Nato: Russlands Schattenflotte – Sorgen vor einer Eskalation in der Ostsee
Riga. Das Video, das die vielleicht brenzligste Konfrontation zwischen Nato-Staat Estland und Russland in der Ostsee dokumentiert, dauert etwa eine Minute. Gefilmt von der Brücke des sanktionierten Tankers „Jaguar“, der zu Russlands sogenannter Schattenflotte gehören soll, zeigt es einen Teil des Innenraums, das Meer, den Himmel – und schwenkt dann auf einen Helikopter der estnischen Streitkräfte.
Auf Russisch sagt ein Mitglied der Crew: „Wir werden von Hubschraubern wie diesem empfangen, die uns auffordern, Anker zu werfen.“ Nur kurz nach der Aufforderung der Esten, die das Schiff inspizieren wollen, erscheint ein russischer Kampfjet vom Typ Su-35 am Himmel. Das russische Militär kommt dem Frachter offenbar zur Hilfe.
Der Jet verfehlt seine Wirkung nicht: Estland lässt den Tanker passieren, begleitet das Schiff in russische Gewässer, obwohl es ohne Flagge fährt und auf einer britischen Sanktionsliste steht. Die „Jaguar“ steuert dann einen russischen Hafen an.
Estland beschuldigt nun Russland, unerlaubt in den Luftraum eingedrungen zu sein. Aus Sicht des baltischen Nato-Staats zeige der Vorfall erstmals die Verbindung des Kremls zur sogenannten Schattenflotte.
Damit sind Hunderte von Tankern gemeint, die unter fremder Flagge fahren und dabei Öl aus Russland exportieren. Die „Jaguar“ beispielsweise ist in Gabun registriert. Auf diese Weise soll der Kreml die internationalen Sanktionen umgehen und Geld verdienen. Bisher hatte Russland die Verbindung nicht eingeräumt.
Ähnliche Vorfälle häufen sich seit Monaten. Zahlreiche Schiffe der Schattenflotte gerieten bereits mit Behörden von Nato-Staaten in Konflikt – es ging um Sabotagevorwürfe und „verdächtige Manöver“. Russland könne auf diese Art und Weise die Verteidigungsbereitschaft der Nato testen, fürchten Beobachter. Die große Sorge vor einer Eskalation in der Ostsee, gewollt oder aus Versehen, steigt.