Reebok-Gründer: Wie KI die Schuhbranche verändern soll
New York. Geht es nach Joe Foster, soll dieses Gerät die Schuhwelt revolutionieren. Der 90-Jährige ist Co-Gründer der milliardenschweren Traditionsmarke Reebok, seine ganze Aufmerksamkeit gilt aktuell aber einem jungen Projekt: Syntilay. Am geschäftigen Times Square in New York hat das Start-up ein Gerät aufgebaut, das wie eine futuristische Waage aussieht.
Wer sich draufstellt, bekommt in wenigen Sekunden seine Füße vermessen. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) nimmt ein Scanner zahlreiche Werte zur Länge und Breite sowie Form und Zehendetails auf. Anschließend entwirft das Gerät ein 3D-Modell der Füße – und lässt von einem 3D-Drucker passgenaue Schuhe produzieren. „Ich bin schon eine ganze Weile dabei, aber ich habe noch keine Schuhe mit dieser tollen Dämpfung gefunden“, schwärmt der 90-Jährige im Interview mit dem Handelsblatt.
Syntilay hat nach eigenen Angaben den ersten KI-Designschuh aus dem Drucker auf den Markt gebracht – und will mit dem Konzept die Branche transformieren. Neben Kostenvorteilen hofft das Unternehmen vor allem auf zufriedene Besitzer. Denn der Schuh soll sich dank der Vermessung um den Fuß seines Trägers schmiegen.
Gründer zieht Vergleich zu E-Autos
Doch das Unternehmen steht vor zwei Herausforderungen. Experten zweifeln noch an der Akzeptanz von KI-generierten Schuhen – und sehen den Erfolg der großen Sportartikelhersteller vor allem in deren starken Marken.
Foster fungiert als Chefberater bei Syntilay. Geführt wird das Start-up von Ben Weiss, einem 26-jährigen Unternehmer aus Florida. Weiss sieht Syntilay als so etwas wie das Tesla unter den Schuhherstellern – zumindest unternehmerisch. „Als man das erste Mal in ein Elektroauto stieg, war das auch eine ganz neue Erfahrung. Es war sanft und sauber, und man musste nicht mehr zur Tankstelle fahren“, sagte er dem Handelsblatt.
Ähnlich neu sei die Erfahrung auch mit seinen Schuhen, wie sich schon beim Bestellvorgang zeige, erklärt Weiss. Wer keinen Zugang zu einem Vermessungsgerät wie in New York hat, kann seine Füße auch mithilfe einer Smartphone-App filmen und so die notwendigen Daten generieren. Anschließend bekommen Kunden die passgenau gedruckten Schuhe, bestehend aus recyceltem Nylon und Thermoplastik, per Post zugeschickt.
Doch nicht nur der Herstellungsprozess ist außergewöhnlich, sondern auch das Design, das ebenfalls überwiegend KI-generiert ist. Das Basismodell aus dem Drucker ist ein sogenannter Slide – ein halboffener Schuh ohne Schnürsenkel, in den sich hineinschlüpfen lässt. Die Optik bleibt eine persönliche Geschmacksfrage: Der Schuh erinnert stark an die bunten Gummischlappen der Marke Crocs, die vor einigen Jahren plötzliche Beliebtheit erlangten. Inzwischen hat das Start-up aber auch eine sneakerähnliche Variante in fünf verschiedenen Farben im Angebot.
Berater und Reebok-Gründer Foster ist überzeugt, dass Syntilay damit gut aufgestellt ist. „Wir sehen, dass Sneaker langsam durch Slides ersetzt werden“, sagt der Reebok-Gründer. „Die Leute wollen mehr Komfort und etwas, das sie einfach anziehen können.“ Den konventionellen Straßenschuh vergleicht Foster inzwischen mit einem Accessoire. „Man benutzt sie nur noch, wenn man irgendwohin geht. Ansonsten zieht man seine Turnschuhe an.“
Zu konkreten Zahlen hält sich Gründer Weiss bedeckt. Er finanziere das Projekt noch größtenteils selbst. Allerdings seien in letzter Zeit auch einige Freunde und Familienmitglieder eingestiegen. „Wir benötigen nicht so viel Kapital, wie man es von einer typischen Schuhmarke erwarten würde“, sagte Weiss. Zum einen spare er durch die Einbindung von KI an Designkosten. Zum anderen müsse er keine Schuhe in verschiedenen Größen vorproduzieren und bevorraten. Dadurch müsse er weniger vorstrecken und habe gleichzeitig geringere Logistikkosten.
Beobachter zweifeln am Konzept KI-generierter Designs
„Wir haben hart daran gearbeitet, unsere Schuhe erschwinglicher zu machen“, sagte Weiss. Anfangs haben allein die Herstellungskosten pro Paar noch 110 Dollar betragen. Der Gründer habe jedoch schnell erkannt, dass Zugänglichkeit wichtig sei, und die Druckkosten gesenkt. Jetzt könne Weiss das Basismodell, die Slides, für einen Verkaufspreis von 119 Dollar anbieten. „Damit sind wir preislich konkurrenzfähig gegenüber vielen traditionellen Marken und bieten dabei etwas völlig anderes an“, sagte der Gründer.
Doch auch wenn die KI-Schuhe nun ähnlich viel kosten wie die Premiummodelle großer Marken, zweifeln Branchenbeobachter am langfristigen Erfolg. Zu ihnen gehört John Kim, Chefredakteur des Fachportals „Sneaker News“. „Es mag zwar kurzfristig einen gewissen Reiz des Neuen geben, aber die Sneaker- und Modegemeinschaft schätzt letztendlich das einzigartige menschliche Auge hinter dem Schuhdesign“, sagte Kim gegenüber „USA Today“.
KI könnte bis zu einem gewissen Grad zur Unterstützung einer Schuhkreation eingesetzt werden, wie es Nike und Adidas tun. „Aber ein zu 100 Prozent von KI entworfener Sneaker hat nur begrenztes Potenzial, da ihm die menschliche Essenz und die DNA der Marke fehlen“, sagte Kim und zog einen Vergleich: Der durchschlagende Erfolg der sogenannten Yeezy-Reihe von Adidas sei auch nur auf das einstige Interesse der Verbraucher am umstrittenen US-Rapper Kanye West zurückzuführen, der als Markengesicht diente.
Auch Weiss spricht hier von einer Herausforderung, die es zu lösen gilt. Geht es nach dem Gründer, soll es längst nicht beim bisherigen KI-Standarddesign bleiben. „Wir möchten den Menschen bald die Möglichkeit geben, auch ihre eigenen Designs zu entwickeln“, sagte er. Das sei zum jetzigen Stand zwar noch nicht möglich, aber sein Unternehmen arbeite daran.
Doch Syntilay steht vor einer weiteren Herausforderung: die Massenproduktion. Denn um die Idee zu skalieren, bräuchte es enorme Druckkapazitäten. Ein Problem für die Zukunft, findet Foster. „Wir brauchen die Volumina noch nicht.“ Stattdessen gehe es erst einmal um Sichtbarkeit, so der Reebok-Gründer. Zunächst sei der Druck von ein paar Tausend Schuhen geplant.
Weiss’ Schuhe werden von einem deutschen Unternehmen gedruckt. Der Gründer arbeitet mit Zellerfeld aus Hamburg zusammen, das sich auf den Druck von Schuhen spezialisiert hat und die Plattform dafür bereitstellt. Ein Freund hatte Weiss auf die Firma aufmerksam gemacht, erzählt er.
Allerdings sind inzwischen auch die Schwergewichte der Branche auf das Unternehmen aufmerksam geworden. Zellerfeld hat zuletzt eine Partnerschaft mit Nike geschlossen. Der US-Sportausrüster lässt Modelle wie den Air Max 1000 und neuerdings auch den Air Max 95000 von den Hamburgern drucken.
Mit den Produktionsmengen zeigt man sich bei Zellerfeld äußerst zufrieden: „Was als grundlegende Idee begann, um Kreativen mehr Freiheit zu geben, hat sich zu etwas viel Größerem entwickelt“, sagte Zellerfeld-CEO Cornelius Schmitt über die Zusammenarbeit mit dem US-Konzern.
Wie groß, zeigt sich in der schnellen Expansion des Unternehmens. Um noch schneller und mehr liefern zu können, habe man kürzlich eine zweite Produktionsstätte in Austin (Texas) eröffnet. Das erhöhe den Output auf Millionen von Paaren pro Jahr und stärke die Produktion von inzwischen Tausenden Druckern in Hamburg und Austin, heißt es auf Handelsblatt-Nachfrage.
Weiss hofft auf weiteres Verkaufsargument
Laut der Markenmanagerin von Nike, Brittany Shelton, seien nun ganz neue Designs der Schuhe möglich: „Mit herkömmlichen Methoden hätten wir die Silhouette niemals schaffen können.“ Dies sei erst der Anfang in der Zusammenarbeit mit dem deutschen Unternehmen. Und auch Gründer Weiss lobt den Partner: „Wir haben uns speziell für Zellerfeld entschieden, weil der Druck des Unternehmens ein wirklich tolles Tragegefühl der Schuhe bietet.“
Genau das, so hofft der Gründer, könnte ihm ein weiteres Verkaufsargument bringen. „Wir haben unsere Schuhe von einem Podologen untersuchen lassen, und dieser hat es als Produkt empfohlen.“ Schließlich hätte die individuelle Passform der Schuhe auch einen positiven Effekt auf den Gang und die Haltung. Demnächst soll eine weitere Studie folgen.
Erstpublikation: 26.10.2025, 12:59 Uhr.