Kommentar: Warum Deutschland trotz Moskau-Nähe um Delhi werben muss

Die Woche, in der Außenminister Johann Wadephul (CDU) nach Indien reiste, hätte geopolitisch kaum bedeutender sein können. Kurz zuvor besuchte Premierminister Narendra Modi erstmals seit sieben Jahren wieder China. In Peking reichten sich zunächst die hochrangigsten Vertreter autokratischer Staaten die Hand, dann nahmen Staatschef Xi und Russlands Herrscher Wladimir Putin gemeinsam eine riesige Militärparade ab.
Trotz der anhaltenden Schwäche der chinesischen Wirtschaft strotzt die chinesische Führung derzeit nur so vor Selbstbewusstsein. Sie hat allen Grund dazu, denn sie kann in die Lücke stoßen, die US-Präsident Donald Trump mit seiner erratischen Außenpolitik hinterlassen hat. Das zeigt sich sehr deutlich im Verhältnis zu Indien. Ein solches Tauwetter in den Beziehungen zu China wäre wohl kaum möglich gewesen, wenn Indien nicht ein Signal an die USA senden wollte.
Trump zerstört die Arbeit seiner Vorgänger
Mit seinen harten Maßnahmen gegen das bevölkerungsreichste Land der Erde hat Trump die jahrzehntelangen Bemühungen seiner Vorgänger zunichtegemacht, Indien enger an den Westen zu binden.
Es ist gut, dass Außenminister Wadephul nach Indien gereist ist, um das Land weiterhin im westlichen Lager zu halten – zumindest mit einem Bein. Denn Delhi versteht es seit Langem, sich nicht vollständig einem Lager zuzuordnen. Das wird besonders beim Kauf von russischem Öl deutlich.
Die finanzielle Unterstützung Indiens für Russland ist äußerst ärgerlich. Dennoch sollten sich Europa und Deutschland weiterhin um Delhi bemühen. Hier ist das große Bild entscheidend: Xi will die Welt in Einflusssphären aufteilen und mehr Kontrolle über Asien – inklusive der wichtigen Handelsstraßen dort – ausüben. Der Westen ist gut beraten, sich mit allen zu verbünden, die daran kein Interesse haben – Indien gehört trotz der jüngsten Annäherung an China dazu.