Morning Briefing Plus: Das Fernduell
Liebe Leserinnen und Leser,
willkommen zurück zu unserem Blick auf die wichtigsten Ereignisse der Woche, die für einiges Unbehagen gesorgt hat, weil sie eine Botschaft sendet, die nicht länger ignoriert werden kann: Die Kapitalmärkte sind dabei, die Geduld mit der Politik zu verlieren.
Während die Aktienmärkte geopolitische und fiskalische Risiken seit Monaten mit erstaunlicher Gelassenheit hinnehmen, ist in den vergangenen Tagen an einem anderen Ort die Realität eingekehrt – an den Anleihemärkten. Weltweit schossen die Renditen von Staatsanleihen mit langer Laufzeit nach oben.
Ob in Japan, Frankreich oder den USA – Investoren blicken mit zunehmender Skepsis auf jene Schuldenexperimente, die die Staatenlenker leichtfertig, manche sagen waghalsig, eingehen.
Auch in Deutschland wird der Preis der Schulden sichtbar: Die Rendite der 30-jährigen Bundesanleihe – einst ein Symbol sicherer Stabilität – liegt auf dem höchsten Stand seit 2011. Für den deutschen Staat wird es teurer, sich zu verschulden.
All das zeigt: Es ist nicht nur richtig, dass die Bundesregierung um Einsparungen und um eine Reform der Sozialsysteme ringt. Es ist sogar überfällig.
Mit diesen Gedanken bin ich zum Handelsblatt-Bankengipfel nach Frankfurt gereist – dem wichtigsten Branchentreffen des Jahres, wie es Deutsche-Bank-CEO Christian Sewing nannte. „Ich glaube nicht, dass das nur ein Aufflackern ist“, sagte Sewing in einem viel beachteten Auftritt über die Turbulenzen an den Anleihemärkten.
Die hohen Renditen seien ein Spiegel der Unsicherheit: steigende Schulden, fehlende Reformen, politische Blockaden. Seine Diagnose: Diese neue Realität wird bleiben – und sie wird Auswirkungen haben. Auch auf Deutschland.
Der Banken-Gipfel bot neben zahlreichen weiteren Analysen zur Lage auch eine bemerkenswerte Nicht-Begegnung.
Am Mittwoch sprach Commerzbank-Co-Chefin Bettina Orlopp. Sie wurde sehr deutlich: Eine Übernahme durch die italienische Unicredit lehnt sie ab. Im Saal gaben jedoch viele Gäste an, sie glauben an genau dieses Szenario. Ihre Antwort auf die Frage, wie sie selbst abgestimmt hätte: „Natürlich mit ‚Nein‘.“
Einen Tag später trat Unicredit-CEO Andrea Orcel auf. Ein Mann mit klarem Ziel – aber mit verändertem Ton. Keine Spitzen gegen das Commerzbank-Management, keine Kritik an Berlin. Stattdessen versuchte er es mit einer Charmeoffensive.
Orcel gab sich konziliant – fast staatsmännisch. Er sprach davon, dass die Meinung der Bundesregierung zwar „ein kritischer Faktor, aber nicht der einzige“ sei. Unicredit wolle den Anteil an der Commerzbank bis Jahresende auf rund 30 Prozent erhöhen. Ein offizielles Übernahmeangebot? Noch nicht.
Und dann sagte er noch den bemerkenswerten Satz:
Die Botschaft jedenfalls war klar: Unicredit denkt langfristig. Und ist bereit, auch gegen politischen Widerstand zu agieren.
Ein persönliches Treffen zwischen Orlopp und Orcel gab es in Frankfurt nicht. Ihre Auftritte wirkten wie ein Schachspiel – Zug um Zug, aber ohne Blickkontakt. Ein Fernduell.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1. Deutsche Kanzler taten sich bislang oft schwer damit, Fehler einzugestehen. Umso bemerkenswerter, als Friedrich Merz am Mittwoch die Streitereien der Koalition rund um Richterwahl und die Stromsteuer mit den Worten kommentierte: „Uns sind Fehler passiert.“ Folgt also auf den Harmoniewechsel die herbstliche Wende im Sozialsystem? Meine Berliner Kollegen sind skeptisch: Welche Reformen geplant sind, wo es hakt – und was Ökonomen empfehlen, lesen Sie hier.
2. Bei der Rente ist der Reformbedarf besonders groß. „Deutschland sitzt in einem Zug, der langsam gegen die Wand fährt“, kommentierte meine Kollegin Teresa Stiens. Immer weniger Menschen sollen immer mehr Rentner finanzieren. In 35 Jahren könnte der Bund die Rentenkasse schon mit 350 Milliarden Euro bezuschussen. Klar ist, es werden immer größere Lücken entstehen, von denen Gutverdiener besonders stark betroffen sind. Markus Hinterberger hat recherchiert, wie Sie durch kluge private Vorsorge den Ausgleich schaffen.
3. Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist so groß wie seit fünfzehn Jahren nicht – ohne den massiven Stellenaufbau im öffentlichen Dienst wäre sie sogar noch größer. Während die Industrie im Juni etwa 146.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte weniger zählte als vor einem Jahr, sind in der öffentlichen Verwaltung laut Bundesagentur für Arbeit (BA) im gleichen Zeitraum 45.000 zusätzliche Jobs geschaffen worden. Davon sind viele offenbar überflüssig, wie diese brisante Studie zeigt.
4. Der autokratische Block reüssiert, während sich der Westen selbst verzwergt, mit diesen Worten kommentiert Jens Münchrath die Autokraten-Parade in China. Sein Fazit: An die Stelle der Pax Americana tritt nun für alle Beteiligten offen sichtbar eine postwestliche Welt. Deren oberste Maxime: keine gemeinsamen, geschweige denn universelle Werte, keine für alle verbindliche Regeln, keine Einmischung in innere Angelegenheiten. Es gilt das Recht des Stärkeren.
5. Welche Strategie hinter den martialischen Bildern aus Peking steckt, haben unsere Korrespondenten aus China, Russland, Ukraine und Osteuropa für Sie aufgeschrieben.
6. Wie stark ist Chinas Kriegsmaschine aber tatsächlich? Mein Kollege Martin Benninghoff schaut in einer lesenswerten Analyse hinter die medienwirksamen Bilder.
7. Es ist der schnellste Computer Europas, der viertschnellste der Welt: Der Supercomputer „Jupiter“, der Freitag eingeweiht wurde, steht nicht in den USA oder China, sondern in Deutschland, genauer gesagt im nordrhein-westfälischen Jülich. Er soll KI-Modelle trainieren und die Abhängigkeit von US-Tech-Firmen reduzieren. Meine Kolleginnen und Kollegen Luisa Bomke und Daniel Delhaes haben analysiert, was der Supercomputer wirklich kann.
8. Noch eine gute Nachricht aus der deutschen Technologiewelt. Das deutsch-finnische Start-up IQM ist Europas neuer Quantenstar – und erreicht eine Milliardenbewertung. Warum IQM Hoffnung macht, weshalb Deutschland bei Quanten-Patenten sogar weltweit vorn liegt, und welche Konzerne jetzt schon auf die Technologie setzen, lesen Sie hier.
9. Acht Jahre lang hat Annett Meiritz für das Handelsblatt aus Washington berichtet – sie hat zahlreiche Kanzler-Besuche begleitet, Trumps erste Amtszeit, den Sturm aufs Kapitol und die Rückkehr Trumps. Im Herbst endet ihre Zeit als US-Korrespondentin, weil sie ins Berliner Handelsblatt-Büro zurückkehrt. Zum Abschied hat sie ein wunderbares Essay über ihre Zeit in den USA geschrieben. Es trägt den Titel: MAGA and me – wie ich in acht Jahren zum Trump-Versteher wurde. Annett, wir freuen uns, dass Du bald wieder in Deutschland bist.
Und damit wünsche ich Ihnen ein angenehmes Wochenende.
Herzlichst
Ihr
Sebastian Matthes