Bundestagswahl: Olaf Scholz – Nachruf auf eine Kanzlerschaft
Berlin. Die Schultern des Kanzlers hängen, als er sich am Konferenztisch aufbaut, die Hände auf die Stuhllehne legt. Olaf Scholz empfängt seine Gäste im Kanzleramt mit der Körpersprache eines Mannes, der selbst nicht mehr an sich zu glauben scheint.
Das Interview mit dem Kanzler findet am Freitag, den 24. Januar statt, zwei Tage nach dem schrecklichen Messermord in Aschaffenburg, vier Wochen vor der Bundestagswahl. Die Lage für Scholz und seine SPD scheint aussichtslos zu sein.
Aber aufgeben ist keine Option. Er sei Ausdauersportler, sagt Scholz, Wahlen würden von Wählern entschieden, nicht von Umfrageinstituten. Was man halt so sagt, wenn man abgeschlagen hinten liegt.
Einen Überraschungssieg schließen die Demoskopen praktisch aus. Fast alles spricht dafür, dass die Regierungszeit von Scholz nach drei Jahren endet. Der sozialdemokratische Kanzler droht seine Partei in eine historische Wahlniederlage zu führen.
Wie konnte das passieren? Heißt es nicht immer, dass Krisenzeiten Kanzlerzeiten sind? Die Wiederwahl Donald Trumps, die drohende Abkehr der Amerikaner von Europa, Chinas Attacke auf die deutsche Exportwirtschaft – die Grundlagen der Sicherheit und des Wohlstands des Landes erodieren. Nährt Verunsicherung nicht die Sehnsucht nach einem Mann im Kanzleramt, der Ruhe ausstrahlt? Einem Mann wie Scholz?