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Morning BriefingDie Empörung über Trumps „Friedensplan“ verfehlt das Problem

Christian Rickens 25.04.2025 - 06:20 Uhr
Handelsblatt Morning Briefing

Handelskonflikt: Warum Trump Pekings bester Mann ist / Pharmadeal – Merck KGaA vor Milliarden-Übernahme

25.04.2025
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Liebe Leserinnen und Leser,

Als unser China-Reporter Martin Benninghoff in dieser Woche Hintergrundgespräche auf der Shanghai Motor Show führte, machte er eine verblüffende Erfahrung: Von Kleinmut wegen der horrenden Trumpschen Strafzölle war bei den chinesischen Autoherstellern nichts zu spüren. Aus drei Gründen schienen manche regelrecht zufrieden mit dem vom US-Präsidenten angezettelten Handelskonflikt:

  • Wichtige chinesische Autohersteller wie BYD exportieren ohnehin nicht in die USA.
  • Strafzölle für Autoimporte in die USA gelten ebenfalls für Hersteller in der EU und Japan. Das werde wichtige Wettbewerber wie Volkswagen und Toyota schwächen.
  • Chinas Autobranche hofft, dass die Europäer nun nach alternativen Handelspartnern suchen, und im Zuge dessen EU-Einfuhrbeschränkungen auf chinesische Elektroautos entfallen könnten.

Die optimistische Gelassenheit auf der chinesischen Automesse, die mittlerweile als wichtigste der Welt gilt, hat Symbolkraft. Mit seinen Zöllen von 145 Prozent auf Einfuhren aus China wollte Donald Trump Peking kleinkriegen. Stattdessen macht er die aufstrebende Supermacht stärker. Und verzwergt zugleich die USA, statt sie wieder „great“ zu machen. Mit seinem Zollchaos...

... führt der US-Präsident das Land an den Rand einer Rezession, wenn nicht mitten hinein,

... entfremdet er die USA von einem über Jahrzehnte gesponnenen Netz aus politischen und wirtschaftlichen Verbündeten in aller Welt,

... und Trump gefährdet die Kreditwürdigkeit des amerikanischen Staates – eine Zeitbombe angesichts des rasant wachsenden Schuldenstands der USA.

Chinas Machthaber Xi Jinping steht bereit, um in die Lücken zu stoßen, die sich dadurch auftun – politisch, ökonomisch, militärisch. Die Überschrift unseres Wochenendtitels hat sich Trump redlich verdient: Der US-Präsident ist „Pekings bester Mann“.

Emily Haber war von 2018 bis 2023 deutsche Botschafterin in den Vereinigten Staaten. Foto: ullstein bild - aslu

Der „Deep State“ bremst Trump nicht mehr

Fast könnte Trump uns auch an eine tragische Figur aus einer griechischen Sage erinnern: ein moderner König Laios, der mit seiner Handlung genau das auslöst, was er durch sie vermeiden wollte.

Aber mal ehrlich: Als Wiedergeburt eines griechischen Sagenhelden taugt Trump nicht so recht. Laios hat die Sache mit der Aussetzung seines Sohnes Ödipus wenigstens durchgezogen. Trump aber kündigt erst horrende Zölle an, um dann wieder vage zurückzurudern und allerlei Ausnahmen zu gewähren, sobald er die Konsequenzen seines Handelns zu spüren bekommt.

„Trump agiert maximal experimentell, konfrontativ und oft inkonsistent“, sagt Emily Haber im Handelsblatt-Interview. Die Diplomatin erlebte die erste Amtszeit von Trump als deutsche Botschafterin in Washington. Für sie der entscheidende Unterschied zu damals:

In der ersten Amtszeit gab es in der US-Administration noch viele außenpolitische Traditionalisten, die die Dinge wieder in geordnete Bahnen gelenkt haben. Die gibt es nun nicht mehr.

Trump würde es wahrscheinlich anders formulieren. Er würde sagen, dass ihn der „Deep State“ jetzt endlich nicht mehr ausbremse.

Andreas Voßkuhle: Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress, Reuters (2), AFP

Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, sieht in den USA immer mehr eine Wahldiktatur heraufdämmern:

Wahldiktatur, weil am Anfang ein Votum der Wähler stand und keine Revolution mit Waffen. Aber seit seiner Wahl versucht Trump mit seiner Clique, das demokratische System und das verfassungsrechtliche Gefüge aus ‚Checks and Balances‘ auszuhebeln und zu umgehen – indem er die Justiz, die Medien und die Wissenschaft unter Druck setzt.

Der Jurist zieht im Gespräch mit dem Handelsblatt ein bedrückendes Fazit:

Die USA stecken in einer ernsthaften, großen Verfassungskrise.
Ukrainische Helfer arbeiten in den Trümmern nach einem russischen Raketenangriff in Kiew, Ukraine. Foto: dpa

Kann Kiew ohne US-Unterstützung siegen?

Schön, dass zumindest auf manche Abläufe noch Verlass ist. Vorgestern wurde der US-„Friedensplan“ für die Ukraine bekannt, der eher ein Unterwerfungsplan ist. Gestern folgten die Reaktionen der europäischen Politik. Haben Sie Lust, eine Runde mitzuraten? Welche der folgenden drei Aussagen stammt von:

a) der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas

b) dem CDU-Politiker Dennis Radtke

c) der FDP-Europaabgeordneten Marie-Agnes Strack-Zimmermann

Hier die Zitate:

1. „Der Plan von Trump ist kein Friedensplan, sondern ein Unterwerfungsplan, der das Ende der internationalen Ordnung bedeutet, wenn die Ukraine und Europa diesen akzeptieren.“

2. „Das wahre Hindernis ist nicht die Ukraine, sondern Russland, dessen Kriegsziele sich nicht geändert haben.“

3. „Wer der Ukraine den Nato-Beitritt verweigert und völkerrechtswidrig annektierte Gebiete wie die Krim Russland zuschreibt, belohnt Putins brutalen Angriffskrieg und tritt das Völkerrecht mit Füßen.“

Die richtige Zuordnung lautet: 1-b, 2-a und 3-c.

Nichts an diesen Zitaten ist inhaltlich falsch, im Gegenteil. Aber die Kernfrage scheint mir doch eine andere zu sein: Sollte die Ukraine den Friedensplan ablehnen und zur Not ohne US-Unterstützung weiterkämpfen? Der ehemalige litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis sagt:

Europa ist weder bereit noch gerüstet, sich selbst oder die Ukraine zu schützen.

Ein EU-Diplomat formulierte es gegenüber dem Handelsblatt noch drastischer:

Ich weiß nicht, ob die Ukraine sich auf Europa verlassen will, um weiterzukämpfen. Wenn ich die Ukraine wäre, würde ich es nicht tun.
Das Pharmaunternehmen Merck. Foto: picture alliance / Ulrich Baumga

Merck steht kurz vor Milliarden-Übernahme

Der deutsche Pharmakonzern Merck KGaA steht vor einer milliardenschweren Übernahme des US-Krebsspezialisten Springworks Therapeutics. Geplant sei eine Transaktion im Volumen von rund 3,5 Milliarden Dollar, berichtet das „Wall Street Journal“. Merck bestätigte anschließend, beide Unternehmen befänden sich „in weit fortgeschrittenen Gesprächen“ zu einer möglichen Übernahme. Es sei jedoch keine abschließende Entscheidung getroffen und keine rechtlich verbindliche Vereinbarung abgeschlossen worden. Dem Zeitungsbericht zufolge wird das bis Montag angestrebt.

Die Übernahme von Springworks wäre für Merck einer der größten Pharma-Deals seit Jahren. Dass die beiden Unternehmen Gespräche über eine mögliche Übernahme führen, war bereits bekannt.

Sundar Pichai: CEO von Alphabet und der Muttergesellschaft von Google. Foto: AFP

Alphabet stark dank Werbegeschäft

Sprudelnde Werbeeinnahmen haben dem Google-Mutterkonzern Alphabet ein überraschend starkes Quartalsergebnis beschert. Die Konzernerlöse von 90,2 Milliarden Dollar und der Reingewinn von 34,5 Milliarden Dollar übertrafen die Prognosen. Das Geschäft mit Internet-Suchen wachse dank per Künstlicher Intelligenz (KI) erstellter Zusammenfassungen der Ergebnisse weiterhin stark, sagte Alphabet-Chef Sundar Pichai. Er kündigte zusätzliche Ausschüttungen an die Aktionäre in zweistelliger Milliardenhöhe an. Im nachbörslichen Geschäft der Wall Street verhalf das den Alphabet-Aktien zu einem Kursplus von 5,5 Prozent.

Falls Sie über die Zahlen zu Umsatz und Gewinn gestolpert sind und gerade im Kopf versuchen, daraus eine Umsatzrendite zu errechnen: Das habe ich auch versucht, aber dann doch den Taschenrechner in meinem Telefon bemüht und bin auf eindrucksvolle 38 Prozent gekommen.

Dass gefühlt die halbe Welt inzwischen ChatGPT oder eine andere KI befragt, statt bei Google zu suchen, scheint sich in den Alphabet-Kassenbüchern noch nicht niederzuschlagen.

Ich wünsche Ihnen einen ertragreichen Wochenausklang.

Herzliche Grüße,

Ihr

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Christian Rickens

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