Morning Briefing: Die SPD bleibt auf dem Scholz-Weg
Ersatzkandidat: Pistorius zieht zurück – SPD vor schwerem Wahlkampf
Guten Morgen lieber Leserinnen und Leser,
Das war ein bewegter Tag gestern in der Handelsblatt-Redaktion. Seit dem Mittag vernahmen unsere Hauptstadt-Reporter Gerüchte, dass die SPD ihre K-Frage noch vor dem Wochenende klären wolle – und, dass es auf Scholz hinauslaufen werde.
Am Abend erklärte Verteidigungsminister Pistorius dann in einer Videobotschaft seinen freiwilligen Verzicht auf die Kandidatur. Derselbe Pistorius, der noch am Montag erklärt hatte: „Das Einzige, was ich definitiv ausschließen kann, ist, dass ich noch Papst werde.“
Als die SPD das Video veröffentlichte, war die Papier-Ausgabe des Handelsblatts bereits im Druck. Für unsere digitalen Kanäle haben die Berliner Kollegen die Titelgeschichte selbstverständlich aktualisiert. An der Überschrift des Textes mussten sie nichts ändern, die hat weiter Gültigkeit:
Denn wie soll die SPD eine kraftvolle Aufholjagd starten, wenn die Parteibasis doch viel lieber für Boris Pistorius Wahlkampf gemacht hätte? Unsere Grafik zeigt das Dilemma.
Die Fähigkeit des Kanzlers zu Demut und Selbstkritik gilt als wenig ausgeprägt, dafür ist seine Nervenstärke legendär. Aus Scholz‘ Umfeld heißt es, Kritik und Grummeln in der Partei gehörten in einer angespannten Lage zum politischen Geschäft. Wer das nicht aushalte, habe in Spitzenämtern nichts verloren.
Es war ein Showdown, und der andere hat zuerst geblinzelt, so sieht es nun aus Sicht der Scholz-Anhänger aus. Denn dass Pistorius schon ganz gerne Kanzlerkandidat geworden wäre, davon darf man wohl ausgehen. Sonst hätte er ja schon vor Wochen klar sagen können, dass er nicht zur Verfügung stehe. Indirekt bestätigte die SPD-Co-Vorsitzende Saskia Esken diese Lesart, als sie gestern der „Rheinischen Post“ sagte:
Auf eine Frage werden wir nun wahrscheinlich nie eine Antwort bekommen: Wäre Pistorius wirklich der bessere Kanzlerkandidat gewesen? Oder wäre er ruckzuck entzaubert worden, wenn er im Wahlkampf nicht mehr nur über Verteidigungspolitik hätte reden müssen, sondern auch über Rentengerechtigkeit, Industriepolitik und das europäische Emissionshandelssystem?
Die Antwort bleibt er uns schuldig. Scholz soll am kommenden Montag vom SPD-Vorstand als Kanzlerkandidat nominiert werden.
Wie weit der Weg wird, den Scholz nun aufholen muss, machte gestern Abend eine frische Sonntagsfrage von Infratest dimap deutlich. Darin verliert die SPD noch einmal an Zustimmung und liegt nun mit 14 Prozent gleichauf mit den Grünen auf Platz drei hinter Union (33 Prozent) und AfD (19 Prozent).
Nebeneffekt: Ab heute gibt es für Sozialdemokraten keinen Grund mehr, sich über die Grünen-Kanzlerkandidatur von Robert Habeck lustig zu machen.
Der vom designierten US-Präsidenten Donald Trump für das Amt des Justizministers nominierte Matt Gaetz will nicht mehr. Das teilte dieser nach Beratungen mit US-Senatoren mit. Der Senat muss die neuen Minister absegnen.
Von den vielen umstrittenen Personen, die Trump für sein Kabinett vorgeschlagen hat, ist Gaetz die umstrittenste. Dem früheren Kongressabgeordneten aus Florida wird unter anderem Sex mit einer Minderjährigen und Drogenkonsum vorgeworfen. Beides weist der 42-Jährige zurück. Mehrere Jahre lang ermittelte auch das US-Justizministerium gegen ihn wegen „Sex Trafficking“, also Menschenhandel zum Zwecke sexuellen Missbrauchs, beendete seine Untersuchung aber ohne Anklage.
In der Nacht gab Trump schließlich seine neue Wunschkandidatin für das Amt bekannt. Er sei „stolz“, die frühere Generalstaatsanwältin des Bundesstaates Florida, Pam Bondi, „als nächste Justizministerin der Vereinigten Staaten“ anzukündigen, erklärte Trump in seinem Onlinenetzwerk Truth Social. Bondi gehörte zu dem Anwaltsteam, das Trump im Amtsenthebungsverfahren gegen ihn vertrat.
Der finanziell angeschlagene schwedische Batteriehersteller Northvolt hat in den USA Gläubigerschutz gemäß „Chapter 11“ beantragt. Noch ist nicht abzusehen, was das Insolvenzverfahren für den geplanten Bau einer Northvolt-Fabrik im schleswig-holsteinischen Heide bedeutet. Das Unternehmen erklärte dazu am Abend: Die deutsche Tochter werde unabhängig von der Muttergesellschaft finanziert, „sie ist nicht Teil des Chapter-11-Verfahrens.“
Nicolas von Rosty, als Deutschlandchef von Heidrick & Struggles einer der profiliertesten Personalberater der Republik, registriert derzeit eine Veränderung bei den Wünschen, mit denen Unternehmen an ihn herantreten. Vor allem in klassischen deutschen Industriebranchen sei wieder „ein härterer Managertyp gefragt“. Rosty:
Personalberaterin Martina van Hettinga nimmt es ähnlich wahr. „Performance-Management, Cashflow-Optimierung und Profitabilität“, zählt sie als Themen auf, die bei Arbeitgebern derzeit weit oben auf der Kompetenzen-Wunschliste stünden.
Ist der vorangegangene Managementtrend damit passé, in dem es viel um Begriffe wie Achtsamkeit, Purpose und wertschätzende Kommunikation ging? Keineswegs, so Fabian Kienbaum, Chef der gleichnamigen deutschen Personal- und Unternehmensberatung. Wir müssten uns von der Idee verabschieden, dass es einen richtigen Führungsstil gebe. Gute Führung bedeute mehr denn je situatives Handeln.
Frei nach Herbert Grönemeyer ließe sich die kommende Managergeneration vielleicht so charakterisieren:
Zudem hat das Handelsblatt – in Kooperation mit der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group und mithilfe einer externen Jury – eine Bestenliste der vielversprechendsten aufstrebenden Topmanagerinnen und -manager erstellt. Sie haben sich bereits in mindestens einem von vier Bereichen bewährt:
Merken Sie sich die Namen am besten gut. Einer davon könnte der Ihres nächsten CEO sein.
Eher nicht nach einem zeitgemäßen Führungsstil klingt das, was unsere Reporterinnen und Reporter über den schwedischen Private-Equity-Fonds Triton herausgefunden haben, unter anderem größter Aktionär des deutschen Rüstungskonzerns Renk. Insider behaupten: Die Führungskultur des Finanzinvestors ist geprägt von Alkohol und Chauvinismus. Triton bestreitet das.
Apropos: Wie oft eigentlich beim Schreiben des Handelsblatt Morning Briefings Alkohol im Spiel sei – das war eine der vielen Fragen von Leserinnen und Lesern, die uns zu unserem Streaming-Event „Morning Briefing Live“ im Oktober erreicht hatten. Ich habe damals versprochen, dass wir einen Weg finden werden, alle Fragen auch zu beantworten. Im Morning Briefing vom 12.12. wird meine Kollegin Teresa Stiens damit beginnen, und ab Anfang Januar mache ich dann weiter. Ich weiß nicht warum, aber die Frage mit dem Alkohol ist bei mir gelandet.
Ich wünsche Ihnen einen maßvollen Wochenausklang.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
PS: In dieser Woche haben wir Sie gefragt, ob die CDU eine Koalition mit der AfD in Erwägung ziehen sollte. So denkt die Leserschaft über den Vorschlag.