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ZöllePharmakonzern Merck schließt „historisches“ Preisabkommen mit Trump

Die Drohungen des US-Präsidenten gegen die Pharmaindustrie zeigen Wirkung: Als erster deutscher Konzern trifft Merck eine Vereinbarung zu Preissenkungen. Sie betrifft vor allem IVF-Therapien.Helena Smolak, Laurin Meyer 16.10.2025 - 22:52 Uhr Artikel anhören
Donald Trump: Der US-Präsident zwingt die Industrie zu Zugeständnissen bei den Medikamentenpreisen in den USA. Foto: Polaris/laif

München, New York. Merck hat als erstes deutsches Pharmaunternehmen ein Preisabkommen mit der US-Regierung geschlossen. Die Einigung zielt darauf ab, die In-vitro-Fertilisations-Therapien (IVF), also Therapien zur künstlichen Befruchtung, künftig deutlich günstiger in den USA anzubieten. Das gab der US-Präsident am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) im Weißen Haus bekannt.

Die Medikamente Gonal-F, Ovidrel und Cetrotide sollen bald über den von Trump initiierten Direktvertrieb „TrumpRX“ erhältlich sein, der im Januar 2026 an den Start gehen soll. Der Preis der drei Therapien soll für Patienten dann 84 Prozent unter dem aktuellen Listenpreis liegen, heißt es vom Unternehmen.

Trump bezeichnete den Deal als „historischen Sieg für amerikanische Frauen, Mütter und Familien“. In den USA liegt bei jedem achten Paar eine Fruchtbarkeitsstörung vor, weshalb die betroffenen Männer und Frauen häufig auf die IVF-Behandlung setzen. Merck ist wiederum Marktführer für Fertilitätstherapien.

Trump lockt mit Zollfreiheit

Die Vereinbarung ist das dritte Abkommen dieser Art: Nach dem US‑Konzern Pfizer und dem britischen Pharmaunternehmen Astra-Zeneca schließt sich Merck an. Damit entgeht der Konzern den US-Zöllen auf pharmazeutische Produkte und Inhaltsstoffe. EMD Serono, das Nordamerikageschäft von Merck, hat mit dem US-Handelsministerium eine entsprechende Vereinbarung geschlossen. Voraussetzung für die Zollausnahme ist jedoch, dass EMD Serono künftig in die Herstellung und Forschung in den USA investiert.

Auch für den dänischen Pharmakonzern Novo Nordisk deuten sich Preissenkungen an: Trump kündigte am Donnerstag deutliche Abschläge beim Diabetes- und Abnehmmittel Ozempic an. Der Preis des Medikaments werde von 1300 auf 150 Dollar gesenkt, sagte Trump bei einer Veranstaltung im Weißen Haus.

Novo Nordisk teilte mit, das Unternehmen habe Gespräche mit der US-Regierung geführt. Zu Trumps Ankündigung äußerte der Konzern sich jedoch nicht direkt. Der Chef der zuständigen US-Gesundheitsbehörde CMS, Mehmet Oz, sagte, die Preisverhandlungen für die Medikamentenklasse, zu der Ozempic gehört, seien noch nicht abgeschlossen.

Die US-Regierung hatte zum 1. Oktober neue Strafabgaben auf die Einfuhr von Medikamenten von 100 Prozent erhoben, für die EU gilt der reduzierte Satz von 15 Prozent, wie die EU-Kommission zuletzt klarstellte.

„Die bisherigen Deals von Merck, Astra-Zeneca und Pfizer sind ein Best-Case-Szenario für die Industrie“, sagt Markus Manns, Portfolio-Manager bei Union Investment. Nach Verkündung des ersten Deals mit Pfizer stiegen die Aktienkurse großer europäischer Pharmakonzerne bereits um mehr als sechs Prozent, getragen von der Erwartung größerer Klarheit in der US-Preispolitik.

Seit Monaten stieg der politische Druck

Den Deals vorausgegangen war großer Druck auf die Branche durch Donald Trump. Im Sommer schrieb er 17 Briefe an die Geschäftsführer von Pharmaunternehmen und verlangte Pläne für niedrigere Preise. In den USA sind Medikamente im Schnitt zwei- bis dreimal so teuer wie in Europa. Grund dafür ist, dass dort die Pharmaindustrie weitgehend darüber entscheidet, wie viel Arzneien kosten, während der Staat nur begrenzt Einfluss hat.

Schon Mitte Mai unterzeichnete der US-Präsident ein Dekret, das die Industrie zu drastischen Preissenkungen aufforderte. Die USA machten weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung aus und würden dennoch über hohe Preise rund drei Viertel der weltweiten Pharmagewinne finanzieren, heißt es in der Verordnung.

Merck-Logo vor der Unternehmenszentrale in Darmstadt. Foto: Arne Dedert/dpa

Das US-Gesundheitsministerium und die Centers for Medicare & Medicaid Services (CMS), die für die Krankenversicherungsprogramme zuständig sind, hatten daraufhin konkrete Ziele für die Senkung der Medikamentenpreise vorgelegt. Die Branche soll sich bei der Preisgestaltung an anderen Industrienationen mit den niedrigsten Preisen orientieren – auch „Most Favored Nation“-Regel genannt. Bislang blieb die Verordnung jedoch ohne rechtliche Konsequenzen.

Nach dem Preisabkommen von Donnerstag erklärte Merck in einer Stellungnahme: Die verkündete Partnerschaft stehe „gänzlich in Einklang mit dem präsidialen Dekret, das darauf abzielt, den Zugang zu bezahlbaren IVF-Behandlungen zu erweitern“.

Deutsche Wettbewerber halten sich noch zurück

Bernd Ziegler, Partner beim Beratungshaus Boston Consulting Group (BCG), sieht weiterhin große Unsicherheiten für die Pharmabranche. „Es ist aktuell die dynamischste Zeit für Pharma seit Jahrzehnten. Das Maß an Unsicherheit, das wir im Moment haben, gab es so selbst während der Coronapandemie nicht“, so Ziegler.

Deutsche Wettbewerber von Merck äußerten sich bislang nicht. Boehringer Ingelheim lehnte eine Stellungnahme auf Anfrage des Handelsblatts ab, auch Bayer wollte sich bisher nicht zur Preispolitik in den USA äußern.

Boehringer war ebenfalls Adressat des sommerlichen Präsidentenschreibens gewesen und hat vor wenigen Wochen die eigene Plattform „Boehringer Ingelheim Access“ in den USA implementiert. Aktuell ist darüber ein Inhalationsspray erhältlich, in den kommenden Monaten sollen die gesamten Atemwegs- und Diabetespräparate zu deutlich reduzierten Preisen folgen, teilte das Unternehmen mit.

Die finanziellen Auswirkungen auf Pharmaunternehmen bleiben laut Analysten überschaubar: TrumpRX richtet sich nur an Selbstzahler und ausgewählte Versicherungsprogramme, zudem gelten die Preiszugeständnisse nur für einzelne Medikamente. Entsprechend sehen Experten die Plattform vor allem als Entlastung für Patienten, die ihre Arzneien aus eigener Tasche bezahlen müssen.

BCG-Experte Ziegler betont aber den starken Signalcharakter der Vereinbarungen. Sie würden die Bereitschaft der Branche zeigen, an Lösungen zu arbeiten. „Es gibt ein Ungleichgewicht zwischen Preisen in den USA und dem Rest der Welt“, sagt Ziegler. Dass das System nicht als gerecht wahrgenommen werde, auch vonseiten der Amerikaner, könne er nachvollziehen.

Beide Seiten könnten profitieren

Vorteilhaft sei auch, dass das Direktvertriebsmodell ein Kernproblem des US-Markts adressiere: Zwischenhändler, die laut Branchenangaben bis zur Hälfte des Endpreises einstreichen, werden künftig übergangen. „Diese Struktur gilt vielfach als ineffizient und wenig wertschöpfend“, sagt Ziegler.

Union-Investment-Manager Manns fügt hinzu: „Insgesamt sieht es so aus, als ob beide Seiten profitieren.“ Trump erhalte Schlagzeilen für seine Wähler, die Branche komme mit vergleichsweise geringen Zugeständnissen davon und habe sich wohl Sonderregelungen gesichert, so Manns.

Sollte es hingegen zu flächendeckenden Preissenkungen kommen, würde dies der Branche einen schweren Schlag versetzen. Wenn Hersteller die Preise für sämtliche Medikamente in den USA zwischen 60 und 90 Prozent senken müssten, könnte das die operativen Gewinne großer Hersteller in gleicher Höhe oder mehr belasten. Zu diesem Ergebnis kam im Juni eine Analyse von Porsche Consulting, die dem Handelsblatt vorliegt.

Doch zentrale Fragen sind offen. Die TrumpRX-Plattform soll zwar Anfang 2026 starten, Details zur Umsetzung fehlen jedoch. Aus operativer und regulatorischer Sicht gestaltet sich TrumpRX äußerst komplex, erklären die Analysten.

Aus Branchenkreisen heißt es zudem: „Das Problem der Plattform ist die enge Verknüpfung mit Trump.“ Das werfe Zweifel auf, wie unabhängig und neutral der Prozess tatsächlich sei und inwieweit der Staat Zugriff auf Patientendaten oder Preissetzung erhalten könnte. Ebenso unklar sei die Orientierung an den „Most Favored Nation“: Neue Medikamente werden üblicherweise zuerst auf dem US-Markt eingeführt, sodass es dann keine Vergleichsmöglichkeit für geringere Preise gibt.

Plattform als Vorbild für Europa

Jaana Grüter, Partnerin bei dem Pharmainvestor Merieux Equity Partners, betont dennoch den Vorbildcharakter des Konzepts: „Europa kann sich ideentechnisch einiges von den Vertriebsplattformen abschauen. Man kann noch einiges optimieren, um den Markt effizienter zu machen und näher am Patienten zu sein.“

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Zwar fehle ein einheitliches System, doch ließe sich das Direktvertriebsmodell prinzipiell übertragen – wenn auch langsamer als in den USA. Aus Investorensicht gehe es ohnehin nicht um einen kurzfristigen Trend, sondern um eine strukturelle Marktveränderung. „Der Direktvertrieb kann die Wertschöpfungsketten komplett neu aufbauen“, sagt Grüter.

Entsprechend wachse das Interesse an Dienstleistern für Telemedizin, E-Rezepte, digitale Arzneilogistik und Datenmanagement von Patienten und Arzneimitteln. „Es ist eine strukturelle Umorganisierung des Marktes und der Infrastruktur – ein Thema, das uns die nächsten Jahre auch in Europa beschäftigen wird“, so Grüter.

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