USA: Make Hollywood great again – Die Traumfabrik ist Trumps nächstes Ziel
New York, Washington. Den rot-blauen Stretchanzug trägt Dean Cain schon lange nicht mehr, aber seine Fangemeinde aus den 90er-Jahren erkennt ihn immer noch auf der Straße. Mit der Serie „Superman – Die Abenteuer von Lois & Clark“ wurde der Schauspieler auch in Deutschland bekannt. Heute ist er ein Unterstützer von Donald Trump und konzentriert sich auf Produktionen, die „auf Glauben und traditionellen Werten basieren“.
„Ich bin alleinerziehender Vater“, erzählte Cain kürzlich auf der rechtspopulistischen Konferenz CPAC. „Und ich finde kaum Filme, die ich meinem Sohn zeigen möchte.“ Heutzutage sei fast alles „zu woke“, also zu sehr auf Diversität oder Klimaschutz ausgerichtet. Wegen seiner Nähe zu Trump habe Hollywood versucht, ihn zu „canceln“, so Cain. Doch er glaubt, dass sich im Laufe von Trumps Präsidentschaft immer mehr Promis für Trump aussprechen werden. „Neue Zeiten brechen an“, rief der 58-Jährige unter Jubel.
Noch stehen konservative Inhalte nicht im Mittelpunkt der US-amerikanischen Medien- und Unterhaltungsindustrie, die mit Umsätzen von 649 Milliarden US-Dollar (von insgesamt 2,8 Billionen US-Dollar auf dem globalen Markt) die größte der Welt ist – und die noch weiter wächst: Laut einer Prognose von PwC wird der Umsatz der US-Branche bis 2028 auf 808 Milliarden US-Dollar ansteigen.
So sind bei den Oscarverleihungen an diesem Sonntag auch gleich zwei Transgender-Dramen für insgesamt 21 Auszeichnungen nominiert. Diese Auswahl setzt einen Trend des letzten Jahrzehnts fort, in dem Hollywood eher die Werte des linken politischen Lagers repräsentierte: zum Beispiel in Form von Superheldinnen, Feminismus und Diversität in den Marvel-Handlungssträngen, „Star Wars“ und Zeichentrickfilmen für Kinder. Doch zunehmend werden in den USA Produktionen mit traditionellen, patriotischen und bibeltreuen Inhalten zu Kassenschlagern.
Vier Trends auf dem US-Filmmarkt
Angesichts dessen, dass das Weiße Haus eine „Rückkehr des Goldenen Zeitalters“ und der klassischen Rollenverteilung propagiert und Diversity-Programme abwickelt, scheint es nur eine Frage der Zeit, bis Trumps „Make America great again“-Bewegung auch die Kreativwirtschaft erfasst. Der US-Präsident hat drei „Hollywood-Sonderbotschafter“ ernannt: Sylvester Stallone, Mel Gibson und Jon Voight. Sie sind in einem ähnlichen Alter wie Trump und sollen den alten Ruhm jenseits der Wokeness zurückbringen.
Brancheninsider fragen sich: Verlieren die US-Demokraten nach dem Weißen Haus, dem Kongress, dem Supreme Court und dem Silicon Valley jetzt auch noch Hollywood? So räumte der Filmnewsletter „The Ankler“ ein: „Wir können nicht Amerika diktieren, wie die Dinge zu laufen haben. Niemand will mehr wissen, was Hollywood zu sagen hat.“ Selbst die linksliberale „New York Times“ betitelte einen Meinungsbeitrag mit: „Ist die peinliche Ära der Vielfalt in Hollywood vorbei?“
Tatsächlich steht die US-Filmindustrie vor einer Zeitenwende:
1. Disney gibt dem MAGA-Druck nach
Kurz vor Trumps Amtseinführung entfernte Disney einen Dialog über eine Transgender-Figur aus der neuen Pixar-Miniserie „Win or Lose“. „Bei animierten Inhalten für ein jüngeres Publikum sehen wir, dass Eltern bestimmte Themen lieber selbst und zu einem Zeitpunkt besprechen, den sie selbst bestimmen“, begründete Disney die Entscheidung. Der Konzern steht im Zentrum vieler Kulturkämpfe: So ist die kleine Meerjungfrau in der Neuauflage des Klassikers erstmals schwarz, Schneewittchen in einer Neuverfilmung hispanisch.
Homosexuelle Figuren und Menschen mit Behinderungen hielten Einzug in die Filme. Einige Eltern riefen daraufhin zum Boykott auf. 2022 erklärte CEO Robert Iger selbst, dass die Produkte zu politisch geworden seien, und stellte zukünftige Projekte auf den Prüfstand. Trump-Fans mobilisieren gegen fast jede Disney-Produktion. Jüngstes Beispiel ist „Captain America: Brave New World“, dessen wütendes Riesenmonster „Red Hulk“ das Weiße Haus verwüstet. In den sozialen Medien wird der Film als „Woke Desaster“ verspottet.
2. Independent-Filme werden zu Überraschungshits
Der von der rechtskonservativen Website „The Daily Wire“ produzierte Dokumentarfilm „Am I Racist?“ hat in den USA mehr als zwölf Millionen Dollar eingespielt. Damit ist es der erfolgreichste Dokumentarfilm an den US-Kinokassen der vergangenen sechs Jahre. Darin schleicht sich der rechtspopulistische Kommentator Matt Walsh inkognito in Seminare und Selbsthilfegruppen für Vielfalt, Gleichheit und Inklusion ein. Dabei demontiert er progressive Ideen über systemischen Rassismus und Diversity-Trainingsprogramme.
Andere Überraschungshits sind: „Reagan“, ein Biopic über Ronald Reagan mit Dennis Quaid in der Hauptrolle, oder das von Sony vertriebene christliche Drama „The Forge“. Der Independent-Thriller „Sound of Freedom“ mit Elementen der Verschwörergruppe QAnon spielte 184 Millionen Dollar ein und schlug damit die hochbudgetierten Fortsetzungen von „Indiana Jones“ und „Mission: Impossible“.
Mark Joseph, der Produzent von „Reagan“, sieht den Erfolg von Filmen wie seinem als Weckruf für die traditionell eher links orientierte Branche. „Warum sollte man absichtlich die Hälfte des Landes ignorieren wollen? Das ergibt keinen Sinn“, sagte Joseph der „New York Times“.
3. Neue Produktionen sollen den Markt aufmischen
Sarah Unger, Branchenberaterin in Los Angeles, schrieb in einem Newsletter: „Hollywood entgeht ein riesiges Publikum, das direkt vor der Tür steht.“ Die USA verzeichnen wachsende Zuschauerzahlen bei Projekten, die für Menschen aus den sogenannten „Red States“ (Staaten, in denen die Republikaner die Mehrheit haben) konzipiert wurden. Ein prominentes Beispiel ist der Netflix-Knüller „Yellowstone“ von Kevin Costner.
Fox Nation, der Streamingdienst des rechtskonservativen Senders Fox News, plant demnächst eine neue Kevin-Costner-Show. Auch ein Vertrag mit Martin Scorsese über eine „auf Glauben basierende Serie“ wurde bekannt. Noch in diesem Jahr kommt Amazon Prime mit einer Dokumentation über Melania Trump heraus – produziert von der First Lady höchstpersönlich. Und Webseiten wie notwokeshows.com richten sich sogar direkt an Interessierte, die aktiv „wokes“ Entertainment vermeiden wollen.
4. In Nashville entsteht ein Hollywood für Konservative
Laut dem Portal „Axios“ wird der rechtskonservative Medienkonzern „The Daily Wire“ in diesem Jahr einen Umsatz von über 200 Millionen US-Dollar erzielen. 2023 hatte die Firma einen Durchbruch mit dem Film „What Is a Woman?“ Darin stellt Matt Walsh, der schon in „Am I Racist?“ der Hauptakteur war, unter anderem Aktivisten, Ärzten, Psychologen, Politikern und Professoren die Frage, was eine Frau sei. Walsh sagte, er habe den Film im Gegensatz zur „Gender-Ideologie“ gedreht.
Die Produktion wurde von Elon Musk immens beworben. In Nashville, dem Mekka der Country-Musik, treibt „The Daily Wire“ nun den Aufbau eines „konservativen Hollywoods“ voran – mit Signalwirkung für andere Konzerne: So kündigte die Universal Music Group gerade an, eine Film- und Fernsehproduktionsfirma in der Region aufzubauen.
Die Fox Corporation plant gerüchteweise eine Übernahme, und die hauseigene Kinder-App namens Bentkey soll es mit Disney aufnehmen. „The Daily Wire“ war 2020 von Los Angeles nach Nashville im roten Bundesstaat Tennessee umgesiedelt, auch als Protest gegen die Corona-Lockdowns. Die Produktionsfirma wird unter anderem von dem republikanischen Fracking-Milliardär Farris Wilks finanziert.
Die Traumfabrik steckt in der Krise
Dass solche Bewegungen auf dem Markt überhaupt möglich sind, liegt auch daran, dass die Branche schlichtweg neue Zielgruppen erschließen muss, wenn sie lukrativ bleiben will. Die Brände an der US-Westküste drücken auf die Stimmung in Hollywood, die nach mehreren Streikwellen gegen die Filmstudios 2023 ohnehin angespannt ist. Die Konkurrenz auf dem Unterhaltungsmarkt ist groß, schließlich stecken die Kabelsender in der Krise, Streamingdienste produzieren oder verbreiten eigene Inhalte.
Trotz des weltweiten Entertainment-Booms hat sich die Industrie noch nicht von der Coronapandemie erholt: So liegen die US-Kinokartenverkäufe laut dem Branchendienst Comscore derzeit rund ein Drittel unter den Zahlen von 2019.
Zwar wirkt Hollywood oberflächlich betrachtet wie immer, zumindest mit Blick auf die diesjährigen Oscarverleihungen. Die Bewegungen #OscarsSoWhite und #MeToo hatten die Filmindustrie dazu gezwungen, sich der Vielfalt zu öffnen.
Das in diesem Jahr nominierte Musical „Emilia Pérez“ handelt von einem mexikanischen Drogenbaron und seiner Geschlechtsumwandlung von Mann zu Frau. Das Vatikan-Drama „Conclave“ über einen intersexuellen Priester, mit Ralph Fiennes in der Hauptrolle, sorgt in der katholischen Kirche für Aufregung.
Und auch Trump dürfte über die Nominierten nicht erfreut sein: Denn die Oscarakademie würdigte das Trump-Biopic „The Apprentice“, das eine umstrittene Szene enthält, in der ein junger Trump (gespielt von Sebastian Stan) seine erste Frau Ivana vergewaltigt. Trump bezeichnete die an dem Film Beteiligten als „menschlichen Abschaum“ und lehnt das Projekt als „widerlichen Rufmord“ ab.
Von Julia Roberts bis Leonardo DiCaprio – die Stars schweigen zu Trump
Doch die Frage ist, ob Großevents wie die Oscars für einen Großteil der US-Bürger überhaupt noch eine Vorbildfunktion haben – oder ob sie die Spaltung der USA befeuern. MAGA-Kreise schmähen den jährlichen Aufmarsch der Glitzerroben und Tränenreden seit Jahren als „out of touch“ mit dem Durchschnittsamerikaner. Als bei den Oscarverleihungen im Jahr 2020 der koreanische Film „Parasite“ als bester Film gewonnen hatte, kritisierte Trump die Entscheidung und forderte: „Können wir bitte ‚Vom Winde verweht‘ zurückbekommen?“
Jetzt, mit Trump im Weißen Haus, sehen sich seine Anhänger nicht nur als Gewinner der Politik, sondern eben auch des kulturellen Zeitgeists. „Die Oscars sehen aus wie etwas aus einem Paralleluniversum, in dem Kamala Harris gewonnen hat“, lästerte der konservative Filmkritiker Christian Toto.
Auffällig ist, dass Hollywood verhältnismäßig leise ist, wenn es um Widerstand gegen die Trump-Regierung geht. Die Motion Picture Association, die die fünf großen amerikanischen Filmstudios (sowie Netflix, MGM und Prime Video) vertritt, erklärte, dass sie sich „auf die Zusammenarbeit mit der Trump-Regierung freut“. Protestreden wie die von der Schauspielerin und Klimaaktivistin Jane Fonda vergangene Woche bei den Screen Actors Guild (SAG) Awards sind selten.
Das ist ein bemerkenswerter Kontrast im Vergleich zu Trumps erster Amtszeit. Damals übernahm Hollywood stolz und lautstark die Rolle des Anti-Trump-Widerstands – die politische Satire „Don’t Look Up“ mit Meryl Streep wurde ein Hit, und das Medienunternehmen Higher Ground Productions von Barack und Michelle Obama schloss einen lukrativen Netflix-Vertrag ab.
Im jüngsten Wahlkampf stellten sich Stars wie George Clooney, Julia Roberts, Leonardo DiCaprio oder Jennifer Aniston an die Seite der Demokraten-Kandidatin Kamala Harris, um ein Trump-Comeback zu verhindern. Jetzt, da Trump den US-Staat rasant umbaut, schweigen sie.