Hella-Mutter: Priorität Schuldenabbau – Die Pläne des neuen Forvia-Chefs
Paris. Martin Fischer tritt seine neue Aufgabe in schwierigen Zeiten an. Der deutsche Manager wird am Samstag neuer Chef des französischen Autozulieferers Forvia. Fischer arbeitete früher bei Hella, zuletzt war er Vorstand beim Autozulieferer ZF.
Am Freitag veröffentlichte die Gruppe, zu dem auch der deutsche Scheinwerferspezialist Hella gehört, einen Verlust von 185 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Der Aktienkurs stürzte um fast 20 Prozent ab.
Die ganze Branche steht vor Herausforderungen. Der Autoabsatz in Europa schrumpft, technologische Umwälzungen wie der Umstieg auf E-Antriebe verändern den Markt. All das schlägt auch auf Zulieferunternehmen wie Forvia durch.
Fischer bleibt dennoch zuversichtlich, auch weil er bei seiner neuen Firma ein „zukunftssicheres“ Produktportfolio sieht. Dazu gehören Komponenten für das Fahrzeuginnere wie Türpaneele, Mittelkonsolen und Sitze. Die Tochter Hella ist führend bei Elektronik und Lichttechnik.
„Ein Sitz wird ein Sitz bleiben, Schweinwerfer werden Scheinwerfer bleiben“, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Das ist unabhängig davon, ob man ein Auto mit Elektroantrieb oder Verbrennungsmotor fährt.“
Fischer will den Fokus auf die Steigerung von Produktivität und Profitabilität legen. Dem vor einem Jahr aufgelegten Sparprogramm „EU-Forward", das bis 2028 den Abbau von bis zu 10.000 Arbeitsplätzen in Europa vorsieht, komme eine wichtige Rolle zu. „Ich werde das weiter umsetzen, so, wie es damals vorgeschlagen wurde“, sagte er.
Forvia müsse mit dieser Transformation seine „Strukturen in Europa an die neuen Realitäten auf dem Markt anpassen, die von weniger Autos und von wachsendem Konkurrenzdruck gekennzeichnet sind“. Weitere Sparprogramme seien vorerst nicht geplant. „Wir werden später sehen, was im Rahmen eines neuen Strategieplans noch zum Umbau der Firma nötig sein wird“, sagte er.
Der neue Forvia-Chef möchte auch in Technologie investieren, vor allem in Künstliche Intelligenz (KI). „Wir dürfen die künftige Bedeutung von generativer KI und KI für Fahrer, Mitfahrer und unsere Kunden nicht unterschätzen, sagte er. „Das wird auf jeden Fall eine Kernaktivität von Forvia sein.“
Als ein Problem in Europa sieht Fischer die hohen Energiepreise. „Wir haben einige sehr energieintensive Prozesse beim Bau von Autos und ihren Komponenten“, sagte er. „Und wenn ich mir so die unterschiedlichen Produktionskosten ansehe, zum Beispiel zwischen China oder Indien und Europa, dann ist das ein Nachteil.“ Zwar werde er an der Spitze von Forvia die Standortentscheidungen auch weiterhin ganzheitlich betrachten, aber „Energie ist ein Faktor, der da eine Rolle spielen wird“.
Bei Forvia tritt er das Erbe von Patrick Koller an, der fast ein Jahrzehnt die Geschicke leitete. Als Chef des damaligen Unternehmens Faurecia kaufte sein Unternehmen Anfang 2022 rund 82 Prozent an Hella. Die neue Dachmarke Forvia wurde der siebtgrößte Autozulieferer der Welt.
Faurecia/Forvia und Hella treten aber als zwei rechtlich unabhängige börsennotierte Unternehmen auf. „Aber wir haben die Gruppe vollständig konsolidiert“, sagte Koller dem Handelsblatt. „Wir haben gemeinsame Führungsstrukturen eingerichtet und beträchtliche Synergien geschaffen.“
Bis Ende 2024 betrugen die Einsparungen durch Zusammenarbeit und Zusammenlegung von Aktivitäten nach Angaben des Unternehmens 334 Millionen Euro. Die Summe liegt über den ursprünglichen Erwartungen. Bei Forvia sieht man sich auf sehr gutem Weg, das inzwischen auf 400 Millionen Euro hochgeschraubte Synergien-Ziel bis Ende 2025 zu erreichen.
Die verbleibenden Anteile von Hella liegen unter anderem beim Fonds Elliott Management des aktivistischen Investors Paul Singer. Der Kauf weiterer Anteil stehe für Forvia nicht an, sagte Fischer. Das Synergiepotenzial sei bei Kosten und Strategie auch so gut. „Das ist jetzt erst mal der Weg für uns.“
Ohnehin muss Forvia noch den Schuldenberg abtragen, den sich das Unternehmen durch die Übernahme wenige Wochen vor dem Wirtschaftsschock des Ukrainekriegs aufgebürdet hatte. Michael Foundoukidis, Analyst beim Bankhaus Oddo BHF, sagte, es gebe weiter Sorgen über die finanzielle Gesundheit der Gruppe. Die Schulden seien mit aktuell 6,6 Milliarden Euro noch höher als erwartet.
Im vergangenen Jahr konnte die Gruppe ihre Verbindlichkeiten um 365 Millionen Euro reduzieren, unter anderem durch den Verkauf von zwei Tochterfirmen für insgesamt 250 Millionen Euro.
Fischer sagt, der Abbau habe weiter Priorität. Das soll durch bessere operative Ergebnisse gelingen, aber auch durch weitere Verkäufe. „Wir müssen sehen, welche Assets künftig zum Geschäftskern gehören“, sagte er. „Wir werden unser Portfolio umfassend überprüfen.“ Einzelheiten nannte er nicht.
Ein Bekenntnis gab Fischer zum Geschäftsbereich nachhaltige Mobilität ab, wo Forvia stark in Wasserstofftechnologie investiert hat. Zuletzt waren die Zweifel an den Aussichten für derartige Brennstoffzellantriebe gewachsen. „Es gibt eine Zukunft für Wasserstoff“, sagte er. „Von unserer Seite sind die Produkte fertig. Die Frage ist nun: Wann hebt der Markt ab?“
Koller sagte mit Blick auf die vergangenen Investitionen, er habe „absolutes Vertrauen“, dass grüner Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen künftig ein Teil des Energiemixes sein werde. Vor allem in Bereichen wie dem Güterverkehr gebe es keine Alternative, eine Elektrifizierung der Schwerlasttransporte werde „einfach nicht funktionieren“.
Für die Zollrisiken sieht Koller das Unternehmen gut aufgestellt. „Wir sind sehr regional aufgestellt. In China sind wir chinesisch, in Europa europäisch und in Amerika amerikanisch“, sagte er. Zwischen den Regionen gebe es „keine sehr bedeutenden Warenflüsse“.
Noch stärker will Forvia in Zukunft nach Asien blicken. „Das Wachstum ist in China, die Technologieführerschaft hat sich auch von West nach Ost verlagert“, gibt Koller seinem Nachfolger mit auf den Weg. Der alte und der neue CEO sitzen in einem Konferenzraum in der Zentrale im Pariser Vorort Nanterre.
„Wir haben schon heute einen großen Anteil unseres Geschäfts in China“, sagt Fischer. „Wir sehen den wachsenden Erfolg von chinesischen Autobauern wie BYD für uns als eine Geschäftsmöglichkeit.“ Liegt die Zukunft von Forvia also eher bei dem chinesischen Hersteller BYD als bei Volkswagen? Koller schaltet sich ein: „Die Frage ist nicht: BYD oder Volkswagen? Die Zukunft sind BYD und Volkswagen.“
Koller möchte seinem Nachfolger keinen Rat geben, dieser bringe schließlich „eine langjährige und erfolgreiche Erfahrung in der globalen Autoindustrie“ mit. Kann Fischer ihn trotzdem anrufen? „Nicht jeden Tag“, antwortet der scheidende CEO, der mit 65 Jahren in Rente geht.
Fischer sagte, er wolle die neue Aufgabe „mit Demut“ angehen. Es werde angesichts der Herausforderungen sicher Momente geben, wo ein Gespräch mit „einem erfahrenen und erfolgreichen früheren CEO“ wie Koller helfen könne: „Patrick, auf diese Moment freue ich mich.“