KI: Welches Start-up eines der drängendsten Probleme von Rechenzentren löst
München. Das Geschäft von Exoscale läuft wie geschmiert. Um mehr als 40 Prozent ist der Cloud-Anbieter vergangenes Jahr gewachsen. Die Kunden nutzen immer häufiger Künstliche Intelligenz (KI). Doch der Boom der rechenintensiven Anwendungen hat einen Nachteil. „Der Energiehunger steigt exorbitant“, klagt Exoscale-Chef Mathias Nöbauer.
Für die österreichische Firma ist das eine existenzielle Bedrohung. Exoscale betreibt seine Rechenzentren größtenteils in Deutschland, Österreich und der Schweiz, also in Ländern, in denen Strom knapp und teuer ist. „Uns bleibt daher nichts anderes übrig, als beim Verbrauch anzusetzen“, sagt Nöbauer.
Das Start-up Diggers aus der Steiermark hat nun gezeigt, dass sich das Problem mit einem innovativen Kühlverfahren lösen lässt. In einem Pilotversuch bei Exoscale ist es gelungen, den für die Kühlung benötigten Energieverbrauch um bis zu 50 Prozent zu senken. Gleichzeitig sind die umweltschädlichen Emissionen um mehr als 80 Prozent gesunken.
Kühlung der Computer ist hoher Kostenfaktor
Der kleine Betrieb mit nur neun Beschäftigten hat eine Technologie entwickelt, bei der Wasser unmittelbar an den leistungsstarken, aber heißen Grafikprozessoren, den sogenannten GPUs, vorbeigeleitet wird. Die Prozessoren sind das Gehirn der Netzwerkrechner, der sogenannten Server. Dies geschieht in einem Bauteil aus Aluminium, das von vielen filigranen Kanälen durchzogen ist.
Diggers ersetzt damit die bislang üblichen, energieintensiven Klimaanlagen in den Rechenzentren. Dazu kommt: Die Abwärme lässt sich fast vollständig nutzen.
Bewährt sich die Technologie im täglichen Betrieb, wäre dies ein Segen für Betreiber von Rechenzentren. Denn allein die Kühlung der Computer verursacht mindestens ein Viertel der Stromrechnung.
Auch die Umwelt würde profitieren: In Deutschland haben die Rechenzentren einer Berechnung des Branchenverbands Bitkom zufolge vergangenes Jahr etwa 20 Milliarden Kilowattstunden Energie verbraucht. Das sind fast 70 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Damit ließen sich mehr als fünf Millionen Haushalte mit Strom versorgen.
„Weltweit sind die von Rechenzentren verursachten CO2-Emissionen deutlich höher als die des gesamten globalen Flugverkehrs“, sagt Diggers-Chef Martin Schechtner. Eine Umfrage von Bitkom unter Experten ergab, dass 80 Prozent mit einem weiter steigenden Energieverbrauch der Rechenzentren rechnen.
Für Diggers tut sich somit ein riesiger Markt auf. Dabei sind wassergekühlte Systeme nicht neu. Was Diggers unterscheidet: Die Kühlleitungen führen direkt in die Rechner und zu den GPUs. Bekanntester und führender Anbieter dieser Chips ist Nvidia. So kann das Wasser die Wärme genau dort aufnehmen, wo sie entsteht; es muss keine Luft außen herum gekühlt werden.
Außerdem nutze die Technologie thermodynamische Effekte, um das Wasser zu transportieren, erklärt Schechtner: „Wir fräsen sehr feine Lamellen in Aluminiumgehäuse. Das Wasser fließt langsam und gleichmäßig durch.“ Das reduziere den Energiebedarf deutlich.
Die entstehende Abwärme könne mit einem Nutzungsgrad von bis zu 98 Prozent verwendet werden, zum Beispiel für die Warmwasseraufbereitung oder in Fernwärmenetzen. Mit der Lösung könnten auch bestehende Rechenzentren nachgerüstet werden.
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Der Pilotversuch mit Diggers sei erfolgreich gewesen, beteuert Exoscale-Chef Nöbauer. In einigen Wochen würden die mit dem System von Diggers gekühlten Rechner für die Kunden zugänglich sein. Exoscale gehört zum österreichischen Kommunikationskonzern A1.
Abwärme in nächster Nähe nutzen
Diggers-Chef Schechtner verfolgt unterdessen weiter gehende Pläne – und möchte einen Branchentrend umkehren. Denn bislang werden Rechenzentren bevorzugt dort gebaut, wo die Energie in großem Stil vorhanden und besonders günstig ist.
Wenn es nach dem Unternehmer geht, entstehen sie künftig dort, wo die Abwärme in nächster Nähe genutzt werden kann – also direkt neben Hotels, Industriebetrieben oder Bürogebäuden. Kleine, dezentrale Einheiten statt riesiger Computerfarmen.
Um die Vision umzusetzen, sammelt die junge Firma gerade Geld über eine Crowdinvestment-Kampagne ein. Wenn alles klappt wie geplant, stehen bald 750.000 Euro zur Verfügung, um den weltweiten Siegeszug der KI ein wenig umweltfreundlicher zu gestalten.
Erstpublikation: 24.02.2025, 14:14 Uhr.