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Morning Briefing PlusWir haben keine Zeit

Die amerikanische Weltordnung könnte bald eine chinesische sein. Und Europa? Hängt am digitalen Tropf der Weltmächte. Aber noch haben wir die Chance.Sebastian Matthes 01.11.2025 - 09:00 Uhr Artikel anhören
Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes. Foto: Handelsblatt

Liebe Leserinnen und Leser,

willkommen zurück zu unserem Blick auf die Woche – eine Woche, in der sich erneut gezeigt hat, wie eng Technologie und Machtpolitik miteinander verwoben sind.

In Den Haag hat der Internationale Strafgerichtshof eine bemerkenswerte Entscheidung getroffen: Er möchte sich von US-Technologien unabhängig machen – aus Angst vor Repressalien aus Washington.

Unter Donald Trump hatte die US-Regierung Sanktionen gegen Vertreter des Gerichts verhängt, woraufhin Microsoft das Mail-Postfach des Chefanklägers Karim Khan sperrte.

Donald Trump und Satya Nadella: Gefährlicher Schulterschluss. Foto: Reuters

Seitdem drucken Mitarbeiter des Gerichts wieder Akten und Dokumente aus. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Sorge, dass sie eines Tages keinen Zugriff mehr auf ihre Daten haben könnten.

Mein Kollege Christof Kerkmann berichtete in dieser Woche exklusiv, dass der Strafgerichtshof deshalb Microsoft-Software durch eine deutsche Lösung ersetzt. Eine technische Entscheidung – und doch ein politisches Signal: Europa will sich schützen.

Der Fall zeigt, was in Zukunft häufiger passieren dürfte: Technologie wird zum geopolitischen Druckmittel. Wer die digitale Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert Macht. Das Vertrauen zwischen Europa und den USA – jahrzehntelang Fundament des Westens – bekommt Risse, auch im digitalen Raum.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: Im Bruch mit den USA. Foto: Virginia Mayo/AP/dpa

Das wissen wir längst. Doch Europa hat bis heute keine überzeugende Antwort darauf gefunden.

Während sich die USA nach innen richten, füllt China das entstehende Vakuum. Die Führung in Peking tut, was Washington früher tat: Sie formuliert eine Vision für die Welt. Eine Vision, die – so sagt der ehemalige US-Admiral und Geheimdienstchef Mike Studeman im Handelsblatt-Interview – für viele Länder des globalen Südens inspirierend wirkt.

„Jede Supermacht, die ihre Macht und ihren Wohlstand stärken will, muss eine konstruktive, inspirierende Vision für die Welt haben“, sagt Studeman. „Leider haben die politischen Eliten in Washington aktiv die Grundsätze der liberalen internationalen Ordnung abgebaut – ohne eine neue Vision zu formulieren.“

US-Präsident Trump und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping nach ihrem Gespräch in Busan: China füllt das Vakuum. Foto: AP

„Make America great again“ ist sicher keine. So stehen heute drei Modelle nebeneinander:

  1. Der amerikanische Laissez-faire-Kapitalismus, der einen historischen Technologieboom ausgelöst hat,
  2. der chinesische Staatskapitalismus, der eine atemberaubende Aufholjagd möglich macht,
  3. und das europäische Modell, dezentral organisiert, bei dem jeder mitsprechen will – aber am Ende niemand entscheiden kann.

Wir haben die Diagnose. Wir haben die Antworten. Was wir nicht haben, ist Zeit. Denn aus einer amerikanisch dominierten Welt könnte bald eine chinesisch dominierte werden.

Noch hat Europa die Chance, seinen Platz im globalen Spiel einzufordern. Am 18. November lädt die Bundesregierung zum Europäischen Gipfel zur digitalen Souveränität nach Berlin. Dort wird sich zeigen, ob Europa bereit ist, aus seinen Erkenntnissen endlich Konsequenzen zu ziehen.

Was uns diese Woche noch beschäftigt hat:

1. Die Lage ist doch so: Nicht in München oder Stuttgart wird darüber entschieden, ob in Europa Maschinen, Anlagen und Computer laufen, sondern in Washington – und zunehmend auch in Peking. Was auf die akute Chipkrise und die Beschränkungen für die Ausfuhr von seltenen Erden aus China folgte, war, was immer folgt: Krisensitzungen. Es sind eingeübte Rituale von Unternehmen und Politikern, die seit Jahren wissen, wie sehr der eigene Erfolg mittlerweile von China abhängt – und doch kaum umdenken.

Die Katze winkt nicht mehr: Die deutsche Abhängigkeit von China rächt sich. Foto: Thomas Kuhlenbeck

Was aber ist die Antwort auf diese Abhängigkeit? Warum gelingt der EU nicht, was die USA vormachen? Alle Antworten zu unserem Thema der Woche finden Sie in unserem großen Report zum Wochenende.

2. Die Autoindustrie erlebt gerade ihren ganz eigenen China-Schock, dessen Ursache neben der Chip- auch eine Absatzkrise ist. Am Mittwoch vermeldete Mercedes einen Gewinneinbruch von 50 Prozent. Autozulieferer Bosch streicht Tausende Stellen. Es sind Hiobsbotschaften mit einer kurzen Halbwertszeit, kommentiert mein Kollege Sven Prange. Wie ernst die Lage ist, sei weder in der Gesellschaft noch in der Industrie wirklich angekommen.

Proteste von Bosch-Beschäftigten: Strukturbruch ohne angemessene Reaktion. Foto: Jason Tschepljakow/dpa

Sven beschreibt einen sich seit Jahren vollziehenden, „stetigen Verlust an Identifikation zwischen Menschen und Unternehmen“, der sich in der aktuellen Sprachlosigkeit widerspiegele. Und die Politik? Setzt auf Sonntagsreden, auf Autogipfel und Stahlspitzentreffen. Keine Spur von Mut, Reformen und Veränderungswillen.

3. Kaum jemand hat sich so tief mit der Seele der Deutschen beschäftigt wie der Unternehmer, Psychologe und Autor Stephan Grünewald. Seine Studien und Bücher zeigen, wie unsere Gesellschaft in Lager zerfällt, die „Streitkultur erodiert“ und die Politik eine Zeitenwende verspricht, die „im Alltag vieler nie angekommen ist“. Gerade hat er ein neues Buch veröffentlicht, Titel: „Wir Krisenakrobaten“.

Rheingold-Gründer Grünewald: „Leidensdruck ist Motor von Veränderung.“ Foto: picture alliance/dpa

Im Handelsblatt-Interview bringt Grünewald das „Ohnmachtsgefühl“ auf den Punkt, das viele spüren, aber kaum in Worte fassen können. Und er fordert: „Politik muss den Verdrängungsvorhang zerreißen: Probleme klar benennen – ohne Beschwichtigungsrhetorik.“

4. Als Autor des Weltbestsellers „How Democracies Die“ hat Harvard-Forscher Daniel Ziblatt das Playbook der Autokraten so akribisch studiert wie kaum ein anderer. Moritz Koch hat ihn in einem sehr lesenswerten Interview gefragt, wie es um die Demokratie in den USA steht, wie Technologien für die Gesellschaft zur Gefahr werden können und warum sich viele Amerikaner für eine Politik entscheiden, die ihnen offensichtlich schadet. Und dann sprechen sie noch über die Frage, warum der Widerstand in Trumps zweiter Amtszeit kleiner ist. Ziblatts Antwort: „Erschöpfung“.

5. OpenAI versucht, Google zu werden, bevor Google zu OpenAI wird, sagt der Professor an der New York University und Podcaster Scott Galloway. Dass Galloway recht haben könnte, zeigt sich daran, dass OpenAI vor ein paar Tagen seinen neuen KI-Browser „Atlas“ vorgestellt hat – und damit in direkte Konkurrenz mit Google Chrome tritt. Aber welchen Vorteil haben Nutzer von dem neuen Browser? Endet mit Atlas die Vielklickerei beim Surfen? Unsere KI-Reporterin Lina Knees hat den neuen Browser für Sie getestet.

Sam Altman und Handelsblatt-KI-Reporterin Lina Knees: Browser im Test. Foto: Getty Images (2), Constantin Raschke

6. Ohne den deutschen Computerlinguisten Jakob Uszkoreit wäre der aktuelle KI-Boom undenkbar. Sein Name steht auf einem der meistzitierten Forschungspapiere der KI-Geschichte. Mit Google Brain hat er jahrelang wegweisende Forschung betrieben. Dann hat Uszkoreit Google verlassen. Und mittlerweile sagt er sogar: Die Tech-Konzerne verschwenden ihre Milliarden mit zu viel KI-Forschung. Und er macht einen interessanten Vorschlag, wo das Geld besser angelegt wäre.

7. Er ist ein Mann der Gegensätze. Einerseits raste er mit über 300 Kilometern pro Stunde über die Rennstrecke. Andererseits war er als Schüler so schüchtern, dass er kaum vor seiner Schulklasse sprechen konnte. Die Rede ist von Nico Rosberg.

Investor Nico Rosberg: Risikokapital statt Rennstrecke. Foto: dpa picture alliance

In einer sehr persönlichen Folge meines Podcasts Handelsblatt Disrupt erzählte der Ex-Formel-1-Weltmeister, warum er einst täglich zwei Stunden mit einem Psychologen arbeitete, wie es sich anfühlte, als er auf dem Höhepunkt seiner Karriere aus dem Rennsport ausstieg, und wie er dann vom Rennfahrer zu einem Investor wurde.

8. Angesichts von Rekordständen an den Börsen warnen Experten vor überhitzten Märkten. Und doch gibt es Wege, das eigene Geld weiter clever zu investieren. Martin Müller und Andreas Neuhaus zeigen, welche drei ETF-Kategorien sich in solchen Zeiten lohnen, wo die Risiken liegen – und wann der richtige Zeitpunkt für den Einstieg ist.

9. Es gibt einen Befund, der sich wie ein roter Faden durch meinen Podcast zieht: Ob Jarek Kutylowski, der Chef des KI-Übersetzers DeepL, oder Ranga Yogeshwar, Physiker und Wissenschaftsjournalist – viele meiner Gesprächspartner äußern die Sorge, dass wir im KI-Zeitalter unsere Fähigkeit zum kritischen Denken verlieren könnten.

Digitale Denker (Illustration): KI macht Denken teilweise überflüssig. Zu welchem Preis, fragt sich unser Autor. Foto: Getty Images

Studien stützen diese These mittlerweile. Und mein Kollege Jan Lutz beobachtet erste Anzeichen bereits bei sich selbst. Welchen Preis zahlen wir also, wenn wir immer mehr geistige Arbeit an KI auslagern? Seinen Essay finden Sie hier.

Und damit wünsche ich Ihnen ein angenehmes Wochenende.

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Herzlichst

Ihr

Sebastian Matthes

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