Morning Briefing: Warum die deutsche Autobranche vielleicht doch noch eine Zukunft hat
Letzte Ausfahrt IAA: Eine Automesse als Bewährungsprobe
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
Was einst als routinemäßiger Nachweis der eigenen Dominanz gedacht war, ist unversehens zur Zitterpartie geworden. Zur vielleicht letzten Chance, zu beweisen, dass man überhaupt noch oben mitspielt.
Sie können sich aussuchen, ob Sie diesen Satz lieber auf das gestrige WM-Qualifikationsspiel der deutschen Fußball-Männer gegen Nordirland beziehen (die deutsche Nationalmannschaft gewann 3:1). Oder auf die Internationale Automobilausstellung (IAA), die heute in München beginnt. Er passt in jedem Fall.
Die hiesige Autobranche will die Messe zum Befreiungsschlag nutzen. Denn Volkswagen, Mercedes und BMW stehen unter Druck. Auf den drei wichtigsten Automärkten – Europa, USA und China – ist der zusammengerechnete Marktanteil der deutschen Hersteller erstmals seit Jahrzehnten unter die Marke von 20 Prozent gefallen. Das zeigen Zahlen der Datenanbieter Dataforce und Marklines.
Von den etwa 1,2 Millionen Jobs in der heimischen Leitbranche sind laut den Unternehmensberatern von Oliver Wyman bis 2030 durch hohe Zölle, ausufernde Kosten und geopolitische Spannungen 150.000 bis 220.000 Stellen in Gefahr.
Eine frische Generation an Elektroautos soll nun für neue Stärke sorgen. BMW zeigt auf der IAA mit dem iX3 das erste Serienfahrzeug der Elektroplattform „Neue Klasse“. Mercedes präsentiert den Elektro-SUV GLC, auf dem in der Konzernzentrale gewaltige Hoffnungen ruhen. Volkswagen zeigt mit dem ID.Polo erstmals einen bezahlbaren Elektro-Kleinwagen.
Ich persönlich war schon mal pessimistischer, was die Zukunft der deutschen Autobranche angeht. Bei Daten wie Reichweite und Ladegeschwindigkeit haben die neuen Elektroautos made in Germany zur Weltspitze aufgeschlossen oder definieren sie sogar. Und in den Designabteilungen von BMW, Mercedes und Volkswagen scheint sich allmählich herumzusprechen: Auch Autos mit E-Motor sollten nicht aussehen wie der Glöckner von Notre Dame auf Rädern.
Klar, vor allem das Chinageschäft steht unter Druck. Aber dafür verläuft auch die Europa-Offensive der chinesischen Autohersteller wesentlich schleppender als noch vor einigen Jahren befürchtet. Und dass sich der Angstgegner Tesla durch seine seltsame Innovationsschwäche derzeit quasi selbst aus dem Rennen nimmt, könnte den deutschen Autobauern die entscheidenden Jahre zum Aufholen verschaffen.
Was allerdings los wäre, wenn die auf der IAA vorgestellten neuen deutschen Elektroautos zum Flop werden, das mag sich in den Konzernzentralen niemand ausmalen. „Wenn das jetzt nicht funktioniert: Gott behüte!“, sagt ein Mercedes-Manager.
Französische Regierung vor dem Aus
Was Frankreichs Premierminister François Bayrou heute bevorsteht, ist nicht einmal mehr eine Zitterpartie. Laut unserer Paris-Korrespondentin Tanja Kuchenbecker steht das Ergebnis der Vertrauensfrage, die Bayrou heute im Parlament stellen will, bereits fest:
„Seine Regierung wird stürzen – nach nur neun Monaten im Amt.“
Die Auswirkungen gehen weit über den Streit um Bayrous Sparkurs hinaus, der den Anlass für die Abstimmung liefert. Frankreich hat eine Staatsverschuldung von 114 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und wies für 2024 ein Haushaltsdefizit in Höhe von 5,8 Prozent des BIP aus.
Nun wächst der Druck auf Präsident Emmanuel Macron, erneut vorgezogene Parlamentswahlen auszurufen. Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Odoxa wünschen sich das 56 Prozent der Franzosen. Und sogar 64 Prozent plädieren für Macrons Rücktritt.
Neuer Druck auf Russland
US-Präsident Donald Trump ist nach eigenen Worten bereit für eine neue Stufe von Sanktionen gegen Russland. „Ja, das bin ich“, antwortete er auf die entsprechende Frage eines Journalisten in Washington. Einzelheiten zu möglichen Maßnahmen nannte er jedoch nicht. US-Finanzminister Scott Bessent sagte dem Sender NBC:
„Wenn die USA und die Europäische Union eingreifen und weitere Sanktionen und Sekundärzölle gegen die Länder verhängen, die russisches Öl kaufen, wird die russische Wirtschaft völlig zusammenbrechen, und das wird Präsident Putin an den Verhandlungstisch bringen.“
Niederländer wollen Mistral
Der niederländische Chip-Ausrüster ASML will Insidern zufolge größter Anteilseigner des französischen KI-Startups Mistral AI werden. ASML beteilige sich mit 1,3 Milliarden Euro an einer Finanzierungsrunde von insgesamt 1,7 Milliarden Euro, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters von mehreren mit dem Vorgang vertrauten Personen. Damit werde Mistral mit einer Bewertung von zehn Milliarden Euro zum wertvollsten Unternehmen für Künstliche Intelligenz (KI) in Europa.
ASML ist der weltweit einzige Anbieter von EUV-Lithografie-Anlagen, die für die Herstellung hochmoderner Chips benötigt werden. Mistral wiederum gilt als Europas Antwort auf den ChatGPT-Erfinder OpenAI.
Rückkehr der Boni
In den USA und auch in Europa räumen viele Konzerne ihre Diversity-Programme und Nachhaltigkeitsinitiativen aus dem Firmenschaufenster. Großzügige Home-Office-Regelungen werden oftmals aufgekündigt. Management by Metternich scheint das Gebot der Stunde zu sein.
Zu diesen restaurativen Tendenzen passt die folgende Nachricht: Deutsche Konzerne setzen wieder verstärkt auf Leistungsboni. Meine Kollegin Anna Westkämper hat bei den 40 Dax-Konzernen nachgefragt. Neun dieser Unternehmen haben demnach in den vergangenen fünf Jahren im Rahmen ihrer Vergütungsrichtlinien Bonuszahlungen ausgeweitet, darunter SAP, Volkswagen und die Deutsche Bank. Kein einziges Unternehmen gab an, die Bonuskomponente reduziert zu haben.
„Variable Vergütung nimmt wieder zu“, sagt Vergütungsexperte Sebastian Pacher, Partner bei der Personalberatung Kienbaum. Noch vor einigen Jahren hätten die meisten Unternehmen auf eine Festvergütung gesetzt:
„Das war auch eine Folge der Bankenkrise: Menschen sind zu große Risiken eingegangen, um ihren individuellen Bonus zu maximieren. Das hat variable Vergütung – und gerade den Begriff Bonus – in Verruf gebracht.“
Ciao, Giorgio
Der Modeschöpfer und Unternehmer Giorgio Armani wird heute in der Nähe seines norditalienischen Geburtsorts Piacenza beigesetzt. Die Beerdigung findet in kleinem Kreis statt, nur mit Familie, Freunden und den engsten Mitarbeitern. Der Italiener war am Donnerstag im Alter von 91 Jahren gestorben.
Für mich als Dorfkind war Armanis Mode in den 80er Jahren ein erfreuliches Indiz, dass es da draußen jenseits der Rübenäcker noch ein anderes Leben geben müsse. Es hat lange gedauert, bis ich mir das erste und bisher einzige Kleidungsstück aus seiner Kollektion leisten konnte: einen wunderbar flauschigen Baumwollanzug im typischen Armani-Greige (grau-beige).
Ich denke, heute werde ich ihn zur Feier des traurigen Anlasses mal wieder aus dem Kleiderschrank holen. Auch wenn mich mein Chef beim letzten Mal, als ich den Anzug trug, gefragt hat, ob ich mir einen Velours-Teppichboden übergestreift hätte.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
PS: Mit diesem Morning Briefing melde ich mich aus meiner persönlichen Sommerpause zurück. Vielen Dank, liebe Teresa Stiens, für die bravouröse Vertretung! Und ja, alle, die bei meinem Sommer-Reiseziel auf die Normandie getippt haben, lagen natürlich richtig. War wohl mal wieder zu einfach.