Morning Briefing Plus: Der Bruch
Liebe Leserinnen und Leser
herzlich Willkommen zum Rückblick auf eine Woche, die wir alle nicht so bald vergessen werden. Erst gewann Donald Trump überraschend deutlich die US-Präsidentschaftswahl.
Als die Redaktion Mittwochabend dann nach einem turbulenten Tag an den Nachtdienst nach New York übergeben wollte, trat plötzlich Olaf Scholz vor die Kameras, um persönlich mit Christian Lindner abzurechnen. Bis spät in die Nacht beschrieben die Kollegen den Zusammenbruch der Koalition.
Das muss man erst einmal schaffen, Donald Trump am Tag seiner Wiederwahl aus den Schlagzeilen zu verdrängen, unkte Politikchef Moritz Koch.
Aber was war eigentlich passiert? Donnerstagabend der vorigen Woche drückte um 20:18 Uhr ein Mitarbeiter im Ministerbüro von Christian Lindner (FDP) auf „senden“ und verschickte dessen Wirtschaftswendepapier an einen kleinen Kreis in Kanzleramt und Wirtschaftsministerium. Und natürlich dann das Papier an die Öffentlichkeit.
Seitdem herrschte Aufruhr in der Ampel, bis die Ampel am Mittwochabend schließlich zerbrach: „Ich möchte nicht mehr, dass du meinem Kabinett angehörst, und werde morgen dem Bundespräsidenten mitteilen, dass du entlassen wirst", sagte Kanzler Scholz zu Finanzminister Lindner.
In einem höchst spannenden Report haben Julian Olk, Martin Greive und Jan Hildebrand den Auflösungsprozess rekonstruiert.
Dafür führten die drei Reporter in den Tagen davor unzählige Telefonate, sprachen persönlich mit Politikern und schrieben eine dreistellige Zahl an SMS. Mit jedem Gespräch und jeder Nachricht wurde ihnen klarer, dass die Koalition kaum mehr zu retten ist.
Am Freitag vergangener Woche wiegelte ein hochrangiges Regierungsmitglied in einem Telefonat noch ab: Das sei nur ein Papier von Lindner, nun wolle man mal abwarten. Am Montag klang dieselbe Person schon ganz anders: Es gebe kaum mehr Hoffnung für die Koalition. Und damit war er nicht allein.
Auf eine SMS rief ein Regierungsmitglied zurück, das nicht im Verdacht steht, die Ampel beenden zu wollen. Eine halbe Stunde lang schilderte er die verfahrene Lage, die in dem Eingeständnis endete: „Ich sehe keinen Weg, wie das noch werden soll.“
Allen war klar: Am Mittwoch könnte es zum Showdown kommen. Julian fuhr gegen Abend zum Kanzleramt, wo der Koalitionsausschuss tagte. Jan und Martin blieben zunächst noch am Computer, tippten SMS und bereiteten Textbausteine vor für den ersten Bericht über den sich abzeichnenden Koalitionsbruch.
Immer mehr Informationen erreichten sie. Im Minutentakt vibrierten die Handys mit neuen Eilmeldungen: Lindner schlägt Neuwahlen vor. Scholz entlässt Lindner. Die FDP zieht sich aus der Koalition zurück. Der Kanzler will am 15. Januar die Vertrauensfrage stellen.
Jan, Julian und Martin tippten die neuen Informationen in Laptop oder Handy und schickten sie in die Düsseldorfer Zentrale, wo sie die Kolleginnen und Kollegen in die Texte auf der Homepage und in das ePaper einbauten.
Als sich dann Sondersitzungen der Ampelfraktion abzeichneten, fuhr Jan in den Bundestag. Julian verfolgte die Abrechnung von Scholz mit Lindner im Kanzleramt – mit dem Laptop auf dem Schoß. Kurz danach sah er, wie Lindner um 21:47 Uhr in der Dienstlimousine vom Parkplatz des Kanzleramts fuhr.
Einige Minuten später stieg Lindner aus dem Fahrstuhl auf der dritten Etage im Bundestag, wo Jan wartete. Der Noch-Finanzminister gab sein Statement ab, kritisierte Scholz, und er eilte dann in den Fraktionssaal zu den FDP-Abgeordneten.
Während Martin am Computer die Texte mit den neuen Informationen aktualisierte, warteten Jan und Julian bis 1 Uhr nachts auf der Fraktionsebene im Bundestag. Immer wieder kamen Ampelpolitiker auf die beiden zu, darunter Minister, Staatssekretäre und Fraktionschefs, um ihre Sicht der Dinge zu schildem.
Nach dem Ampel-Aus hatten sie großen Redebedarf. Um 02:19 Uhr erreichte Jan die letzte SMS eines Ministers für diese Nacht.
Bereits um kurz nach 6 Uhr am Donnerstagmorgen ging es schon weiter. Noch immer trudelten neue Informationen ein, schrieben Informanten. Auch die ersten Einladungen für kurzfristige Hintergrundrunden fanden sich im E-Mail-Fach.
Die drei Reporter legten im Redaktionssystem einen Artikel an, in den jeder seine Informationen eintrug, chronologisch geordnet, von Donnerstagabend bis Mittwochnacht. Zwischen Telefonaten und weiteren Hintergrundgesprächen wuchs der Text immer weiter – bis er am Donnerstagmittag fertig war. Er ging dann noch durch die erfahrenen Hände unseres Redigier-Teams – gegen Mittag war die große Rekonstruktion des Ampel-Crashs online.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1. Stellt Olaf Scholz die Vertrauensfrage schon vor Weihnachten? Offenbar ist er gesprächsbereit. Lesen Sie hier, wie CDU, SPD und Grüne um den Wahltermin ringen.
2. Trump siegt, Putin jubelt, Deutschland ist gelähmt, so kann man die Lage Ende dieser Woche zusammenfassen. Vor allem für die Bundesrepublik ist die geopolitische Lage nach dem Zusammenbruch der Koalition alarmierend. Aber was folgt eigentlich daraus? Was ist in den USA jetzt zu erwarten? Wie verändert dieses Machtbeben die Welt? Diese Fragen analysieren Handelsblatt-Korrespondenten für unseren großen Wochenende-Titel.
3. Wie blickt man in der Ukraine auf das Ergebnis der US-Wahl? Das Land ist wie wenige andere von dem Ergebnis betroffen. Meine Kollegin Mareike Müller hat die Wahlnacht in einer Bar in Kiew verfolgt. Hier lesen Sie ihren wunderbaren Report.
4. Eine höchst interessante geopolitische Analyse haben noch die beiden Asien-Korrespondenten Martin Benninghoff und Martin Kölling beigesteuert: Sie beschreiben, wie Nordkoreas Entsendung von Soldaten in den Ukrainekrieg China irritiert. Das öffne, so schreiben sie, „eine kleine Chance für Diplomatie – die noch vor Kurzem kaum denkbar schien“. Offenbar weiß nicht einmal Peking, was Nordkorea und Russland vereinbart haben.
5. Die Subventionen heimischer E-Auto-Hersteller in China haben immer wieder hohe Wellen geschlagen. Aber über welche Beträge reden wir hier eigentlich? Bilanzforensiker haben für das Handelsblatt nachgerechnet – und sie kommen auf riesige Milliardensummen.
6. Was sind eigentlich die Gründe für die vielen Verspätungen der Bahn? Die marode Infrastruktur! Würden viele rufen. Doch das ist allenfalls ein Teil der Wahrheit. Die Hauptgründe sind andere, wie Recherchen meiner Kollegin Josefine Fokuhl zeigen: überfüllte Strecken, zu knappe Fahrpläne und daraus resultierende Engpässe auf der Schiene. Man kann das auch anders nennen: Managementversagen.
7. Audi wagt einen radikalen Schritt für den Neustart in China: Ohne die vier Ringe und mit Technologie des chinesischen Partners Saic bringt der Autohersteller eine neue Submarke auf den Markt. Man fragt sich: Kann das Weglassen der Ringe das Innovationsproblem des Konzerns wirklich lösen?
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.
Herzlich
Ihr
Sebastian Matthes