Handel: Was die Welt von Trumps Zoll-Offensive befürchten muss
Tokio. China, Mexiko und Kanada waren mit Blick auf die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump nur der Anfang. In den kommenden Tagen will er seine weltweite Offensive vorstellen, wie Trump am Freitag ausgerechnet beim Gipfeltreffen mit dem wichtigsten asiatischen Alliierten Japan ankündigte.
Aus Sicht von Trumps früherem stellvertretenden Verhandlungsleiter für Japan, Südkorea und den asiatisch-pazifischen Raum, Michael Beeman, hat Trump damit eines klargemacht: Die aufkommende Handelspolitik spiegele einen grundlegenden Wandel in der Sichtweise der USA auf die internationalen Beziehungen wider. „Lange Zeit war die Handelspolitik ein Teil der Außenpolitik, nun ist Handelspolitik die Außenpolitik”, sagte Beeman dem Handelsblatt. Diese Veränderung hat große Folgen für die Verhandlungen mit den USA und für Unternehmensstrategien.
Wegverhandeln ließen sich die Zölle nicht in ihrer Gänze, sagte Beeman, der auch unter Trumps Nachfolger und Vorgänger Joe Biden noch Unterhändler war. Der Grund: „Zölle sind gleichzeitig eine Taktik und ein Ziel.“
Hintergrund ist, dass Trump durch die Androhung von Zöllen Konzessionen in anderen Punkten erzielen konnte wie zuletzt mit Mexiko und Kanada. So haben die USA die geplanten Zölle je um einen Monat ausgesetzt. Im Gegenzug verstärkt Kanada seinen Grenzschutz und den Kampf gegen den Drogenschmuggel. Auch Mexiko kündigte an, 10.000 Mitglieder der Nationalgarde an die Grenze zu den USA zu schicken, um Drogenschmuggel zu unterbinden.
Gleichzeitig seien Zölle Teil eines größeren industriepolitischen Ziels. Es gehe in der Außenpolitik vor allem darum, was Trump als fair ansehe, sagte Beeman. „Und der Maßstab ist die Handelsbilanz.“ Dabei neige die Regierung Trump dazu, „sich sehr stark auf Waren als Maßstab für dieses Defizit zu konzentrieren, nicht auf Dienstleistungen“.
» Lesen Sie auch: US-Handelsdefizit 2024 auf mehr als 918 Milliarden Dollar gestiegen
Diese Beschränkung ist für den Rest der Welt von großem Nachteil. Denn es ist gerade der Handel mit digitalen Dienstleistungen wie Internet- und Datendiensten und nun auch noch Künstlicher Intelligenz, in denen die USA dank der dominierenden Rolle von Firmen wie Amazon, Apple, Alphabet und Microsoft einen Überschuss erzielen.
Trump wolle einen „Neustart“ der Handelsbeziehungen
Beeman zufolge strebt Trump einen wirklichen „Neustart“ der Handelsbeziehungen mit der ganzen Welt an. Dahinter stehen demnach drei Ziele. Erstens sehe Trump Zölle als wichtiges Element, um die Handelsbilanz auszugleichen, sagte der frühere Top-Unterhändler.
Zweitens wolle Trump Unsicherheit schaffen und aufrechterhalten. Das bedeute für Staaten, dass sie immer wieder mit neuen Forderungen rechnen müssten. Und für Unternehmen habe Trump nur sichere Verhältnisse zugesagt, wenn sie in den USA produzieren. So hat Trump ausländische Unternehmen aufgefordert, mehr in den USA herzustellen. Das dritte Ziel, sagte Beeman, sei das erhoffte Resultat der Zollschranken: die Stärkung der USA als Industriestandort.
Beeman glaubt nicht, dass sich ein Staat, den Trump als unfair gegenüber den USA ansehe, dem Vorstoß völlig entziehen könne, nicht einmal Japan. Dabei gewährte Trump dem Land eine verbale Vorzugsbehandlung, als er es als „großartige Nation“ bezeichnete.
Der japanische Premierminister Shigeru Ishiba hatte beim Gipfeltreffen viele der gewünschten Ergebnisse erhalten, darunter ein klares Bekenntnis Trumps zur Sicherheitsallianz mit Japan und anderen Bündnissen in Asien. Aber das dürfte Beeman zufolge anderen Spitzenpolitikern nicht unbedingt gelingen.
„Ich denke, dass sich die Japaner jetzt sehr viel wohler fühlen, was vielleicht nicht für alle Länder gelten wird, die zu Besuch kommen“, sagte er. Allerdings fügte er hinzu, dass „die drohende Frage der Zölle über dem Kopf von Ministerpräsident Ishiba hängen wird“.
Nicht nur habe Japan mit rund 70 Milliarden Dollar einen der höchsten Überschüsse im Handel mit den USA. Zudem habe Trump deutlich gemacht, „dass die Beseitigung des Handelsdefizits oberste Priorität hat“, auch im Handel mit Japan.
Auf die Frage, ob er auch Japan mit Zöllen belegen werde, wenn der Handel nicht ausgeglichen werden könne, hat Trump knapp mit einem Wort geantwortet: „Ja.“ Beeman sagte, die Frage sei daher, welche Bedingungen Trumps neuer Zollplan für Japan und andere Länder erhalten werde.
Welche Länder mit US-Zöllen rechnen müssen
Wie schlimm es wird, dürfte nächste Woche klar werden. Beeman erwartet, dass neben Japan auch China, die Europäische Union, Kanada, Mexiko und Südkorea sich wegen ihrer hohen Überschüsse im Warenhandel mit den USA besonders fürchten müssen. Aber auch Vietnam stehe auf der Liste, glaubt der Trump-Kenner. „Denn das Handelsbilanzdefizit mit Vietnam schießt in die Höhe.“
» Lesen Sie auch: Vietnam will mehr US-Produkte kaufen – aus Sorge vor Donald Trump
Der Grund dafür ist ausgerechnet der Erfolg der ersten Zollrunde gegen China, die tatsächlich zu einer Verschiebung der Lieferkette geführt hat, insbesondere nach Vietnam. So haben beispielsweise Apple und südkoreanische Konzerne, aber auch chinesische Unternehmen Produktion nach Vietnam verlegt, um für Exporte in die USA die Zölle gegenüber China zu umgehen.
Allerdings ist auch Beeman unsicher, was genau der US-Präsident von welchem Land fordern wird. Eine wichtige Frage sei, wie Trump „reziproke“ Zölle definieren werde, auf Produktebene oder als Widerspiegelung in der Handelsbilanz. Nur in einem ist er sich recht sicher: „China wird wahrscheinlich die schlimmste Version der Politik erhalten“, sagte Beeman. „Ich glaube, die Trump-Regierung will die Handelsbeziehungen mit China so weit wie möglich auflösen.“
Das Problem für alle Regierungen ist, wie sie auf die neuen Forderungen reagieren sollen. Eigene Zölle als Vergeltung seien möglich, aber dies hänge vom Einzelfall ab, sagte der Handelsexperte. Japan würde seiner Einschätzung zufolge wahrscheinlich nicht als erstes Land zu einer solchen Maßnahme greifen, sondern erst, wenn andere Länder es gemacht hätten.
Die gute Aussicht: Beeman vermutet, dass Trump keinen Pauschalzoll für die Welt verhängen wird. Stattdessen erwartet er unterschiedliche Sätze. Bei einer derartigen Angleichung von Zollsätzen würde es sich nicht unbedingt um einen Zusammenbruch der Globalisierung handeln, sagte Beeman. „Aber die Kosten für Produktion und Handel würden sich für die gesamte Welt dramatisch ändern.“