Morning Briefing: „Das größte Munitionswerk Europas, wenn nicht gar der Welt“
Deutsche Politik und Wirtschaft machen ernst bei der Aufrüstung
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser!
Es sagt viel aus über die Welt, in der wir leben, wenn die Eröffnungen von Batteriefabriken reihenweise scheitern, während Munitionsfabriken feierlich eingeweiht werden. So geschehen gestern im niedersächsischen Unterlüß, wo Rheinmetall eines der größten Artilleriewerke Europas eröffnet hat.
Anwesend waren dabei Vertreter verschiedener europäischer Länder sowie Nato-Generalsekretär Mark Rutte und Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Pistorius betonte in seiner Rede:
Doch die Welt ist, wie sie ist und sie verlangt Kriegsgerät, darüber waren sich die gestern anwesenden Politiker einig. 350.000 Artilleriegranaten im Kaliber 155 Millimeter sollen ab 2027 pro Jahr im Werk in Unterlüß gebaut werden.
Rheinmetall-Chef Armin Papperger gab sich begeistert und versprach, dass die neue Fertigungsstätte dann „das größte Munitionswerk Europas, wenn nicht gar der Welt“ sein werde. Außerdem unterschrieb er auf der Bühne den Vertrag für eine neue Fabrik in Rumänien, wie mein Kollege Roman Tyborski von vor Ort berichtet.
Und der Rüstungskonzern will weiterwachsen: Insidern zufolge prüft Rheinmetall den Einstieg in den Marineschiffbau. Demnach führt das Unternehmen bereits Gespräche mit der Bremer Lürssen-Gruppe. Ein Abschluss dieser Gespräche sei jedoch noch nicht in Sicht, berichtet eine mit dem Vorgang vertraute Person dem Handelsblatt.
Der Familienkonzern Lürssen baut zwar keine großen Fregatten, verfügt aber über Expertise im Korvetten-Bereich. Gerade diese Schiffsklasse dürfte in den kommenden Jahren für die Bundeswehr und ihre Partner eine größere Rolle spielen. Denn die Korvetten sind relativ klein, flexibel und vergleichsweise schnell einsetzbar.
Doch die Bundeswehr braucht nicht nur Munition und Marineschiffe, sondern vor allem Menschen. Vor diesem Hintergrund hat das Bundeskabinett gestern den Gesetzentwurf für einen neuen Wehrdienst verabschiedet, der zunächst auf Freiwilligkeit beruht. „Zunächst“ ist ein Wort, das Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) dabei immer wieder betonte, denn wenn es nach seiner Partei ginge, könnte aus dem Wehrdienst bald eine Wehrpflicht werden.
Zunächst ist geplant, dass alle Männer und Frauen, beginnend im kommenden Jahr, ab ihrem 18. Geburtstag einen Fragebogen erhalten. Darin sollen sie Auskunft geben, ob sie einen Wehrdienst leisten möchten. Für Frauen ist das Ausfüllen freiwillig, für Männer ist es verpflichtend.
Doch wenn sich in den kommenden Jahren nicht genug junge Menschen für die Armee verpflichten, müssen die darauffolgenden Jahrgänge ran. Denn das klare Ziel der Nato lautet, dass die Bundeswehr von derzeit rund 182.000 Soldatinnen und Soldaten auf 260.000 anwachsen muss. Sollte dieses Ziel in den nächsten Jahren nicht erreicht werden, könnte das Motto lauten: Bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt. Denn dann könnte der Bundestag per Rechtsverordnung die Einberufung zum Grundwehrdienst anordnen.
Nvidia präsentiert starkes Wachstum
Gestern Abend deutscher Zeit hat der Chiphersteller Nvidia neue Quartalszahlen präsentiert und ein überraschend starkes Wachstum vorgelegt. Der Konzernumsatz stieg den Angaben zufolge um 56 Prozent auf 46,74 Milliarden Dollar. Im Vergleich zum vorangegangenen Quartal belaufe sich das Plus auf sechs Prozent.
Vor allem der anhaltend hohe Bedarf an Spezialprozessoren für Künstliche Intelligenz (KI) scheint für die positive Entwicklung des US-Unternehmens verantwortlich. Die Umsätze mit der neuesten Chip-Generation „Blackwell“ hätten überdurchschnittlich zugelegt, teilte der Konzern mit.
Der tückische Türkei-Trade
Die sogenannten Carry-Trades sind eine Strategie für ausgewiesene Schlaumeier. Dabei handelt es sich um Geschäfte, bei denen sich Anleger Geld in einer Währung mit niedrigem Zins leihen und es in einer Währung mit hohen Zinsen investieren – vereinfacht gesprochen.
Lange Zeit war diese Praxis vor allem zwischen dem US-Dollar und dem japanischen Yen beliebt. Doch zuletzt nahmen viele Investoren Carry-Trades vor, bei denen sie sich Geld in Dollar liehen, um es dann in türkische Lira zu tauschen und damit hochverzinste türkische Staatsanleihen zu kaufen. Dabei zeigte sich allerdings, dass auch die Schlaumeier-Geschäfte ihre Risiken bergen.
Das größte Risiko liegt dabei im Wechselkurs. Schließlich muss die Lira samt Zinsen zum Abschluss des Trades wieder in US-Dollar zurückgetauscht werden. Sinkt der Wert der türkischen Währung deutlich, können die Wechselkursverluste die Gewinne auffressen.
Zum Ärger der Investoren befindet sich die Lira seit Längerem im freien Fall: Seit Ende 2023 beträgt das Minus zum Dollar mehr als 37 Prozent. Deshalb blicken Carry-Trader jetzt nach Brasilien auf den Real. Dort sehen Experten weniger Risiken und einen besseren makroökonomischen Ausblick.
Neuer Chef für N26-Aufsichtsrat
Rochade bei N26: Der ehemalige Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret soll im Oktober den Vorsitz im Aufsichtsrat der Neobank übernehmen. Der bisherige Aufsichtsratschef Marcus Mosen wechselt dafür in den Vorstand und übernimmt die Rolle des Co-Chefs der Gruppe.
Unklar ist, wie es für Gründer Valentin Stalf weitergeht. Offen ist, ob er einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet hat oder dies tun will, ob er vom Aufsichtsrat abberufen werden soll oder ob er weiterhin Co-Chef bleibt. Im Handelsblatt-Interview hatte Stalf angekündigt, seinen Posten als Co-CEO aufzugeben und stattdessen nach einer Übergangszeit in den Aufsichtsrat zu wechseln.
Eine nette Insel haben Sie da
Fast hätten wir es durch das gesamte Briefing geschafft ohne einen einzigen Auftritt von Donald Trump. Doch zum Abschluss werfen wir noch einmal einen Blick auf die materiellen Vorlieben des US-Präsidenten.
Als sich der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung am Montag im Weißen Haus ins Gästebuch eintrug, bemerkte Trump seinen Füller. „Wollen Sie den wieder mitnehmen?“, fragte der US-Präsident. Eine Frage, auf die es keine zwei Antworten geben konnte. Der Aktienkurs des Füllhalterherstellers Monami stieg danach an der Börse von Seoul zwischenzeitlich um fast 30 Prozent.
Die Südkoreaner sollten sich glücklich schätzen, dass Trump nur den Füller schön fand. Gegenüber der dänischen Ministerpräsidentin hätte er vermutlich so etwas gesagt wie: „Eine nette Insel haben Sie da – wollen Sie die behalten?“
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag ohne überzogene Begehrlichkeiten.
Es grüßt Sie herzlich
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt