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Katherina ReicheWirtschaftsministerin fordert „mutige strukturelle Reformen“

Katherina Reiche sieht dringenden Handlungsbedarf bei Rentensystem und Unternehmensbelastungen. Die Wirtschaftsministerin warnt: „Die Zeit drängt, und andere Länder machen Tempo.“Kirsten Ludowig 22.09.2025 - 04:26 Uhr aktualisiert Artikel anhören
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche beim PULSE Summit: „Die Fakten sprechen eine klare Sprache.“ Foto: Max Brunnert

Düsseldorf. Mehr und länger arbeiten? Für ihre Forderung nach einer steigenden Lebensarbeitszeit ist Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) in den vergangenen Wochen kritisiert worden.

Auf dem „PULSE Women Economic Summit 2025“ der Handelsblatt Media Group in Düsseldorf fordert sie im Interview erneut entschlossene Reformen, um Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Die Wirtschaftsministerin spricht über die Belastungen von Unternehmen und den „enormen Druck“, der auf dem Rentensystem lastet. Zudem betont sie die Bedeutung von Innovation, Start-ups und Investitionen in Wachstumsfelder wie Hightech, Künstliche Intelligenz (KI), Biotechnologie und Robotik sowie die Relevanz einer bezahlbaren Energiewende.

Lesen Sie hier das komplette Interview mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche:

Frau Reiche, Sie waren auf Ihrer Sommerreise bei verschiedenen Unternehmen im Land zu Besuch. Wie war dort die Stimmung?
Ich bin auf Unternehmer und Mitarbeitende getroffen, die mit unglaublich viel Einsatz, Optimismus, Kreativität und Entschlossenheit dafür arbeiten, dass ihre Unternehmen und unser Land Erfolg haben. Vom großen börsennotierten Unternehmen über die Familienunternehmen, den Mittelstand und das Handwerk – alle machen sich Gedanken über die Zukunft des Standorts Deutschland, an den sie glauben und dem sie eng verbunden sind. Sie schätzen die Vorzüge unseres Landes, aber stehen auch unter großem wirtschaftlichen Druck.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche auf ihrer Sommerreise beim Hamburger Hafen: „Unter großem wirtschaftlichen Druck.“ Foto: Christian Charisius/dpa

Was verursacht den Druck?
Hohe Sozialabgaben, hohe Steuern, hohe Energiepreise und große bürokratische Hemmnisse belasten die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen. Hinzu kommen der Zollkonflikt mit den USA und die Unsicherheiten bei der Versorgung mit kritischen Rohstoffen, insbesondere aus China. Der technologische Wandel in Bezug auf KI wird alle wirtschaftlichen Prozesse erfassen und dramatisch verändern. Und nicht nur diese. KI verändert unsere Art zu leben, zu kommunizieren, zu arbeiten. Deshalb müssen wir schnell wieder wettbewerbsfähig werden.

Aber die Wirtschaftswende lässt auf sich warten.
Als Bundesregierung haben wir in den ersten 100 Tagen einiges auf den Weg gebracht. Wir senken die Steuern für Unternehmen. Bürger und Unternehmen werden bei den Energiekosten entlastet. Das ist ein guter Anfang, aber das reicht nicht. Wir brauchen weitere mutige strukturelle Reformen, damit Deutschland wieder wettbewerbsfähig wird.

PULSE Women Economic Network
PULSE ist das Wirtschaftsnetzwerk der Handelsblatt Media Group für führende Frauen in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Gegründet 2023, zählt es mittlerweile rund 400 Mitglieder. Ziel ist es, die Ideen und Kräfte zu bündeln, um Deutschland wirtschaftlich und politisch zu stärken. Hier gibt es mehr Informationen zum Netzwerk: https://live.handelsblatt.com/event/pulse-women-economic-network/
Einmal im Jahr findet der PULSE Women Economic Summit statt, zu dem alle Mitglieder eingeladen sind. Neben dem Hauptprogramm mit Interviews und Paneldiskussionen gibt es Roundtables im kleineren Kreis. 2025 stand der Summit unter dem Motto „Let’s strengthen Europe“. Hier gibt es mehr Informationen zum Summit: https://live.handelsblatt.com/event/pulse-women-economic-summit/

Sie haben nach Ihrem Amtsantritt gesagt, dass es entschlossene Reformen braucht – und öffentlich gefordert, dass wir in Deutschland mehr und länger arbeiten müssten. Dafür haben Sie viel Kritik einstecken müssen – auch aus der eigenen Partei. Kanzler Merz hielt sich bedeckt. Wie einsam fühlen Sie sich?
Ich nehme in der Bevölkerung und in der Politik viel Verständnis und eine große Bereitschaft wahr, gemeinsam daran zu arbeiten, dass Deutschland wieder auf Wachstumskurs kommt – ein Ziel, das wir nur gemeinsam erreichen können. Ein wichtiger Baustein dafür ist, dass wir die Finanzierung der gesetzlichen Rente nachhaltig sichern. Die Fakten sprechen hier eine klare Sprache.

Die da wären?
In wenigen Jahren stehen einem Rentner nur noch zwei Menschen im erwerbsfähigen Alter gegenüber. Im Jahr 1995 waren es noch vier, also doppelt so viele. Und nicht alle, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen könnten, nehmen am Erwerbsleben teil. Das umlagefinanzierte Rentensystem steht daher unter enormem Druck. Aus meiner Sicht sollten wir die zusätzliche Lebenserwartung nutzen. Hierfür müssen wir zunächst die Prävention und die Gesundheitsvorsorge stärken. Die im Koalitionsvertrag vereinbarte Aktivrente setzt Anreize, freiwillig länger zu arbeiten. Und die kommt jetzt auch. Schließlich müssen wir die kapitalgedeckte Altersvorsorge stärken, die in Deutschland unterentwickelt ist. Es gibt also viele Hebel, die Beitragslast zu senken – wir müssen sie nur klug nutzen.

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Aber die Bundesregierung will jetzt erst einmal mehr Geld für die Rente ausgeben, Stichwort Mütterrente. Wie ernst ist es der Koalition mit Reformen?
Unser Potenzialwachstum ist gering, und die Spielräume im Koalitionsvertrag sind begrenzt. Wir müssen daher zurück zu Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum kommen. Ein Beispiel: Die Teilzeitquote ist in Deutschland im internationalen Vergleich besonders hoch, die durchschnittliche Wochenarbeitszeit beträgt 34 Stunden. Im OECD-Vergleich liegt Deutschland damit weit hinten. Hier lohnt es sich, gemeinsam über Anreize und Rahmenbedingungen nachzudenken, die eine höhere Arbeitszeit ermöglichen. Die Flexibilisierung der Arbeitszeit haben wir bereits vereinbart.

Und was soll noch kommen?
Gleichzeitig müssen wir auch andere zentrale Themen entschlossen angehen – etwa die steuerliche Belastung, die hohen Energiepreise und die Investitionen in Wachstumsfelder wie Hightech, Künstliche Intelligenz, Biotechnologie und Robotik. Die USA zeigen, welches wirtschaftliche Potenzial in diesen Zukunftssektoren steckt. Wenn wir unsere Stärken gezielt ausbauen, können auch wir diese Chancen besser nutzen – für mehr Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und Wohlstand.

Energie

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Apropos Energie: Sie haben angekündigt, die Kosten der Energiewende deutlich senken zu wollen. Auch da gibt es Gegenwind. Kritiker sprechen von einem Abwürgen der Energiewende. Warum handeln Sie sich so viel Ärger ein?
Ich will die Energiewende zum Erfolg führen. Das Ziel ist klar: Wir müssen die Klimaziele erreichen, aber gleichzeitig dafür Sorge tragen, dass Energie für die Unternehmen und Menschen in unserem Land sicher und bezahlbar ist. Ich halte es für notwendig, die Herausforderungen offen zu benennen, vor denen unser Land steht. Nur so können wir gemeinsam Lösungen finden. Denn die Zeit drängt, und andere Länder machen Tempo, angetrieben von einem starken Willen zu Wachstum und Erfolg. Zugleich stehen wir geopolitisch unter Druck, da Russland unsere Widerstandsfähigkeit auf die Probe stellt.

Was folgt daraus?
Wenn man sich dieser Realität stellt, wird klar: Wir müssen unsere wirtschaftliche Stärke ausbauen und uns verteidigen können. Das erfordert Mut zu Reformen. Das auszusprechen, ist nicht immer bequem – aber es ist notwendig, wenn wir die Zukunft unseres Landes aktiv gestalten wollen.

Wir sollten nicht erst auf die nächste Krise warten, um unsere Potenziale und Stärken voll auszuschöpfen.
Katherina Reiche
Wirtschaftsministerin

Sie haben auf unserer TECH-Konferenz im Mai angekündigt, dass Sie Innovationen und Start-ups stärker fördern wollen. Wie kann Deutschland vorangehen, damit Europa international wieder eine Führungsrolle übernimmt – bei Innovationen, bei neuen Technologien?
Es mangelt in Deutschland nicht an tollen Ideen. Ganz im Gegenteil: Wir haben exzellente Hochschulen, aus denen sich zahlreiche Unternehmen mit innovativen Ideen ausgründen. Ein beeindruckendes Beispiel ist das Gründungszentrum „UnternehmerTUM“ an der TU München, das zeigt, wie erfolgreiche Innovationsökosysteme funktionieren können. Mit unseren zehn „Start-up Factories“ unterstützen wir jetzt in ganz Deutschland dynamische Innovationshubs, in denen exzellente Forschung in unternehmerische Wertschöpfung übersetzt wird. Was den jungen Unternehmen in Deutschland oft fehlt, ist das notwendige Kapital für spätere Finanzierungsrunden. Um erfolgreich weiterwachsen zu können, sind viele junge Unternehmen auf den US-amerikanischen Kapitalmarkt angewiesen.

Wie lässt sich das ändern?
Hier müssen wir in Europa stärker werden, insbesondere durch eine funktionierende Kapitalmarktunion. Und wir müssen Risiken in Deutschland häufiger auch als Chancen begreifen. Ich wage die These: Ohne die Dringlichkeit der Pandemie hätten mRNA-Impfstoffe – Stichwort Biontech – womöglich nicht so schnell eine Zulassung erhalten.

In welchen Bereichen sehen Sie Potenzial in Deutschland?
Wir verfügen in vielen Bereichen bereits über vielversprechende Technologien, etwa bei KI, Biotechnologie, Quantentechnologie, Space, Greentech, Robotik oder autonomem Fahren. Wir sollten nicht erst auf die nächste Krise warten, um unsere Potenziale und Stärken voll auszuschöpfen.

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Und wie soll das umgesetzt werden?
Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in unserem Land große Wachstumspotenziale haben. Als Staat müssen wir wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen schaffen, damit sich Investitionen auch voll entfalten können. Mit einer klugen Kombination aus Entlastung, weniger Bürokratie, Frühphasenfinanzierung und privatem Kapital können wir genau die Dynamik freisetzen, die unser Land jetzt braucht.

Frau Reiche, vielen Dank für das Interview.

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