Wirtschaftswachstum: „Es gab noch nie so viel Nähe zwischen Wirtschaft und Regierung“
Düsseldorf. EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola hat zur Stärkung Europas und der europäischen Wirtschaft von der Politik eine „engere Zusammenarbeit mit Unternehmen“ gefordert. So könne man eine wettbewerbsfähigere Wirtschaft fördern und Innovationen ermöglichen, sagte Metsola in einem Grußwort zum „PULSE Women Economic Summit 2025“ der Handelsblatt Media Group.
Mit den Vorschlägen reiht sich Metsola in eine Debatte ein, die auch von Mario Draghi vorangetrieben wird. Ein Jahr nach seinem Bericht zur Krise des europäischen Wirtschaftsmodells hatte der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) und frühere italienische Ministerpräsident eine schonungslose Bilanz gezogen: Die industrielle Basis in Europa erodiere, es fehle an Investitionen und die europäischen Regierungen hätten „den Ernst der Lage nicht begriffen“, warnte der Ökonom.
Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp sieht die von Metsola geforderte Zusammenarbeit auf einem guten Weg. „Ich bin positiv gestimmt“, sagte Orlopp bei der anschließenden Paneldiskussion. „Es gab noch nie so viel Nähe zwischen Wirtschaft und Regierung.“ In Arbeitsgruppen versuche man, der Politik konkrete Wege aufzuzeigen, was geändert werden müsse. „Jetzt muss aber auch geliefert werden“, sagte Orlopp.
Gemeinsam mit Simone Bagel-Trah, Vorsitzende des Aufsichtsrats und Gesellschafterausschusses bei Henkel, und Arndt Kirchhoff, Aufsichtsratsvorsitzender der Kirchhoff-Gruppe, diskutierte Orlopp in Düsseldorf, wie Deutschland wieder wachsen und wettbewerbsfähig werden kann, um die europäische Wirtschaft voranzubringen.
„Mit der Initiative ‚Made for Germany‘ hat die deutsche Wirtschaft bereits ein klares Signal gesetzt“, betonte Bagel-Trah. Mehr als 60 Unternehmen haben sich zusammengeschlossen und ein gebündeltes Investitionsvolumen von 631 Milliarden Euro in Deutschland angekündigt. „Das ist ein Leuchtturm-Projekt. Teile der Investitionsvorhaben standen vorher schon fest, es ist aber auch ein dreistelliger Milliardenbetrag neu hinzugekommen“, sagte Bagel-Trah. Henkel habe durch seine Firmengeschichte eine große Verbundenheit zum Standort Düsseldorf, investiere dort jährlich 100 Millionen Euro.
Trotz erster positiver Signale für die deutsche Wirtschaft wie ein steigender Ifo-Geschäftsklimaindex und einer erhöhten Nachfrage nach Baufinanzierungen sei die allgemeine Stimmungslage aktuell aber „eher mollig“, konstatierte Commerzbank-Chefin Orlopp. Vor der Sommerpause des Bundestages habe es mit dem historischen Investitionsprogramm in Infrastruktur und Klimaschutz und neuen steuerlichen Abschreibungsregelungen eigentlich einen „guten Fluss“ an Maßnahmen gegeben. „Danach fühlte es sich aber nach einer Abbruchkante an“, sagte Orlopp. „Wir müssen den Herbst jetzt dafür nutzen, Reformen auf den Weg zu bringen.“
Arndt Kirchhoff sieht dafür vor allem zwei Stellschrauben. „Wir sind sowohl durch die Energie- als auch durch die Lohnnebenkosten international nicht mehr wettbewerbsfähig“, sagte er. Hinzu kämen eine überbordende Regulierung und Bürokratie. „Die Politik sollte wieder mehr Vertrauen in ihre Unternehmer haben“, sagte Kirchhoff.
Auch bei Henkel wolle man weniger Zeit mit Berichtspflichten verbringen, sondern mehr in Forschung und Technologie investieren, sagte Simone Bagel-Trah. Zudem sieht sie den Industriestrompreis „als Brücke auf dem Weg in Richtung Nachhaltigkeit.“
Erst wenn das von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte milliardenschwere Investitionsprogramm mit Strukturreformen verbunden werde, könne es das Wirtschaftswachstum ankurbeln, erklärte Bettina Orlopp. „Ich bin ein Fan vom Investitionsprogramm, weil wir viel zu lange gar nicht investiert haben“, sagte sie. „Es muss aber eine Kombination aus Investieren und Sparen sein. Deshalb müssen wir unsere Sozialsysteme angehen, die wir uns in der Form nicht mehr leisten können.“
Orlopp erwartet, dass die Kreditnachfrage durch das Investitionsprogramm erst 2026 spürbar angekurbelt wird. Aus dem öffentlichen Sektor sehe man bereits eine gestiegene Nachfrage. Besonders der Mittelstand, der nicht zu den direkten Empfängern des Milliardenprogramms zähle, wolle aber erst Reformen sehen, bevor sich die Unternehmen an Investitionen heranwagen.
International werde Deutschland durch das Investitionsprogramm aber wieder attraktiver, sagte Orlopp. „Wir sehen erstmals wieder Kapitalzuflüsse aus dem Ausland. Diese Chance dürfen wir nicht verspielen.“ Arndt Kirchhoff lobte, dass Bundeskanzler Friedrich Merz „wieder gute Gesprächskanäle gelegt hat, sodass wir in der Welt wieder stattfinden“. Jetzt müsse die Sachpolitik folgen. „Europa hat große Möglichkeiten am Binnenmarkt. Wenn wir unseren Handel vernünftig organisieren, kann Donald Trump nicht mehr machen, was er will“, sagte Kirchhoff.
Simone Bagel-Trah forderte in dem Zusammenhang auch eine Aufbruchstimmung aus der Wirtschaft heraus. „Wir wollen in Europa unsere Demokratie verteidigen“, sagte sie. „Wir haben so viele Werte, für die es sich zu kämpfen lohnt. Davon müssen wir erzählen, um eine Aufbruchstimmung zu erzeugen.“