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EnergieErneuerbaren-Branche warnt vor Einschnitten beim Ausbau

Die Erneuerbare-Energien-Branche geht von einem starken Anstieg des Stromverbrauchs aus. Sie warnt die potenziellen Koalitionäre daher, den Ausbau zu bremsen und vor Folgen für die Industrie.Klaus Stratmann 12.03.2025 - 14:40 Uhr Artikel anhören
Windkraftanlagen im Landkreis Aurich: Ohne ein ausreichendes Angebot an Strom aus erneuerbaren Quellen fehlten Anreize zur Elektrifizierung, warnt der Bundesverband BEE. Foto: dpa

Berlin. Nach Einschätzung der Erneuerbare-Energien-Branche muss die künftige Bundesregierung von einem stark wachsenden Stromverbrauch ausgehen, Einschnitte beim Ausbau hält sie daher für falsch. „Der Strombedarf wird in den kommenden Jahren weiterhin deutlich steigen. Wir erwarten einen Anstieg von aktuell 510 Terawattstunden (TWh) auf bis zu 705 TWh im Jahr 2030“, sagte der Geschäftsführer des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE), Wolfram Axthelm, dem Handelsblatt. „Angesichts sich abzeichnender zusätzlicher Bedarfe an erneuerbarer Energie gilt es beim Ausbau, jetzt Kurs zu halten“, sagte Axthelm.

In einer noch unveröffentlichten Analyse zur Entwicklung des Stromverbrauchs warnt der BEE, ohne ein ausreichendes Angebot an Strom aus erneuerbaren Quellen fehlten Anreize zur Elektrifizierung in den Bereichen Wärme, Verkehr und Industrie. Gleichzeitig fehle der Strom für die Herstellung von grünem Wasserstoff.

Die Erneuerbaren-Branche will damit ein Signal in Richtung der Koalitionsverhandlungen von CDU, CSU und SPD senden. Vor allem will sie verhindern, dass die potenziellen Koalitionäre bei den Zielen für den Ausbau erneuerbarer Energien zurückrudern.

Union will „neuen Realismus“ in der Energiepolitik

Im Sondierungspapier finden sich zu den erneuerbaren Energien lediglich zwei Sätze. Man wolle „alle Potenziale der erneuerbaren Energien nutzen“, heißt es da. Dazu gehöre der „entschlossene und netzdienliche Ausbau von Sonnen- und Windenergie“.

Von führenden Unionspolitikern wie dem CDU-Parteivize Andreas Jung ist ergänzend zu hören, die Kosteneffizienz müsse stärker betont werden, es müsse in der Energiepolitik ein „neuer Realismus“ Einzug halten.

Erneuerbare Energien hatten während der Ampelkoalition einen deutlichen Schub erfahren:

  • Ehrgeizige Ausbauziele wurden definiert, Hürden im Planungs- und Genehmigungsrecht beseitigt.
  • Der Ausbau der Photovoltaik beschleunigte sich im vergangenen Jahr stark,
  • bei der Windkraft stieg die Zahl der genehmigten Projekte erheblich.

Das Ziel der Ampelkoalition, den Anteil der Erneuerbaren am Bruttostromverbrauch bis 2030 von derzeit 54 Prozent auf 80 Prozent zu erhöhen, erscheint mittlerweile erreichbar. Für 2030 unterstellten die Ampelkoalitionäre dabei einen Bruttostrombedarf „von 680 bis 750 TWh“. Mit 705 TWh liegt der BEE innerhalb dieser Spanne.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts von Mittwoch stammten 2024 sogar 59,4 Prozent des inländisch erzeugten und ins Netz eingespeisten Stroms aus erneuerbaren Energiequellen. Der Wert von 54 Prozent entspricht dagegen dem Bruttostromverbrauch. Der Bruttostromverbrauch umfasst auch Netzverluste und den Eigenverbrauch von Kraftwerken.

Strom als Schlüssel zur Dekarbonisierung

Die Annahme, dass der Stromverbrauch steigen wird, erklärt sich mit den CO2-Reduktionszielen. Prozesse, die aktuell noch auf dem Einsatz der fossilen Energieträger Öl, Kohle oder Gas basieren, sollen elektrifiziert werden: E-Autos ersetzen Verbrennerautos, elektrische Wärmepumpen ersetzen Gaskessel.

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Auch in der Industrie schreitet die Elektrifizierung voran. Und dort, wo der Einsatz von Strom technisch nicht möglich ist, soll künftig grüner Wasserstoff zum Einsatz kommen, dessen Herstellung große Mengen Strom aus erneuerbaren Quellen erfordert. Das gilt etwa für den Schwerlast- und Flugverkehr sowie für die Primärstahlroute, also die Stahlherstellung mit Erz und Kohle.

Doch der Dekarbonisierungsprozess schreitet nicht so schnell voran wie noch vor drei Jahren prognostiziert. E-Autos und Wärmepumpen sind Beispiele dafür: Der Markt entwickelt sich wesentlich langsamer als von der Ampelkoalition unterstellt.

Allein bei Datenzentren sehen wir einen Anstieg des Verbrauchs, der über den Erwartungen liegt.
Alexander Weiss
Energieexperte bei McKinsey

Fachleute rechnen daher nur noch mit einem langsamen Anstieg des Stromverbrauchs – anders als der BEE. Alexander Weiss, Senior Partner und Energieexperte bei McKinsey, sagte dem Handelsblatt: „Die Dekarbonisierung kommt. Aber sie kommt verzögert.“

Es werde zusätzlichen Strombedarf in den Bereichen Verkehr, Wasserstoff, Industrie und Haushalte geben. Aber er werde „deutlich geringer ausfallen, als in den Szenarien der Bundesregierung unterstellt wird“. Nur eine Ausnahme sieht Weiss: „Allein bei Datenzentren sehen wir einen Anstieg des Verbrauchs, der über den Erwartungen liegt“, sagt Weiss.

Die Empfehlung des Experten: „Deutschland sollte den Ausbau der Erneuerbaren und der Netze stärker am tatsächlichen Bedarf orientieren.“ Dann würden auch die Strompreise weniger stark steigen.

Erfahrungen aus der Praxis stützen diese These. Erst am Montag hieß es beim Stromübertragungsnetzbetreiber 50Hertz, der Stromverbrauch 2024 sei im 50Hertz-Netzgebiet „so niedrig wie zuletzt vor 20 Jahren“ gewesen.

50Hertz-Chef Stefan Kapferer hatte mit Blick auf die Entwicklung des Stromverbrauchs bereits vor einigen Wochen gesagt, man könne nicht mehr davon ausgehen, „dass sich bis 2030 eine Dynamik entfaltet, die die bisherigen Prognosen zur Stromverbrauchsentwicklung Wirklichkeit werden lässt“.

Doch aus Sicht des BEE ist das zu kurz gegriffen. Der Verband warnt davor, beim Erneuerbaren-Ausbau nachzulassen. Verbesserte Rahmenbedingungen für die Erneuerbaren und die Umsetzung der gesetzlich festgelegten Ausbauziele seien zwingend erforderlich, damit die günstigen Stromgestehungskosten der Erneuerbaren die Elektrifizierung voranbringen könnten, heißt es in der Analyse des BEE.

Arbeiter montieren Photovoltaikmodule auf einem Dach: BEE-Verbandsvertreter warnen davor, beim Erneuerbaren-Ausbau nachzulassen. Foto: oto: Marijan Murat/dpa

BEE-Geschäftsführer Axthelm warnt, wenn das Stromangebot aus erneuerbaren Quellen nicht zügig wachse, erschwere das die gesamte Elektrifizierung und insbesondere den heimischen Wasserstoffhochlauf – den Ausbau von mit Wasserstoff betriebener Technik.

BEE warnt vor steigenden CO2-Kosten

Außerdem warnt der BEE vor zusätzlichen CO2-Kosten: Wenn weniger erneuerbarer Strom zur Verfügung stehe, müssten in den Sektoren Wärme, Verkehr, Strom und Industrie mehr fossile Energieträger genutzt werden. Die deutsche Wirtschaft, insbesondere die energieintensive Industrie, müsse große Summen für den Kauf von Emissionszertifikaten aufwenden, schreibt der BEE in seiner Analyse.

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Das würde die „Transformation hin zu einer wettbewerbsfähigen und zukunftsfähigen Industrie grundlegend gefährden“, warnt der Verband. Es drohten Mehrkosten von 29 bis 68 Milliarden Euro im Jahr 2030 für Haushalte und Unternehmen.

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