Morning Briefing Plus: Wie viel Argentinien verträgt Amerika?
Liebe Leserinnen und Leser,
der Sommer ist die Zeit, in der wir uns erlauben, unsere Gedanken etwas weiter schweifen zu lassen. Wir entkommen dem Alltag im Büro, Bücher und Reisen erschließen uns neue Perspektiven. In diesem Jahr begleitet mich auf dem Weg in die Ferien das beunruhigende Gefühl, dass uns einschneidende Veränderungen bevorstehen.
Ziemlich banal, diese Einsicht, mögen Sie jetzt denken – mit dem Begriff der Zeitenwende ist unsere Umbruchsära tausendfach beschrieben worden. Aber ich möchte auf etwas anderes hinaus.
Richtig ist: Das 20. Jahrhundert endet. Und mit ihm der Versuch, staatliche Macht zu zähmen. Das Denken in ökonomischen und politischen Einflusssphären kehrt zurück, sprich: der Wille, andere zu unterwerfen.
Die Ereignisse überschlagen sich. US-Präsident Donald Trump verkündet täglich neue Zölle. Schreckensmeldungen kommen aus dem Nahen Osten und der Ukraine. Auch Deutschland entkommt dem Sog der Geschichte nicht. In Berlin hat ein Kampf um die Zukunft der Demokratie begonnen, der geschrumpften Mitte stehen erstarkte Extremisten gegenüber. Routineabstimmungen werden zu ideologischen Schlachten – wie geschehen im tragischen Fall Brosius-Gersdorf.
Doch im Kontrast zu all der nachrichtlichen Hektik steht die fundamentale Trägheit unserer Gegenwart. Viel passiert, aber erstaunlich wenig scheint sich zu verändern. Die US-Wirtschaft wächst, die deutsche stagniert, die Börsenkurse steigen. Wie gehabt. Der Krieg tobt weiter, in Gaza und im Donbass. Eine neue Bundesregierung hat die Arbeit aufgenommen – tut sich aber genauso schwer, Kompromisse zu finden, wie die alte.
Was das bedeutet? Vielleicht hilft es, sich die Situation bildlich vorzustellen: Der Nachrichtenstrom staut sich an einem Deich – bis dieser irgendwann bricht. Der Wandel kommt, erst graduell, dann plötzlich.
Den ersten Dammbruch könnten wir in der Ukraine erleben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Trump dem russischen Kriegsherren Wladimir Putin mit harten Sanktionsdrohungen einen Waffenstillstand abringt. Möglich ist aber auch, dass die ausgedünnten ukrainischen Verteidigungslinien ins Rutschen kommen.
Ökonomisch richten sich die Blicke auf die USA. Firmen und Konsumenten haben der chaotischen Wirtschaftspolitik der Regierung bisher getrotzt. Doch die Anzeichen für einen Abschwung mehren sich. Zuletzt schuf die US-Wirtschaft kaum noch neue Jobs – woraufhin Trump nicht seine Willkürzölle überdachte, sondern die oberste Arbeitsmarktstatistikerin des Landes feuerte. Die entscheidende Frage für die nächsten Monate lautet: Wie viel Argentinien verträgt Amerika?
Die größte Veränderung aber wird aus dem Technologiesektor über uns hereinbrechen. Einige Experten halten Künstliche Intelligenz für ähnlich revolutionär wie einst das Feuer, mit dem der Mensch sich an die Spitze der Evolution stellte. Diese Position steht nun infrage. Es wird nicht mehr lange dauern, ehe Computer schönere Gedichte schreiben und ergreifendere Musik komponieren als wir. Was bleibt von uns, wenn wir sogar die Kunst verlieren?
Die Angst vor der Verdrängung durch Computer spiegelt sich in düsteren Science-Fiction-Visionen wie den „Terminator“- oder „Matrix“-Filmen. Ich stelle mir die Machtergreifung der Maschinen anders vor, sanfter, so wie es der wunderbare und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Pixar-Film „Wall-E“ prophezeit: In nicht allzu ferner Zukunft ist die Erde vermüllt, die Menschheit hat sich ins All geflüchtet. Dort wird sie an Bord eines interstellaren Kreuzfahrtschiffs von einer paternalistischen KI mit Virtual-Reality-Bildschirmen und Softdrinks ruhiggestellt. Endstation: Antriebslosigkeit.
Aber: Lassen wir unsere Gedanken lieber nicht zu weit streifen. Wir wollen es ja genießen können, wenn wir uns endlich auf einer Strandliege ausstrecken.
Was uns diese Woche noch beschäftigt hat:
1. Europas Zolldeal mit Donald Trump ist keine zwei Wochen alt – und schon wachsen die Zweifel. Die EU will den US-Präsidenten mit dem Kauf von amerikanischer Energie gnädig stimmen. Aber sind Amerikas Lieferanten überhaupt in der Lage, mehr zu liefern? RWE-Chef Markus Krebber glaubt das nicht: „Es ist auch gar nicht möglich, dass die USA ihre Energieexporte in einem nennenswerten Umfang in den nächsten drei Jahren erhöhen können.“ Was nun? Das ganze Interview mit RWE-Chef Krebber, das unsere Energiereporterin Kathrin Witsch geführt hat, lesen Sie hier.
2. Die Autozölle will der US-Präsident zwar senken, lässt sich dabei aber Zeit. Jakob Hanke Vela und Martin Buchenau berichten darüber, warum das neue Handelsabkommen auf tönernen Füßen stehen könnte. Und welche Risiken jetzt auf deutsche Hersteller wie Mercedes und Porsche zukommen.
3. Besonders vom Zollchaos betroffen ist Audi. Wie mein Kollege Roman Tyborski recherchiert hat, plant die Konzernspitze einen fundamentalen Wechsel für ihre US-Strategie. Wie weit die Pläne gediehen sind, was sie für Audio bedeuten und warum der Autobauer damit „zum Wachstum in den USA verdammt“ sein könnte, lesen Sie in diesem exklusiven Bericht.
4. Sozialstaat am Kipppunkt: Die deutsche Wirtschaft steckt in der Transformation – und der Sozialstaat in der Krise. Rentenversicherung, Pflegeversicherung, Krankenversicherung: Überall klaffen Finanzlöcher, die der Steuerzahler Jahr für Jahr stopfen soll. Doch das System könnte schon bald seine Belastungsgrenze überschreiten. Meine Berliner Kollegen haben analysiert, was jetzt zu tun ist.
5. Es gibt sie noch, die FDP – das haben wir in dieser Woche gelernt. Doch anstatt mit einem Konzept gegen den Reformstau von sich reden zu machen, beschäftigen sich die Liberalen mit sich selbst. Das System Lindner wird medienwirksam obduziert.
6. Helsing ist Deutschlands wertvollstes Start-up, ein Profiteur des großen Rüstungsbonanza. Meine Kolleginnen Larissa Holzki und Nadine Schimroszik haben ein internes Geheimpapier in die Hände bekommen und können damit brisante Pläne für Drohnen-Bomber enthüllen. Alle Einzelheiten hinter diesem Link.
7. Dresden, Essen, Hamburg, Iserlohn, Kassel, Leverkusen, Oerlenbach, Röthenbach, Spremberg – neun Städte, etliche Unternehmen. Mein Berliner Kollege Julian Olk hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche auf ihrer Sommertour begleitet. Sein Text erzählt von einer Überzeugungstäterin, die selbst ihren Parteifreunden und Kanzler Friedrich Merz bisweilen auf die Nerven geht. Leseempfehlung!
8. Ein Bundesstaat im Goldrausch: US-Präsident Donald Trump will Alaska zum Zentrum der Rohstoffförderung machen. In der Tundra sollen künftig Lithium, Kupfer und Germanium für Chips, Batterien und Rüstungstechnologie gefördert werden. Unsere US-Korrespondentin Annett Meiritz hat für Sie recherchiert, welche Strategie die USA mit Alaska verfolgen, aber auch wie hoch der Preis für Umwelt und indigene Bevölkerung ist.
9. Immer mehr Deutsche wandern aus. Die Wahlerfolge der AfD, die Bürokratie und die Alterung der Gesellschaft: Unser Reporter Christian Wermke hat für unseren Wochenendtitel Statistiken durchforstet und mit Auswanderern gesprochen. Sie ziehen in die USA, weil der Staat dem Unternehmertum dort weniger im Weg steht. Nach Dänemark, wo das Handy den Behördenbesuch ersetzt. Oder nach Tansania, in ein junges, ein wachsendes Land. Einige der Auswanderer rechnen schonungslos mit ihrer Heimat ab. Doch finden sie in der Fremde, wonach sie suchen? Antworten lesen Sie hier. Außerdem: Wo Sie, liebe Leserinnen und Leser, den besten Mix aus Steuerersparnis, Lebensqualität und unkomplizierten Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen finden, erfahren Sie in diesem Artikel.
Und damit wünsche ich Ihnen ein erholsames Wochenende.
Herzlichst
Ihr
Moritz Koch