgetrieben hat, soll ein Teil auch für Drohnen ausgegeben werden. Die Bundesregierung hofft aber, dass auch andere Länder entweder selbst Drohnen einkaufen und an die Ukraine weitergeben oder den Ankauf mitfinanzieren.
Und so hat die Bundeswehr deutsche und lettische Hersteller sowie Militärattachés und -vertreter verschiedener Länder nach Manching zu einer Art Drohnen-Speeddating inklusive Flugvorführung eingeladen.
„Wir müssen wirklich alles tun, um unsere ukrainischen Partner so gut wie möglich auszustatten“, sagt Generalmajor Christian Freuding, Leiter des Ukraine-Sonderstabs im Verteidigungsministerium. Das gilt umso mehr, weil der größte amerikanische Drohnenproduzent Skydio nach einem Bericht der „Financial Times“ unter einem chinesischen Lieferstopp für dringend benötigte Batterien leidet.
Gerade bei den Drohnen gibt es eine rasante Entwicklung und immer mehr etablierte Unternehmen und Start-ups, die auf dem Feld mitzumischen versuchen. Klaus Scho präsentiert in Manching seinen „Singvogel“, die Drohne Songbird 150. Rund drei Meter Spannweite, 14 Kilo schwer, mehr als eineinhalb Stunden Flugzeit, ausgestattet mit HD- und Thermalkameras und Laserpointer.
Erst vor acht Jahren hat Scho sein Unternehmen Germandrones gegründet, einen Monat nach Beginn des Ukrainekriegs erhielt er die ersten Aufträge aus Kiew. Mittlerweile hat die Firma eine dreistellige Zahl von Drohnen an die Ukraine geliefert, die Produktionskapazität in den beiden Werken in Berlin und nahe Mönchengladbach soll bis Jahresende von 50 auf 100 Stück pro Monat steigen.
Über eine elektronische Plattform teilen die ukrainischen Nutzer die auf dem Schlachtfeld gesammelten Erfahrungen, die dann für Optimierungen genutzt werden können. „Die Entwicklungszyklen sind sehr schnell, innerhalb eines Monats muss man sich anpassen“, sagt Firmengründer Scho.
Auch andere etablierte Namen sind in Manching dabei. Hersteller wie Rheinmetall, Quantum Systems oder Helsing, aber auch Firmen, die sich um das Erkennen und die Abwehr von Drohnen kümmern, wie Diehl Defence oder Rohde & Schwarz. Das Spektrum beschränkt sich längst nicht nur auf Geräte zur Aufklärung.
Die lettische Firma Belss präsentiert kleine Drohnen für 2000 Euro, die wie aus dem Baumarkt anmuten, aber äußerst wendig und pfeilschnell sind und sich mit Granaten oder anderen Sprengkörpern bestücken lassen. Eine todbringende Gefahr auf dem Gefechtsfeld. Auf die Frage, wie viele der Drohnen bereits in die Ukraine verkauft wurden, zeigt Belss-Manager Edgars Gaurucs nur ein Foto auf seinem Handy. Hunderte der kleinen Fluggeräte stapeln sich da in einem großen Raum.
Auch die Bundeswehr ist interessiert
Doch was in Manching gezeigt wird, ist nicht nur für die Ukraine interessant. Man schaue auch, was man für die eigene Armee gebrauchen könne, sagen zwei Militärs, die eigens aus Italien angereist sind. Auch Freuding informiert sich an den Ständen der Hersteller.
Denn gerade im Bereich Kleindrohnen, die im Ukrainekrieg eine entscheidende Rolle spielen, steht die Bundeswehr bisher weitgehend blank da. Eine eigens eingesetzte Taskforce hat zwar den Bedarf ausgelotet, ist aber noch nicht zu einem klaren Ergebnis gekommen. Zwar hat die Bundeswehr für die Spezialkräfte 14 „Falke“-Drohnen bei Quantum Systems bestellt, die Auslieferung soll zum Jahresende beginnen.
Doch bisher stand vor allem die Aufklärung im Fokus. Drohnen, die auch angreifen oder andere Drohnen bekämpfen können, sind bisher eine Leerstelle beim deutschen Heer. Wie Germandrones-Gründer Scho verweist aber auch Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) auf die rasanten Entwicklungszyklen im Drohnen-Business.
Man könne jetzt nicht wie bei anderen Rüstungsgütern einfach langfristig bindende Verträge schließen, sondern brauche gewissermaßen ein „atmendes System“, sagte Pistorius kürzlich bei einem Besuch des Cyber Innovation Hubs (CIH) der Bundeswehr.
Denn angesichts der schnell fortschreitenden technologischen Entwicklung müsse sichergestellt sein, dass die Bundeswehr auch immer das bekomme, „was gerade state of the art ist“, betonte der Minister.
Die ukrainische Armee ist gezwungen, ihre Drohnen ständig „state of the art“ zu halten, wenn sie den russischen Angreifern widerstehen will. Das weiß auch Kiews Botschafter Oleksii Makeiev, der in Manching darauf hofft, mit finanzieller Unterstützung anderer Länder möglichst viele der gezeigten Fluggeräte einkaufen zu können. „Es gibt keinen besseren Platz als die Ukraine, um ihre Technologien zu testen“, sagt er.