Codename „Banyan“: Amazons neue KI-Alexa soll ChatGPT überflüssig machen
New York. Amazon hat am Mittwochmorgen in New York eine neue, erheblich erweiterte Version seiner Sprachassistentin Alexa vorgestellt. Anders als bislang können Nutzer flüssige Gespräche mit ihr führen, komplexe Bestellungen aufgeben oder sich Texte wie Bilder erzeugen lassen. Damit konkurriert Alexa künftig direkt mit sogenannten Chatbots wie Gemini von Google oder ChatGPT von OpenAI.
Amazons Gerätechef Panos Panay sprach am Mittwoch von einer „komplett neuen Architektur“ der Assistentin, die sich nun generative Künstliche Intelligenz (KI) zunutze mache. Amazon setzt dabei sowohl auf eigene KI-Modelle als auch auf die des US-Start-ups Anthropic, an dem der Konzern beteiligt ist.
Die neue Alexa soll ab März auf Amazons Echo-Geräten sowie über eine Smartphone-App und eine Website zur Verfügung stehen – zunächst nur in den USA und im Rahmen eines kostenpflichtigen „Plus“-Abonnements für etwa 20 Dollar im Monat. Mitglieder von Amazons Prime-Service bekommen kostenlos Zugang. Der Start im Ausland soll in mehreren Etappen im Laufe des Jahres beginnen. Wann es in Deutschland konkret losgeht, ließ ein Sprecher offen.
Amazons Jassy: KI würde Kundenerlebnisse „neu erfinden“
Alexa ist eines der populärsten Produkte Amazons. Der Konzern erreicht mit dem Sprachassistenten einen Großteil seiner Kunden. Seit der Einführung im Jahr 2014 sei Alexa auf mehr als 600 Millionen Geräten aktiviert worden, sagte Manager Panay am Mittwoch. Im vergangenen Jahr soll die Nutzung ihm zufolge um 20 Prozent gestiegen sein.
Seit dem Erfolg generativer KI-Modelle stand Amazon jedoch unter Druck, Alexa zu überarbeiten. Im Vergleich mit den Fähigkeiten von OpenAIs ChatGPT wirkte die Assistentin gestrig. Amazon schien den damit verbundenen Technologiesprung komplett verpasst zu haben.
Entsprechend relevant wird nun der Neustart. So wurde die Veranstaltung am Mittwoch von Konzernchef Andy Jassy eröffnet, der die Gelegenheit nutzte, um seine generelle KI-Strategie vorzustellen. Die Technologie würde Kundenerlebnisse von Grund auf „neu erfinden“, sagte Jassy.
Bislang reagiert Alexa lediglich auf zuvor festgelegte Kommandos und ist auch sonst relativ unflexibel. Das Gros ihrer Antworten haben Entwickler vorformuliert. So kann Alexa etwa verknüpfte Geräte wie Lampen oder Heizungen an- und ausschalten, nach Musiktiteln suchen oder Witze erzählen. Längere Gespräche sind genauso wenig möglich wie unvorhergesehene Anfragen. Das soll sich nun ändern.
Die neue Alexa merkt sich Vorlieben und Namen der Nutzer
Die neue Alexa merkt sich etwa, wenn Nutzer in vorherigen Gesprächen ihre Vorlieben oder den Namen von Familienmitgliedern preisgegeben haben. Verbunden mit dem Smartphone verwaltet sie dort hinterlegte Termine und SMS. An der Stimmlage kann sie Panay zufolge die Stimmung der Nutzer erkennen und darauf eingehen. Flüssig und spontan umformulierte Befehle sind ebenso möglich wie die Nutzung der Gerätekamera, um Alexa etwas zu zeigen.
Auch die Steuerung von Geräten im vernetzten Zuhause solle mit der neuen Sprachassistentin besser werden, versprach er. So könne man zum Beispiel sagen, Alexa solle Musik im ganzen Haus abspielen, aber nicht das Baby wecken – die Software werde dann automatisch daraus schließen, den Lautsprecher im Kinderzimmer auszulassen.
Die verbesserten sprachlichen Fähigkeiten basieren vor allem auf der Technologie des KI-Start-ups Anthropic. Sie hebt Alexa auf das Niveau moderner Chatbots, die bereits seit Ende 2022 Gespräche führen, Dokumente verarbeiten oder Logikaufgaben lösen können.
Die Zusammenarbeit habe vor zwei Jahren begonnen und sei sehr eng gewesen, sagte Anthropics Produktvorstand Mike Krieger dem Handelsblatt. Seine Kollegen hätten direkt mit dem zuständigen Team in Seattle gearbeitet, um die Integration möglichst geschmeidig zu gestalten. „Unser Ziel war, dass Alexa eine eigene Persönlichkeit bekommt“, sagte Krieger.
Dank Anthropic kann Alexa nun etwa auch Dokumente analysieren oder Textnachrichten formulieren. In einer Vorführung in New York las sie Geschichten vor, die sie selbst generiert hatte. Die Generierung von Bildern auf Basis einer simplen Beschreibung ist ebenfalls möglich. Amazon sieht hier vor allem Kinder als Zielgruppe.
Unklar blieb dabei, wie groß Anthropics Anteil in der Praxis konkret ist. Die neue Alexa, betont Amazon, greife gleichzeitig auf mehrere KI-Modelle zu.
Da sie nun Videos verarbeiten kann, gibt es auch neue Möglichkeiten in Verbindung mit den Sicherheitskameras der ebenfalls zu Amazon gehörenden Firma Ring. So können Nutzer Alexa Fragen dazu stellen, was in den vergangenen Tagen rund um das eigene Haus passierte: etwa, ob Pakete geliefert wurden oder jemand den Hund ausgeführt hat. Die Assistentin zeigt dann die entsprechende Videosequenz.
„KI-Agenten“ als Dienstleister der Zukunft
Amazon-Manager Daniel Rausch verglich Alexa mit einem Dirigenten, der das harmonische Zusammenspiel einzelner Instrumente überhaupt erst möglich mache. Die Software sei im Zuge des Neustarts auf eine komplett neue technische Plattform gestellt worden.
In Unterhaltungen soll es möglich sein, einen Tisch im Restaurant zu reservieren – und auch gleich eine Fahrt dorthin zu buchen. Für solche Funktionen wird Alexa mit Apps wie dem Taxianbieter Uber oder dem Tischreservierungsdienst Opentable verbunden – und soll zu einer einheitlichen Bedienoberfläche für sie werden.
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Apps von Drittanbietern könnten an die neue technische Plattform andocken. Die Partner würden zum Teil am Umsatz beteiligt, sagten Amazon-Vertreter. Details zum Geschäftsmodell ließen sie jedoch offen. Um auf aktuelle Informationen zugreifen zu können, arbeitet der Konzern zudem mit mehreren Medienmarken wie Politico, Time oder dem San Francisco Chronicle zusammen.
Sofern Drittanbieter Alexa keine Schnittstelle zur Verfügung stellen, um ihre Dienste nutzen zu können, kommen sogenannte KI-Agenten zum Einsatz. Sie sollen selbstständig mehrere Aufgaben im Auftrag der Nutzer ausführen können. Alexa soll künftig etwa Websites besuchen, sich dort mit den Daten des Kunden einloggen und Aktionen wie Bestellungen ausführen können.
Konkurrenz setzt Amazon unter Druck
Intern galt die Überarbeitung von Alexa bei Amazon als besonders kritisch. Das Projekt – Codename „Banyan“ – wurde von Konzernchef Jassy persönlich überwacht. Der Neustart wurde mehrfach verschoben, da die KI zunächst zu fehleranfällig war.
Jassy betonte am Mittwoch, dass Amazon anders als die Konkurrenz auf Lösungen setze, die den Kunden wirklich nutzten, statt oberflächlich beeindruckende Demos und Spielereien zu präsentieren. Der Konzern verfüge über „mehr als 25 Jahre KI-Erfahrung“.
Andere KI-Chatbots wie ChatGPT funktionierten gut – verfügten aber über keine Hintergrundinformationen zum Alltag der Nutzer oder deren Zuhause, betonte Gerätechef Panay. Diese Lücke will Amazon nun füllen. Alexa selbst bezeichnete sich bei der Vorstellung in New York am Mittwoch als neuen „besten Freund für die digitale Welt“.
Amazon versuche, „zurück ins KI-Spiel zu kommen und Führung zu demonstrieren“, sagte Leo Gebbie, Analyst beim Marktforscher CCS Insights, dem Handelsblatt. Der Konzern müsse allerdings noch beweisen, dass die neue Alexa auch in der echten Welt zuverlässig funktioniere, um das Vertrauen der Kunden zu gewinnen.
Einstweilen hilft Amazon dabei, dass sie für das Gros der Kunden kostenlos sein wird: Allein in den USA zählt das Unternehmen über 180 Millionen Prime-Abonnenten.
Erstpublikation: 26.02.2025, 18:01 Uhr.