Morning Briefing: Aus naiver Zuversicht ist an den Börsen lähmende Angst geworden
Handelsstreit: Die neuen Zölle gegen EU-Produkte / Finanzmarkt: Die neue Angst der Anleger
Liebe Leserinnen und Leser,
Die Zahlen werden immer exorbitanter, die Drohungen immer roher. Im Handelsstreit mit den USA hat US-Präsident Donald Trump gestern mit der Einführung von 200-Prozent-Zöllen auf Alkohol aus der EU gedroht. Für alle, die in Prozentrechnung nicht mehr ganz so fit sind: Ein solcher Einfuhrzoll verdreifacht den ursprünglichen Preis der Ware.
Zuvor hatte die EU, als Vergeltung für neue amerikanische Stahl- und Aluminiumzölle, eine Importsteuer von 50 Prozent auf US-Whiskey und andere Produkte angekündigt.
Der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer warf der EU vor, die „nationalen Sicherheitserfordernisse der Vereinigten Staaten“ zu missachten. Trump formulierte es auf Trump-Art so:
Die Zuspitzung legt nahe, dass Trump auch bei der noch ausstehenden Entscheidung über Autozölle hart bleiben wird. Sie könnten am 2. April in Kraft treten und dürften Deutschland besonders hart treffen.
Auch an anderer Stelle setzt die US-Regierung ihre Politik der offenen Konfrontation fort. Gestern Abend saß Nato-Generalsekretär Mark Rutte auf jenem berüchtigten goldenen Stuhl im Oval Office, auf dem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vor gut zwei Wochen verbal attackiert worden war.
Dabei ging es wieder einmal um die Frage einer amerikanischen Intervention in Grönland, bei der Trump andeutete, „immer mehr Soldaten“ auf Stützpunkte dorthin verlegen zu wollen. Er bat Rutte dabei auch um die Unterstützung der Nato, da Grönland sehr wichtig für die nationale Sicherheit der USA sei. Rutte lehnte diese Bitte diplomatisch aber sehr entschieden ab.
Kein anderer Präsident in der amerikanischen Geschichte ist je so hyperaktiv, unberechenbar und regelbrechend zur Tat geschritten wie Donald Trump. Das ist kein Wunder, schließlich hatte er bei seiner Kandidatur genau diese Brachialpolitik angekündigt. Das eigentliche Wunder in all diesen Wochen war die Gelassenheit, mit der die Finanzmärkte auf das Treiben des Mannes im Weißen Haus reagierten.
Doch das hat sich jetzt geändert – es herrscht „Trumpzession“ an den Märkten. Aus naiver Zuversicht ist an den Börsen lähmende Angst geworden. Die Worte von Steven Rattner, CEO von Willett Advisors, der das milliardenschwere Vermögen von Michael Bloomberg verwaltet, beruhigen dabei nicht:
Im großen Handelsblatt-Freitagstitel hat sich ein Team von Reporterinnen und Reportern die wichtigsten ökonomischen Kennzahlen angeschaut und sich mit der großen Frage beschäftigt, wo die aktuelle Entwicklung noch hinführen könnte. Es sieht so aus, als stünden wir auch ökonomisch vor einer veritablen Zeitenwende.
Zweifel an russischer Absicht für Waffenruhe
Der russische Präsident Wladimir Putin hat sich für eine von den USA und der Ukraine ausgehandelte Waffenruhe im Prinzip offen gezeigt. Allerdings mit einem „Ja, aber…“. In genau diesem „Aber“ sieht der ukrainische Präsident eine Ablehnung der Feuerpause und den Zwang zu einem Diktatfrieden unter russischen Bedingungen.
Putin traue sich nicht, US-Präsident Donald Trump offen zu sagen, dass er den Krieg fortsetzen wolle, sagte Wolodymyr Selenskyj in seiner abendlichen Videobotschaft. „Und darum verknüpfen sie in Moskau die Idee einer Waffenruhe mit solchen Bedingungen, damit insgesamt nichts herauskommen kann.“
Mercedes mit neuer Strategie
„Wir machen einen Quantensprung“, hat Mercedes-Chef Ola Källenius gegenüber meinem Kollegen Franz Hubik gesagt und meinte damit wohl einen besonders großen Fortschritt. Er spricht von der neuen Version der Limousine CLA, mithilfe derer sich der zuletzt schwächelnde Dax-Konzern wieder an die Spitze der Autoindustrie katapultieren will – technologisch wie finanziell.
Doch Källenius könnte mit seinem Vergleich des „Quantensprungs“ näher an der ursprünglichen Bedeutung des Wortes liegen als ihm lieb ist. Denn in der Physik ist ein Quantensprung eigentlich eine winzige Bewegung, ein minimaler Wechsel auf der kleinsten Skala.
Der neue CLA soll künftig das Einstiegsmodell in die Welt von Mercedes sein. Doch dadurch wird der Eintritt in diese Welt rund 10.000 bis 15.000 Euro teurer. Denn im Gegenzug verschwinden drei von sieben Kompaktwagen aus dem Portfolio – darunter auch die kleine A-Klasse.
Sowohl bei Mercedes als auch unter externen Experten gibt es Befürchtungen, dass diese Strategie nicht aufgehen wird. Moritz Kronenberger, Fondsmanager bei Union Investment, hält das Aus der A-Klasse für einen Fehler. Er schätzt: „Der CLA als künftiges Einstiegsfabrikat dürfte vielen potenziellen Kunden zu teuer sein.“
Tesla behält Lohn kranker Mitarbeiter ein
Während sich Mercedes in Stuttgart mit neuen Modellen herumschlägt, legt sich Tesla in Grünheide mit der eigenen Belegschaft an. Der US-Elektroautobauer verschickt offenbar massenhaft Schreiben an Beschäftigte, die sich krankgemeldet haben. Dem Handelsblatt liegen mehrere dieser Briefe vor. Der Betreff: „Zweifel an den eingereichten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen“.
Tesla kündigt in den Schreiben den sofortigen Stopp der Lohnfortzahlung an und droht mit Rückforderungen bereits gezahlter Beträge. Auch drängt das Unternehmen seine Mitarbeiter, für „jede bescheinigte Arbeitsunfähigkeit“ ihre Diagnose offenzulegen und die sie behandelnden Ärzte „von ihrer Schweigepflicht zu entbinden“.
IG-Metall-Bezirksleiter Dirk Schulze bestätigte, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt. „Tesla zweifelt in großem Umfang ärztliche Atteste an, verweigert die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall und behält Entgelt ein“. Tesla ließ Fragen des Handelsblatts zu den Vorwürfen unbeantwortet.
Zum Abschluss noch ein Blick auf das hochrangigste Doppelgängerpärchen der Bundespolitik: Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und CDU-Politiker Armin Laschet. Die beiden sehen sich zum Verwechseln ähnlich und wohnen auch noch in derselben Straße, wie Laschet in einem Gespräch mit der Funke-Mediengruppe erzählt.
Laschet berichtet, er fahre morgens des Öfteren mit dem E-Scooter zum Bundestag „und dann war Riesenaufruhr im Ministerium, dass die Polizei da angerufen hat, das müssen Sie ihm jetzt sagen, der Minister kann nicht mit dem E-Scooter durch die Gegend fahren“. Eines Tages, so Laschet im Scherz, werde er in den Dienstwagen des Verteidigungsministers steigen und damit davonfahren.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem Sie sich aussuchen dürfen, wer Sie sein möchten.
Es grüßt Sie herzlich
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt