Pharmaindustrie: Europas Pharmakonzerne kaufen für Milliarden in den USA zu
Düsseldorf. Mit einem milliardenschweren Deal will Sanofi sein Arzneimittelangebot erweitern und die US-Biopharmafirma Blueprint Medicines kaufen. „Die Übernahme verbessert unsere Pipeline und beschleunigt die Transformation zum weltweit führenden Anbieter von Immuntherapien“, sagte Paul Hudson, der Chef des französischen Pharmakonzerns, am Montag.
Sanofi bietet für Blueprint Medicines 129 Dollar je Aktie in bar oder insgesamt etwa 9,1 Milliarden Dollar. Die bisherigen Eigner erhalten zudem Anspruch auf weitere bis zu sechs Dollar je Aktie, wenn die Medikamentenkandidaten von Blueprint bestimmte Entwicklungsschritte erfolgreich abschließen. Dann erhöht sich das Transaktionsvolumen auf rund 9,5 Milliarden Dollar.
Blueprint-Titel hatten am Freitag an der Wall Street bei 101,35 Dollar geschlossen.
Durch den Zukauf erhält Sanofi das in den USA und der EU zugelassene Medikament Avapritinib zur Behandlung seltener Immunerkrankungen sowie eine vielversprechende Pipeline an Immunologieprodukten.
Avapritinib ist das einzige zugelassene Mittel gegen eine seltene Immunerkrankung, bei der sich veränderte Mastzellen im Knochenmark, in der Haut, dem Verdauungstrakt und anderen Organen ansammeln und aktiv werden. Blueprint arbeitet außerdem an der nächsten Generation von Arzneimitteln auf diesem Gebiet sowie an Medikamenten gegen verschiedene andere Immunerkrankungen.
Die Übernahme markiert den nächsten großen Deal im Pharmasektor binnen weniger Wochen. Viele große Pharmakonzerne liefern sich ein Rennen um die aussichtsreichsten Zukunftsmedikamente. Sie müssen ihre Pipeline stärken, die bei einigen Herstellern durch Flops in der eigenen Forschung geschwächt ist.
Fündig werden die Pharmakonzerne vor allem im forschungsstarken US-amerikanischen Biotech-Sektor. Europas finanzstarke Arzneihersteller mischen kräftig mit. Vor wenigen Wochen kündigte der Darmstädter Pharma- und Technologiekonzern Merck seine größte Übernahme seit Jahren an.
Für umgerechnet rund drei Milliarden Euro kauft Merck das US-Biotech-Unternehmen Springworks und stärkt damit sein Portfolio in der Krebsmedizin. Die Übernahme soll das Wachstum des Unternehmens mittel- bis langfristig beschleunigen.
Merck musste zuletzt mehrere Rückschläge in der Forschung verbuchen. Zudem sind wichtige bisherige Umsatzbringer im Arzneigeschäft von Patentabläufen bedroht.
Auch Sanofi musste zuletzt Enttäuschungen in der Pharmaentwicklung bekannt geben: Ein experimentelles Medikament gegen eine chronische Lungenerkrankung verfehlte das Hauptziel einer von zwei entscheidenden klinischen Studien.
Für Sanofi ist es die zweite Übernahme im US-Biotech-Sektor binnen weniger Wochen. Mitte Mai hatten die Franzosen den Kauf von Vigil Neurosciences für 470 Millionen Dollar angekündigt. Vigil verfügt über einen Wirkstoff in der frühen klinischen Testphase zur Behandlung von Alzheimer. Damit will Sanofi sein Kerngeschäft in der Neurologie stärken.
Der Pharmakonzern Novartis expandiert ebenfalls in den USA. Bis zu 1,7 Milliarden Dollar stecken die Schweizer in die Übernahme des kalifornischen Biotech-Unternehmens Regulus Therapeutics. Mit dem Ende April angekündigten Deal will der Konzern sein Therapieangebot bei Nierenerkrankungen ausbauen.
Schon im vergangenen Jahr hat Novartis sein Geschäft mit Nuklearmedikamenten zur Behandlung von Krebserkrankungen mit einem Zukauf in den USA ausgebaut. Der Arzneimittelhersteller aus Basel hat für eine Milliarde Dollar die US-Biotechnologiefirma Mariana Oncology übernommen. Sie ist spezialisiert auf neuartige radiologische Behandlungen von Tumoren in Lunge, Brust und Prostata.