Covestro-Chef: „Wir werden in Deutschland investieren – aber anders“
Düsseldorf. In Gesprächen mit Politikern muss sich Covestro-Chef Markus Steilemann immer wieder eine Frage anhören: Warum sich die Industrie denn so beschwere, wo sie doch Milliardengewinn mache.
Steilemann präsentiert dann die seit einigen Jahren gleiche Rechnung: Alle Gewinne kommen aus dem Ausland. In Deutschland machen die Werke des Kunststoffherstellers Verluste.
So war es auch im vergangenen Geschäftsjahr. Covestro hat im Krisenjahr 2024 den bereinigten Gewinn (Ebitda) mit 1,1 Milliarden Euro nahezu stabil gehalten – es war sogar etwas mehr als von Analysten erwartet.
Aber auch diesmal haben die deutschen Geschäfte dazu nichts beigesteuert. Und 2025 sind weiterhin rote Zahlen bei Covestro in Deutschland möglich.
Denn von einer spürbaren Besserung der Weltkonjunktur geht das Management frühestens im zweiten Halbjahr 2025 aus. Außerhalb Deutschlands sehe man in einigen europäischen Ländern eine leichte Besserung.
In den USA hänge gesamtwirtschaftlich vieles davon ab, ob und wie die angedrohten Zölle kommen. In China erwarte man 2025 zumindest ein kleines Wachstum.
Covestro konzentriert sich auf Optimierung
Weil all diese Einschätzungen vage sind, fokussiert sich Covestro vorerst weiter auf interne Optimierung. 2024 konnte der Konzern seine verkauften Mengen um sieben Prozent steigern, in Europa sogar noch stärker.
Doch war das nicht einer besseren Nachfrage geschuldet. Der Konzern hat Wettbewerbern Marktanteile abgenommen. Covestro beansprucht für sich, in vielen Bereichen die kostengünstigste Produktion zu betreiben.
Nach aktuellem Stand geht der Kunststoffhersteller davon aus, in diesem Jahr einen bereinigten Gewinn von 1,0 Milliarden bis 1,6 Milliarden Euro machen zu können. Im zweiten Halbjahr soll auch die Übernahme von Covestro durch den arabischen Ölkonzern Adnoc abgeschlossen sein. Der Staatskonzern aus den Emiraten bietet 11,6 Milliarden Euro für das Leverkusener Unternehmen und hat sich bereits 91,3 Prozent der Anteile gesichert.
Optimierung bedeutet auch: Die Investitionen in neue Anlagen fließen dahin, wo das Geschäft brummt – also ins Ausland. Steilemann unterstrich aber, dass Deutschland trotz aller Standortprobleme für Covestro Zukunft habe. „Wir werden weiter in Deutschland investieren – aber anders“, sagte er. Bis zu 800 Millionen Euro Kapital wird Covestro 2025 einsetzen; ein mittlerer dreistelliger Millionenbetrag ist für Europa einschließlich Deutschland vorgesehen.
Praktisch bedeutet das: In den Bau neuer energieintensiver Großanlagen wird Covestro hierzulande kein Geld mehr stecken. Dabei geht es um die Massenproduktion von Schaumstoffen für Polster und Dämmungen. Die hiesigen Anlagen werden aber weiter auf Effizienz und geringeren Energieverbrauch getrimmt.
Ausgebaut werden aber andere Bereiche des Konzerns: Deutschland soll im weltweiten Verbund eine zentrale Rolle bei Forschung und Entwicklung spielen. Zudem sieht Covestro hierzulande gute Chancen für den Ausbau des Spezialitätengeschäfts, in dem es auf Innovationskraft und enge Zusammenarbeit mit Kunden ankommt.
Steilemann fordert Berlin zum Handeln auf
Doch für ein besseres Investitionsklima in Deutschland sieht Steilemann nun erst mal die Politik am Zug. „Es muss jetzt jede Ideologie beiseitegeschoben und das Wohl der Menschen und Wirtschaft in den Mittelpunkt gestellt werden“, sagt er. In drei Bereichen müssen aus seiner Sicht schnelle Entscheidungen getroffen werden:
- Stabile Verfügbarkeit von billiger Energie: Im Moment treibt die Chemieindustrie nicht allein die absolute Höhe der Strompreise um. Sie fürchtet mehr die mittlerweile starken Preisausschläge. Das mache die Planungen der Unternehmen extrem schwierig. Niedrige Stromkosten auf gesicherter Anlagenbasis seien nötig.
- Umfassende Steuerreform: Für Steilemann wäre eine Steuerreform ein starkes Signal, um Investitionen in Deutschland wieder attraktiver zu machen. Konkret: Die Unternehmensteuern müssten deutlich auf 25 Prozent gesenkt werden. Auch die mittleren Einkommen müssten entlastet werden.
- Entbürokratisierung: Neben der bereits breit kritisierten Berichtspflicht müsste die Politik auch ein Signal zur Entschlackung der Genehmigungsverfahren geben, fordert Steilemann, der auch Präsident des Chemieverbands VCI ist.
Ein Zögern könne sich die kommende Bundesregierung nicht leisten, warnt der Covestro-Chef. „Die Unternehmen treffen jetzt grundlegende Entscheidungen für ihre Zukunft. Die Welt wartet nicht auf Berlin.“