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GastkommentarHollywood droht ein Braindrain – Wie Europa ihn nutzen kann

Unter Trump überlegen viele Filmschaffende auszuwandern – das ist eine Riesenchance für Europa. Filmproduzent Fabian Gasmia erklärt, welche Anreize Deutschland jetzt bieten sollte. 02.06.2025 - 08:53 Uhr Artikel anhören
Der Autor: Fabian Gasmia ist Filmproduzent und Präsident der Deutsch-Französischen Filmakademie. Foto: picture alliance / Ralf Mueller, picture-alliance/ dpa/dpaweb

Als ich vor 25 Jahren anfing, Filme zu produzieren, galt ein ungeschriebenes Gesetz: Filme, die weltweit für ausverkaufte Säle sorgen, neue Erzählweisen etablieren oder technisch den Status quo herausfordern, kamen fast immer aus Hollywood. „Matrix“ war so ein Fall.

In Europa dominierten dagegen lokale Komödien und kleine Arthouse-Filme für ein Nischenpublikum. Das ändert sich gerade – und bietet Europa die Chance, den USA ihre Führungsrolle streitig zu machen. Und das hat viel mit Donald Trump zu tun.

Hollywood steckt in der Krise

Nach Jahrzehnten kultureller US-Dominanz bei den Oscars geben plötzlich europäische Produktionen den Ton an:

  • Das französische Musical „Emilia Perez“ erhielt 13 Nominierungen,
  • „Konklave“ des Berliner Regisseurs Edward Berger acht
  • und der litauische Animationsfilm „Flow“ zwei.

Alles Filme, die Neues wagen und weltweit begeistern.

Das liegt nicht allein an der Stärke europäischer Filme, sondern auch an Hollywoods Einfallslosigkeit: Von dort kommen etwa neun „Spiderman“-Verfilmungen in den vergangenen 25 Jahren.

Hollywood verliert an Strahlkraft. Das verschärft sich seit Trumps Rückkehr ins Oval Office, weil immer mehr hochkarätige Filmschaffende sich überlegen, die USA Richtung Europa zu verlassen.

Kommt das Kino der Zukunft aus München, Berlin, Hamburg und Köln? Die Chancen stehen gut – wenn wir vom Aufstieg Hollywoods lernen.

Globale Trends

Amerikas Soft Power – Die Angst vor dem Ende der Traumfabrik

In den 1920er-Jahren war Deutschland führend im Weltkino. Stars wie Marlene Dietrich, Billy Wilder oder Ernst Lubitsch prägten aus Babelsberg heraus das internationale Kino – bis die Weimarer Republik ins Chaos stürzte. Viele Künstler emigrierten nach Los Angeles, besonders nach 1933.

Hollywood reagierte klug: half mit Visa, Sprachkursen und Einbürgerung. So legte es den Grundstein für seinen bis heute anhaltenden Erfolg – geprägt von deutschem Expressionismus, komplexen Themen und scharfsinnigen Dialogen.

Die US-Filmindustrie ist zwar weiterhin potent, sie setzt jährlich rund 400 Milliarden Dollar um. Doch die Risse sind unübersehbar: Unabhängige Produktionen finden kaum noch Finanzierung, viele Filme floppen.

Der Küstenort Pacific Palisades bei Los Angeles, einst Rückzugsort deutscher Exilanten, stand Anfang des Jahres als Folge von Waldbränden in Flammen – ein Bild mit Symbolkraft. Hollywood steckt in der Krise.

Regisseurinnen und Regisseure wie Lana Wachowski, Julius Onah oder Wayne Roberts haben die USA schon in Trumps erster Amtszeit verlassen. Jetzt fragen sich viele Filmschaffende, ob sie aus politischen Gründen nach Europa umziehen sollten.

Wer die besten Talente anzieht, prägt die Kultur

Einige suchen bereits Wohnungen und Kita-Plätze in Berlin. Sollte Trump Hollywood so attackieren wie den Welthandel oder die Universitäten, könnten aus Gedankenspielen rasch Taten werden. Die angekündigten Zölle von 100 Prozent auf im Ausland gedrehte Produktionen sind bereits jetzt verheerend für die Studios in LA, weil die Dreharbeiten aus Kostengründen häufig außerhalb der USA stattfinden.

Für Europa ist das eine historische Chance. Denn wer die besten Talente anzieht und die spannendsten Geschichten erzählt, prägt die Kultur.

China und USA

Kulturkampf um die Traumfabriken – Wie China Hollywood bezwingen will

Will die Welt künftig Filme aus einem Land sehen, das dem Abgleiten in die Autokratie tatenlos zusieht? Hollywood-Produzent Ted Hope bringt es auf den Punkt: „Die Zukunft des Kinos liegt in Europa“ – wegen künstlerischer Freiheit und funktionierender Finanzierung.

Frankreich hat das erkannt: Produktionen wie „Der Graf von Monte Cristo“ entstehen dort mit hohen und international wettbewerbsfähigen Budgets von 30 bis 40 Millionen Euro. Auch in Deutschland bewegt sich etwas.

Warum das wichtig ist? Weil die deutsche Wirtschaft stark profitieren könnte. Studien zeigen, dass jeder in eine Filmproduktion investierte Euro drei Euro an Wirtschaftskraft bringt.

Was die deutsche Filmförderung braucht

Die geplante Reform der deutschen Filmförderung kommt zur rechten Zeit – sie will die Förderung flexibler, schneller und unbürokratischer machen. Das ist ein guter Ansatz, aber die Reform ist noch zu klein gedacht.

Derzeit liegt die maximale Förderhöhe für Filme bei sechs Millionen Euro. Cannes-Gewinner wie „Parasite“ oder „The Zone of Interest“ wären unter diesen Bedingungen nicht entstanden – obwohl sie international Hunderte Millionen Euro eingespielt haben.

Zudem ist es wichtig, dass Rechte und Erlöse bei europäischen Firmen verbleiben – aktuell ist das nicht gesichert. Es ist absurd, wenn wir Trumps angekündigte Zölle von 100 Prozent auf internationale Kinofilme bezahlen müssen und gleichzeitig weiterhin die Herstellung von amerikanischen Kinofilmen subventionieren, damit sie im Gegenzug bei uns drehen. Den US-Studios gehören dann die Rechte und sämtliche Einnahmen.

Um deutsche Filme international konkurrenzfähig zu machen, sollten jährlich zehn große Produktionen einen „Exzellenz-Turbo“ in Höhe von jeweils fünf Millionen Euro erhalten. Finanziert werden könnte das mit den Einsparungen aus dem Wegfall der deutschen Förderung reiner US-Produktionen. Das wäre günstiger als das bisher diskutierte Modell – und weit wirksamer.

Außerdem braucht es ein unbürokratisches Einwanderungsmodell für Top-Talente der Filmbranche – mit unbefristeter Aufenthaltserlaubnis, Familiennachzug und schneller Einbürgerung.

So ergänzt, wäre die Reform ökonomisch sinnvoll und visionär. Damit könnte das nächste Kapitel des Weltkinos in Europa geschrieben werden.

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Der Autor: Fabian Gasmia ist Filmproduzent und Präsident der Deutsch-Französischen Filmakademie.

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