Diversität: „Das Thema Vielfalt wurde in Teilen übertrieben“
Düsseldorf. Als sie 2020 ihre Initiative „Beyond Gender Agenda“ (BGA) gegründet hatte, waren viele ihrer Bekannten verwundert. Sie, die erfolgreiche Unternehmerin und Werberin, setzte sich nun für mehr Vielfalt in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft ein? Ernsthaft?
Vicky Wagner überzeugte sie alle. Ihre Initiative für mehr Diversität hatte zu Hochzeiten 13 Mitarbeiter. Internationale Konzerne wie L’Oreal, Topkanzleien wie A&O Shearman und deutsche Großunternehmen wie Bahn, Post und Beiersdorf wurden offizielle Partner.
Wagner erstellte Studien, plante Veranstaltungen, vergab Preise wie den „German Diversity Award“, kürte die „CEOs of the year“ und benannte die „Women of the year“. Sie gründete 2022 auch eine Beratung namens „Beyond Gender Advice“ zum Thema aus.
Damit ist nun Schluss. Wagner verkündete auf Linkedin das Aus für ihre Initiative zu Ende März. Ihre Entscheidung bekommt angesichts der inzwischen auch in Europa zu beobachtenden Anti-Wokeness-Bewegung eine größere Bedeutung. Vertreter dieser Bewegung stehen dafür, weniger wachsam gegenüber Missständen wie Diskriminierung zu sein und sich mehr für das Wohl einer vermeintlichen Mehrheit einzusetzen.
Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt Vicky Wagner, warum sie einen Schlussstrich zieht und warum sie jetzt einerseits „dankbar“, andererseits auch „persönlich enttäuscht“ ist.
Lesen Sie hier das komplette Interview.
Frau Wagner, warum beenden Sie Ihre Initiative „Beyond Gender Agenda“, die sich für mehr Vielfalt in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft einsetzt?
Wir sind Anfang 2020 mit dem Ziel an den Start gegangen, das Thema Diversität auf die Agenda der deutschen Wirtschaft zu setzen. Dieses Ziel ist aus unserer Sicht erreicht. Durch unsere Diversitätskampagnen, Studien, Veranstaltungen und nicht zuletzt den Diversity-Index haben wir selbst die Aufmerksamkeit der Dax-CEOs gewonnen. Daher braucht das Thema jetzt keine generelle Aufmerksamkeit mehr.
Sind Sie sich sicher?
Ein Fortsetzen unserer kommunikativen Aktivitäten wäre auch vor dem Hintergrund der in Politik und Wirtschaft zunehmend kritischen Haltung gegenüber Wokeness und Diversität kontraproduktiv.
Werden nicht gerade vor diesem Hintergrund weitere Aktivitäten nötiger denn je?
Natürlich könnten wir weiter durch öffentlichkeitswirksame und reichweitenstarke Kampagnen mehr Diversität in der deutschen Wirtschaft einfordern. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass eine solche breit angelegte Kommunikation jetzt nicht mehr zielführend ist. Sie fördert zwar die Aufmerksamkeit, bleibt aber inhaltlich an der Oberfläche.
Was wird denn jetzt wirklich gebraucht?
Notwendig sind nun konkrete Maßnahmen und Umsetzungen in spezifischen Bereichen, beispielsweise für die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wichtig ist zudem eine auf Vielfalt ausgerichtete Kommunikation in Unternehmen: Denn wenn Menschen bereits skeptisch gegenüber dieser Diversitätskommunikation sind, könnte eine breit angelegte Kampagne die Anti-Wokeness-Bewegung sogar weiter verstärken.
Wie bemerken Sie diese Anti-Wokeness?
In den USA ist die Antihaltung gegenüber Diversität schon länger bittere Realität, zum Beispiel durch das aggressive Vorgehen von sogenannten Anti-Woke-Influencern und -Initiativen. Dieses führt dazu, dass Unternehmen sich von dem Thema distanzieren, ihr Engagement einstellen oder Diversitätsbudgets und -personal kürzen.
Daneben erleben wir sowohl in den USA als auch in europäischen Ländern, beispielsweise bei uns in Deutschland, einen deutlichen Rechtsruck in der Politik. Damit einher geht eine in Gesellschaft und Wirtschaft zunehmend wahrnehmbare Distanzierung vom Thema Vielfalt, welche sich in der aktuell angespannten wirtschaftlichen Lage in Deutschland noch weiter verstärken könnte.
Liegt das daran, dass die deutschen Firmen sparen?
Genau, und wie schon in früheren Krisen machen sie das vor allem auch bei ihrer eigentlich wichtigsten Ressource, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie stellen weniger Menschen ein, sie entlassen sogar, sie sparen bei der Fortbildung – und aktuell auch vor allem bei Diversitätsprogrammen. Die deutsche Wirtschaft macht eine Rolle rückwärts. Dies halte ich für den falschen Weg, um die Innovations- und die Wirtschaftskraft im Land zu stärken.
Noch einmal: Müssten Sie sich angesichts dieser Rückschritte jetzt nicht erst recht lautstark für Diversität einsetzen?
Ich bin keine Aktivistin. Ich bin Unternehmerin und habe deshalb jetzt mit der Aufgabe von BGA frühzeitig Konsequenzen aus den Entwicklungen gezogen, die ich in Wirtschaft und Politik beobachte. Persönlich bleibt Diversität für mich aber ein Herzensthema, und ich werde mich weiter thematisch einmischen und engagieren.
Erwarten Sie nicht, dass das Thema bald wieder neuen Aufschwung bekommt?
Nein, ich bin da leider nicht optimistisch. Die Diversitätsentwicklung in Deutschland ist stark von Entwicklungen in den USA getrieben, und dort stehen wir am Anfang einer neuen konservativen und in einigen Bereichen wie Chancengerechtigkeit und Diversität sogar rückwärtsgewandten Ära. Was diese mit sich bringt, können wir noch gar nicht absehen. Hinzu kommt: Wir erleben in vielen westlichen Ländern mit dem deutlichen Rechtsruck einen neuen gesellschaftlichen Konservatismus.
Beobachter sagen, es gibt einen Überdruss am Thema Vielfalt. Stimmen Sie dem zu?
Ja, es gibt auch Überdruss. Und das wundert mich nicht. Das Thema wurde und wird in Teilen übertrieben. Es muss ja zum Beispiel nicht sein, dass in jedem Film oder auf jedem Podium immer Vertreterinnen und Vertreter aller Diversitätsdimensionen präsent sind. Es geht doch vielmehr darum, die Realität unserer Gesellschaft zu spiegeln, anstatt sie permanent zu überspitzen.
Auch wenn Sie nicht mehr lautstark sein wollen: Welchen Rat geben Sie deutschen Unternehmern?
Vielfalt ist ein erfolgskritischer Wirtschaftsfaktor, den Unternehmen nicht unterschätzen sollten. Wir in Deutschland können es uns schlichtweg nicht leisten, Talente zu diskriminieren. Erstens sind Menschen unsere wichtigste Ressource. Zweitens hängen wir wie keine andere Volkswirtschaft an den internationalen Märkten. Die Rolle rückwärts der deutschen Wirtschaft ist daher meiner Ansicht nach ein Fehler. Unternehmen müssen hier einen individuellen Weg im Umgang mit Diversität finden, den sie nachhaltig und konsequent verfolgen
Das Thema Frauen in Führungspositionen hat sich zuletzt positiv entwickelt. Es gab nie mehr Vorständinnen und Aufsichtsrätinnen in den Unternehmen des deutschen Leitindexes Dax als heute.
Ja, aber liegt das wirklich an der unternehmerischen Einsicht? Ich bin mir da nicht so sicher. Meiner Ansicht nach haben wir diese Veränderung vor allem der politisch verordneten und gesetzlich vorgeschriebenen Frauenquote zu verdanken. Hier erkennt man eindeutig, dass die Quote wirkt. Man darf bei all der Freude über den weiblichen Zuwachs in Top-Führungspositionen nicht vergessen, dass dieser erst ab einem Anteil von mindestens 30 Prozent nachhaltige Wirkung zeigt.
Sind Sie enttäuscht von dem, was Sie in Deutschland erreicht haben?
Ich bin vor allem dankbar. Wir haben viel erreicht. Das Wort Diversität ist heute in Deutschland nicht mehr erklärungsbedürftig, wird nicht mehr missverstanden. Das ist unter anderem unser Verdienst. Dank der langjährigen, engen Zusammenarbeit mit führenden Unternehmen konnten wir unser Ziel, Diversität auf die Agenda der Wirtschaft zu setzen, schneller erreichen als erwartet. Persönlich bin ich aber tatsächlich enttäuscht, denn ich hätte unsere Initiative in der Sache gern überflüssig gemacht. Dies ist nicht gelungen.
Frau Wagner, vielen Dank für das Interview.
Erstpublikation: 17.01.2025, 18:06 Uhr.