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Morning Briefing PlusWie wir über den Krieg berichten

Inga Rogg schreibt über Israel, Iran und Gaza, Mareike Müller ist gerade auf Recherche in der Ukraine. Beide erzählen, wie sie versuchen, im Krieg der Wahrheit möglichst nahezukommen.Martin Knobbe 21.06.2025 - 08:29 Uhr Artikel anhören
Foto: Handelsblatt

Liebe Leserinnen und Leser,

ich bewundere Kolleginnen und Kollegen, die über den Krieg berichten. Nicht nur, weil sie sich oft selbst in Gefahr begeben, wenn sie versuchen, so nah wie möglich an die Wahrheit zu gelangen, die bekanntermaßen im Krieg das erste Opfer ist. Sondern auch, weil es grundsätzlich schwierig ist, an Informationen zu gelangen, wie etwa in Iran oder im Gazastreifen, den die allermeisten ausländischen Journalisten seit mehr als eineinhalb Jahren nicht besuchen können.

Ich habe unsere Nahost-Korrespondentin Inga Rogg gefragt, wie sie damit umgeht. Sie hat mir erzählt, dass sie einem mehrstufigen Plan folgt.

Brennendes Shahran-Öl-Depot in Teheran nach einem israelischen Luftangriff. Foto: Getty Images

„Bin ich vor Ort und der Einschlag hat in der Nähe stattgefunden, gehe ich hin. Aber auch das geht nicht immer“, sagt Inga. „Der Ort kann zu weit weg oder er kann abgesperrt sein. Die Fahrt dorthin kann aufgrund von Kampfhandlungen oder Terroranschlägen schlicht zu gefährlich sein.“

In einem zweiten Schritt überlegt Inga, ob sie aus früheren Besuchen jemanden kennt, der dort wohnt. Und sie schaut in ihren WhatsApp-Gruppen und fragt dort nach, ob jemand mehr weiß. Auch soziale Medien sind mitunter wertvolle Quellen.

„Gibt es das alles nicht, warte ich erst einmal ab“, sagt Inga. „Es kann aber auch sein, dass die Berichterstattung der Militärzensur unterliegt. Dann stellt sich für mich die Frage, ob es eine Lücke gibt, diese zu umgehen, zum Beispiel durch Berufung auf lokale Quellen.“

Nahost-Korrespondentin Inga Rogg bei einer vergangenen Recherche in Syrien. Foto: Inga Rogg

Wichtig ist die Transparenz: Klar zu sagen, was man weiß, was nicht – und woher die Informationen stammen.

„Und schließlich stellt sich die Frage nach dem eigenen Bias“, sagt Inga. „Vertraue ich der einen Seite mehr, weil ich besseren Zugang zu ihr habe, sie eine bessere PR macht, westliche Regierungen auf ihrer Seite stehen?“

Meine Kollegin Mareike Müller berichtet über Osteuropa, über Russland, vor allem über die Ukraine, gerade ist sie wieder für eine Recherche dort.

„Egal, wie viele Fotos, Videos, Berichte oder Daten es über einen Angriff gibt: Nichts ersetzt die eigenen Eindrücke vor Ort für ein umfassendes Bild“, schreibt Mareike.

Als ich am Dienstagmorgen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ankam, fuhr ich, so schnell es ging, in die Straße, in der in der Nacht auf Montag eine russische Rakete in ein neunstöckiges Haus eingeschlagen war. Mehr als 24 Stunden später trugen Rettungskräfte noch immer Schutt ab, suchten in den Trümmern nach Verschütteten.“

Zerbombtes Gebäude in Kiew. Foto: dpa

Vor allem aber hinterfragt Mareike die vorliegenden Informationen: „Passt das Ausmaß der Schäden zum Waffentyp, der angeblich zum Einsatz kam?“, schreibt sie. „Kann der Schaden auch anders entstanden sein? Drohnen verursachen zum Beispiel andere Schäden als ballistische Raketen. Man schaut, ob es einen Einschlagkrater gibt und wie groß er ist, in welchem Umkreis Autos ausgebrannt sind oder Fensterscheiben in umliegenden Gebäuden durch Druckwellen zerstört wurden.“

Schließlich sind es die Gespräche mit Augenzeugen, die das Bild vervollständigen können. Was erzählen Anwohner und Überlebende?

Osteuropa-Korrespondentin Mareike bei einer vergangenen Recherche in Irpin. Foto: Mareike Müller

Grundsätzlich hat Mareike den Eindruck, dass die ukrainischen Behörden um Transparenz bemüht sind. „Aber eine skeptische Grundhaltung ist trotzdem unabdingbar, sie ist der vielleicht wichtigste Teil unseres Berufs.“

Ich kann ihr nur zustimmen.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1. Israels Angriff, Trumps Drohgebärden, Europas Zurückhaltung: Der neue Nahostkrieg droht, in einen globalen Machtkonflikt zu eskalieren. Zusammen mit Russlands Angriff auf die Ukraine und Chinas Drohungen gegen Taiwan ergibt sich das Bild einer Globalisierung des Krieges. „Der unerklärte Weltkrieg“ haben wir unseren großen Freitagstitel zu den weltweiten Kriegs- und Krisenherden überschrieben. Ja, provozierend, aber der Lage angemessen, wie wir fanden. Sie auch?

Illustration zur neuen Weltordnung. Foto: Mona Eing & Michael Meissner

2. Klimaaktivistin Luisa Neubauer will es als „Unwort des Jahres“ einreichen: Israel übernehme die „Drecksarbeit“ für uns, hatte Bundeskanzler Friedrich Merz im ZDF gesagt. Genau genommen stammte das Wort von der Moderatorin Diana Zimmermann, die es in ihre Frage gepackt hatte. Die Empörung über Merz war dennoch groß. Warum ich finde, dass das Wort unser Problem in Fragen der äußeren Sicherheit sehr gut trifft, habe ich in einem Editorial aufgeschrieben.

3. Früher hatte die „Drecksarbeit“ einen wohlklingenderen Namen: Friedensdividende. Aber sie bedeutete das gleiche: Während Deutschland an seiner Verteidigung und seiner Armee sparte, kümmerten sich andere um die kriegerischen Konflikte dieser Welt. Dass sich die Zeiten radikal verändert haben, sieht man auch daran, dass seit dieser Woche das wertvollste deutsche Start-up eine hochtechnologische Rüstungsfirma ist. Über den Erfolg des Münchener KI- und Drohnenunternehmens Helsing lesen Sie hier. Und warum dieser Erfolg so wichtig für Europa ist, hat Larissa Holzki kommentiert.

Unterwasserdrohnen von Helsing. Foto: ---/Helsing/dpa

4. Angesichts der Dynamik des Krieges ist fast schon in Vergessenheit geraten, dass sich Anfang der Woche die Staats- und Regierungschefs der mächtigsten Industrieländer in Kanada getroffen haben, um – ja, warum eigentlich? Tatsächlich sind solche Treffen dazu da, um über die Weltlage zu sprechen, über Konflikte, ja, auch Kriege. Doch so recht ist das diesmal nicht gelungen, da US-Präsident Donald Trump eben wegen dieser Weltlage das Treffen früher verließ. Welche Lehren aus dem G7-Treffen gezogen werden können, hat Martin Greive analysiert.

5. Es ist ein Wettrennen der besonderen Art: Wer bekommt das erste Robotaxi serienmäßig auf die Straße? Volkswagen legte – für viele dann doch überraschend – vor und lud nach Hamburg zur Präsentation seines autonom fahrenden ID.Buzz AD – inklusive Probefahrt. Am Sonntag will Tesla im texanischen Austin seinen Robotaxi-Dienst starten. Warum Elon Musks Unternehmen dabei einen Kostenvorteil haben könnte, und was Kameras, die durch Schaumstoff blicken können, damit zu tun haben, wissen meine Kollegen Felix Holtermann und Thomas Jahn.

VW-Robotaxi ID.Buzz AD, Konzernchef Oliver Blume. Foto: VW/Moia; Getty Images

6. Eine einzigartige Allianz hätte es werden sollen für ein großes Zukunftsprojekt: Mehrere Technologieunternehmen – die Deutsche Telekom, Schwarz Digits, Ionos, SAP und Siemens – haben über ein Konsortium verhandelt, um gemeinsam eines der großen Rechenzentren für Künstliche Intelligenz in Deutschland zu bauen. Die EU will europaweit den Bau fünf derartiger AI Gigafactorys fördern. Doch nun sind die Verhandlungen für ein Konsortium vorerst gescheitert, die Firmen wollen sich getrennt bewerben. Hier alle Hintergründe dazu.

7. Der US-Tech-Unternehmer Daniel Starr soll eigentlich wegen der Übernahme von Tiktok verhandeln, aber er traut sich nicht zu reisen. Ein Grund: Die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelt gegen ihn, ohne ihm oder seinem Anwalt konkret mitzuteilen, was sie ihm vorwirft. Es gab eine unerwartete Festnahme in Paris, jetzt ist auch das Weiße Haus involviert. Ein kurioser Thriller, den Sönke Iwersen und Volker Votsmeier da aufgetan haben.

US-Unternehmer Daniel Starr. Foto: Imago, AP, Reuters, brckmnn [M]

8. Der wohl beliebteste ETF, der MSCI World, hat derzeit ein Imageproblem. Galt er einst als Renditegarant, sehen ihn heute, vor allem seit der Amtsübernahme von US-Präsident Donald Trump, viele fast schon als Risiko für ihr Depot. Sind also andere Weltindizes die Rettung? Alles Quatsch, schreibt Andreas Neuhaus in seiner Marktkolumne und klärt die „dreifache ETF-Lüge“ wie immer klug und kundig auf.

9. Zurück zum Beginn: Kollege Sebastian Dalkowski hat vor einem Vierteljahrhundert im Kreiswehrersatzamt den Wehrdienst verweigert, „was damals so eine große Sache war, wie zu sagen, man müsse mal auf die Toilette“, wie er schreibt. Mit Putins Überfall auf die Ukraine setzte bei Sebastian ein Nachdenken ein: „Auch ich kann nicht mehr leugnen, dass die Gefahr, die von Russland ausgeht, so groß ist wie noch nie in meinem Leben.“ Führt dieses Nachdenken auch zu einem Umdenken? Würde sich Sebastian heute für die Bundeswehr entscheiden? Lesen Sie hier seine Gedanken und seine Entscheidung.

Und damit wünsche ich Ihnen ein sonniges Sommersonnenwendewochenende.

Bleiben Sie zuversichtlich!

Herzlich

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Martin Knobbe

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