Tourismus: Urlaubsanbieter halten Strategie der Ampel für gescheitert
Berlin. Die Ampelkoalition hinterlässt bei ihrem Förderprogramm für den Tourismus eine in der Branche heftig kritisierte Baustelle. Für Erregung sorgt die sogenannte „Nationale Tourismusstrategie“ der Bundesregierung: ein seit mehr als drei Jahren geschmiedeter Aktionsplan, der laut Wirtschaftsministerium „den Akteuren im Tourismus Orientierung bieten und den Wandel des Tourismusstandorts Deutschland zukunftsgerichtet begleiten“ soll.
„Der große Wurf ist ausgeblieben“, urteilt etwa Sven Liebert, Generalsekretär des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) über den vergangenen Monat vorgelegten Zwischenbericht der Bundesregierung. Wichtige Themen fehlten noch, man hoffe auf den Abschlussbericht. Ob es ihn angesichts des Koalitionsbruchs geben wird, ist allerdings mehr als fraglich.
Marija Linnhoff, Vorsitzende des Reisebüroverbands VUSR kommentiert das Ergebnis noch drastischer: „Was da aus dem Wirtschaftsministerium gekommen ist“, sagt sie, „erscheint völlig planlos.“
Mit dem umfassenden Tourismuskonzept hatte sich die Ampel zum Ziel gesetzt, „die inländische Wertschöpfung zu erhöhen“ und „die Lebensqualität der in Deutschland lebenden Menschen nachhaltig zu steigern“. Mehr als 130 Fachleute aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft konsultierte die Berliner Regierung unter der Ägide des Tourismusbeauftragten Dieter Janecek (Grüne), um „Ziele zu setzen und Initiativen einzuleiten“.
Die dazu eigens gegründete „Nationale Plattform Zukunft des Tourismus“ tagte in mehreren Runden, koordiniert von der Münchener Unternehmensberatung Dr. Fried und Partner. Beteiligte geben die Kosten für den Steuerzahler mit „weit mehr als eine halbe Million Euro“ an.
Das Ergebnis der teuren und zeitaufwendigen Regierungskonsultation werten Branchenvertreter nun bestenfalls als übersichtlich. So veröffentlichte der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga auf seiner Website einen Kommentar der CDU-Bundestagsabgeordneten Hechthild Heil, die Robert Habeck und der Ampelkoalition vorwirft, die Tourismuspolitik fast ausschließlich auf die Aspekte Nachhaltigkeit und Klimaschutz reduziert zu haben.
In den Initiativen findet sich viel Umweltpolitik
Tatsächlich finden sich in dem Mitte Oktober veröffentlichten Papier unter den insgesamt 27 Initiativen vor allem umweltpolitische Maßnahmen. In den Urlaubsgebieten sollten vermehrt Elektro-Ladesäulen aufgebaut werden, heißt es dort beispielsweise. Die Deutsche Bahn solle den Deutschlandtakt einführen, dessen Start das Verkehrsministerium allerdings neulich erst auf 2070 terminierte. Weiterhin sei für eine ökologische Landwirtschaft zu sorgen und für eine Förderung von Wasserstoff und Brennstoffzelle.
Neben der „Wiederherstellung gefährdeter Auen-Ökosysteme“ sorgt sich der Tourismus-Aktionsplan sogar um die politisch korrekte Ausrichtung von Künstlern. „Hauptziel ist es, über Kultureinrichtungen einen kulturellen Wandel zu einer Nachhaltigkeitskultur zu fördern“, ist dem Papier zu entnehmen.
Auf der Dehoga-Website ist die Kritik groß. „Die Wettbewerbsfähigkeit der Branche mit über drei Millionen Beschäftigten in der Gastronomie, der Hotellerie, in Reisebüros, bei Reiseveranstaltern, bei Verkehrsunternehmen und weiteren Tourismusanbietern spielt in der verfolgten Zielsetzung fast überhaupt keine Rolle", ist dort zu lesen. Verbandsgeschäftsführerin Ingrid Hartges fügt auf Handelsblatt-Anfrage diplomatisch hinzu: „Die Ergebnisse bleiben hinter unseren Erwartungen zurück.“
Dabei gäbe es aus Sicht deutscher Touristiker reichlich Nachbesserungsbedarf auch jenseits von Klimazielen und ökologischer Nachhaltigkeit. So brachte eine jüngste Umfrage des Hotel- und Gaststättenverbands zutage: Trotz aller Bemühungen und politischer Versprechen, Bürokratie abzubauen, verbringen gastgewerbliche Betreiber mittlerweile mehr als 14 Stunden pro Woche mit Zettelwirtschaft.
Tui-Vorstandschef Sebastian Ebel klagte am Freitag beim Reisebüroverband VUSR, sein Konzern erziele Gewinne fast nur noch im Ausland. „Tourismusprodukte in Deutschland sind mit derart hohen Bürokratiekosten belastet“, monierte er, „dass hier die Grundwirtschaftlichkeit fehlt.“ Nachhaltigkeit könne man sich nur leisten, rief Ebel in Erinnerung, wenn man Geld verdient.
Als besonders renditezehrend kritisiert Deutschlands größter Reiseanbieter den vom Justizministerium beaufsichtigten Deutschen Reisesicherungsfonds (DRSF). Dort haben sich zur Absicherung angezahlter Reisekosten bereits 1,4 Milliarden Euro angehäuft, womit der gesetzlich geforderte Topf aus Sicht der Branche hinreichend gefüllt ist.
Eine Prämienreduzierung für die Pauschalreise-Anbieter aber zeichnet sich nicht ab. Eine solche „Spardose“ nütze weder dem Standort noch den Verbrauchern, kritisierte Ebel die hohen Belastungen deutscher Reiseunternehmen. Ein Brief seines Cheflobbyisten Thomas Ellerbeck ans Bundesjustizministerium blieb ergebnislos.
Ähnliche Sorgen bereitet Urlaubsanbietern der Luftverkehr. Dort hat die Verdoppelung staatlicher Standortkosten während der Ampelregierung dazu geführt, dass ein Abflug aus Deutschland rund 4400 Euro kostet, in Madrid aber nur 660 Euro. Dublin begnügt sich mit 244 Euro.
Hinzu kommt, dass die „Nationale Tourismusstrategie“ aus Klimaschutzgründen zwar den Einsatz von CO2-neutralem Kraftstoff – dem sogenannten Sustainable Aviation Fuel SAF – im Flugverkehr fordert, selbst dafür aber wenig unternimmt. „Die staatliche Unterstützung von zwei Milliarden Euro wurde klammheimlich aus dem Haushalt gestrichen“, berichtet Condor-Chef Peter Gerber.
Weil sich Deutschlands Flugkapazitäten seit 2019 aufgrund der Kosten drastisch reduzierten, während sie in den Nachbarländern deutlich zunahmen, sehen Tourismuspolitiker wie Anja Karliczek (CDU) auch eine Gefahr für den innerdeutschen Tourismus. „Wir haben in Deutschland reichlich freie Urlaubskapazitäten, die man mit ausländischen Gästen füllen könnte“, sagt sie. „Die teure Abfertigung und die hohen Sicherheitsgebühren an den Flughäfen schmälern aber unsere Wettbewerbsfähigkeit.“
Wunschliste der Urlaubsanbieter ist lang
Zu den Kostentreibern zählen laut Karliczek auch die hohen Energiekosten und die immer weitere Anhebung des Mindestlohns. „In eine Nationale Tourismusstrategie hätte der Plan gehört, wie die meist mittelständischen Anbieter nach Corona wieder zu stabilen Geschäftszahlen kommen können“, sagt sie.
Die Wunschliste deutscher Urlaubsanbieter ist lang. Flexiblere Arbeitszeitregeln gehören dazu, aber auch ein Stopp drohender Kennzeichnungsverpflichtungen wie der Tierhaltungskennzeichnung auf der Speisekarte. „Die aktuell diskutierte EU-Entwaldungsverordnung etwa wird auch Gastronomen dazu zwingen, ihren Kaffee- und Kakao-Einkauf kleinlich zu dokumentieren“, klagt Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Hartges.
Dabei ist die Lage für Deutschlands Urlaubs- und Gastronomiebranche, die jährlich rund 330 Milliarden Euro umsetzt sowie direkt und indirekt jeden elften Arbeitsplatz sichert, keinesfalls rosig.
Im September 2024 verbuchten die Beherbergungsbetriebe in Deutschland 1,6 Prozent weniger Gäste als ein Jahr zuvor. Von den Einbrüchen während der Coronapandemie hat sich Deutschlands Übernachtungsbranche bis heute nicht erholt. So lag ihr Umsatz in den ersten Monaten 2024 inflationsbereinigt 7,9 Prozent unter dem Wert von 2019, Gaststätten verzeichneten sogar ein Minus von 14 Prozent.
Schon jetzt verspricht CDU-Tourismusexpertin Karliczek daher kräftige Nachbesserungen an der Nationalen Tourismusstrategie, sollte ihre Partei bei den Neuwahlen an die Regierung kommen. „Um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, müssen wir dort Maßnahmen auflisten, die dem deutschen Tourismus wirklich helfen“, sagt sie.
So will sie die starren Arbeitszeitregeln in der Gastronomie flexibilisieren, die Luftfahrtkosten senken und den Mehrwertsteuersatz in deutschen Gaststätten auf einheitlich sieben Prozent senken. „Das wird nicht in einem Rutsch gehen“, sagt sie. „Aber wir müssen zu einem verlässlichen Fahrplan kommen.“