Teuerung: Inflationsrate in Deutschland sinkt im Juni überraschend
Frankfurt, Düsseldorf. Die Teuerungsrate sinkt in Deutschland im Juni überraschend auf zwei Prozent. Sie liegt damit unter dem Wert von Mai, wie das Statistische Bundesamt in seiner Schnellschätzung am Montag bekannt gab. Im Mai waren die Verbraucherpreise noch um 2,1 Prozent zum Vorjahresmonat gestiegen. Die Kerninflation, bei der stark schwankende Preise für Energie und Lebensmittel ausgeklammert bleiben, sank auf 2,7 Prozent.
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat wie andere internationale Notenbanken ein Inflationsziel von zwei Prozent, dieses hat Deutschland nun erreicht. Waren und Dienstleistungen kosteten im Juni durchschnittlich zwei Prozent mehr als im selben Monat ein Jahr zuvor. Das Inflationsziel bestätigte EZB-Chefin Christine Lagarde in ihrer geldpolitischen Strategie am Montag. Die Zentralbank hatte im Zuge der Inflationsbekämpfung ihre Leitzinsen in den vergangenen Jahren stark erhöht, inzwischen aber wieder gesenkt.
Insbesondere hohe Energiepreise seit dem russischen Angriff auf die Ukraine waren Ursache für die hohe Inflation in der Euro-Zone. Nun bessert sich die Situation. Energie verbilligte sich im Juni deutlich um 3,5 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Nahrungsmittel hingegen verteuerten sich um zwei Prozent im Vergleich zu Mai. Gemüse wurde etwa in Nordrhein-Westfalen zwar um 4,2 Prozent günstiger, zugleich verteuerte sich aber Obst um 10,8 Prozent. Dienstleistungen kosteten im Schnitt 3,3 Prozent mehr.
Experten sind teilweise skeptisch
Erste Reaktionen auf die neuen Daten waren gemischt. Silke Tober, Geldpolitikexpertin des IMK-Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, meint: Entscheidend sei, dass die Inflation niedriger ausfiel, obwohl die Energiepreise weniger stark zur Senkung beigetragen hätten als in den Vormonaten.
Den weiteren Rückgang der Kernrate hält sie für die Bestätigung ihrer Prognose einer bei zwei Prozent im laufenden und einer leicht darunter liegenden Inflationsrate im kommenden Jahr. Auch mit Blick auf die Daten anderer Euro-Länder fordert sie: „Ein weiterer Zinsschritt sollte zügig folgen, nicht zuletzt wegen der kräftigen Aufwertung des Euros. Eine Stärkung der Binnennachfrage ist dringend erforderlich und kann zudem Bestandteil einer Lösung des Zollkonflikts sein.“
Sehr viel vorsichtiger äußert sich Michael Heise, Chefökonom vom Vermögensverwalter HQ Trust. Er hebt hervor, dass die sinkenden Energiepreise immer noch zum Rückgang der Inflation beigetragen haben. Außerdem verweist er darauf, dass die Kernrate mit 2,7 Prozent immer noch recht hoch liege. Seine Schlussfolgerung: „Eine Abkühlung des Preisklimas auch mal unter zwei Prozent wäre nach Jahren sehr hoher Kaufkraftverluste durchaus erwünscht. Unmittelbar absehbar ist ein solcher Rückgang allerdings nicht.“
Noch skeptischer ist Michael Holstein, der Chefvolkswirt der DZ Bank. „Anders als Bundesbank und EZB gehen wir in unserer Prognose nicht davon aus, dass die Teuerungsrate kurzfristig deutlich unter die Zwei-Prozent-Marke fallen wird“, betont er. Er verweist auf den immer noch hohen Lohndruck im Dienstleistungssektor und nennt einen weiteren Faktor: „Eine Rolle könnten zudem sinkende Pegelstände auf Deutschlands großen Flüssen spielen, die Transporte teurer machen.“
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Ulrich Kater wiederum, der Chefvolkswirt der zum Sparkassensektor gehörenden Deka-Bank, sieht die Inflation sogar „auf Schmusekurs“. Seiner Einschätzung zufolge wird die EZB in den kommenden Monaten weiterhin schauen, ob die „gerade wieder gebändigte Inflation auch so zahm bleibt“. Sie habe aber ihre Geldpolitik schon wieder auf „Normalbetrieb“ umgestellt. Er fasst zusammen: Die Zinsen wurden gesenkt, die akute Inflationsbedrohung ist vorbei.
Von EZB wird Zinspause erwartet
Der offizielle Leitzins, der sogenannte Hauptrefinanzierungssatz, der die kurzfristigen Kreditzinsen reguliert, betrug im September 2023 in der Spitze 4,5 Prozent. Die EZB senkte ihn danach immer weiter bis auf aktuell 2,15 Prozent. Für Juli rechnen viele Ökonomen zunächst einmal mit einer Pause der Zinssenkungen.
Die Inflation war zuvor vor allem in den Jahren 2022 und 2023 durch die Coronapandemie dramatisch angestiegen, weil viele Lieferketten durch den Krieg in der Ukraine gestört waren und das Angebot an Waren so deutlich knapper wurde. Zugleich hatte die Notenbank mit viel Liquidität eingegriffen, um das Finanzsystem stabil zu halten und die Wirtschaft nicht noch weiter abrutschen zu lassen.
Im Juni 2023 lag die deutsche Inflationsrate bei 6,4 Prozent, im September 2024 rutschte sie deutlich ab auf 1,6 Prozent, bis zum folgenden Dezember stieg sie wieder auf 2,6 Prozent. Seither bewegt sie sich in Richtung des Inflationsziels der EZB von zwei Prozent.