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Morning Briefing PlusDie Wissenschaft mahnt – und keiner hört zu

Mit einem zusätzlichen Fonds will die Koalitionsspitze in der Rentenfrage die jungen Rebellen beruhigen. Der einhellige Appell der Ökonomen aber ist verhallt.Martin Knobbe 29.11.2025 - 08:56 Uhr Artikel anhören
Martin Knobbe, stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatt. Foto: Handelsblatt

Liebe Leserinnen und Leser,

für das Handelsblatt war es eine Woche, in der wir gespürt haben, dass Journalismus nicht nur berichtet, sondern Reibung erzeugt. Die Handelsblatt-Geschichte über den Verband der Familienunternehmer und dessen Entschluss, die Brandmauer zur AfD zu demontieren, hat genau das getan.

Sie hat die Frage nach dem Umgang mit dieser Partei erneuert und eine Debatte entfacht, die über den Kreis des Verbandes weit hinausging. Mein Kollege, Chefredakteur Sebastian Matthes, hat in seinem Editorial beschrieben, warum sich diese Debatte oft an den falschen Stellen verfängt.

Marie-Christine Ostermann: Die „Brandmauer“ zur AfD bröckelt. Foto: dpa, picture alliance, Getty Images [M]

Und dann war da der Appell von 22 Ökonomen und Wissenschaftlern anderer Fachrichtungen im Handelsblatt an die Bundesregierung, das Rentenpaket zurückzuziehen und erst einmal die geplante Expertenkommission arbeiten zu lassen. Doch die Wissenschaft wurde nicht erhört.

In der Nacht zu Freitag beschloss der Koalitionsausschuss, das Rentenpaket solle kommen wie geplant. Als Trostpflaster für die rebellierenden Jungen in der Union: ein Entschließungsantrag inklusive des von den Jungen geforderten „Nachholfaktors“ – eine Art Willenserklärung. Und ein Fonds von zehn Milliarden Euro, mit dem der Staat die private Altersvorsorge junger Menschen fördern will. Man kennt dieses Muster aus der Politik: Ist ein Konflikt zu anstrengend, wird er mit Geld geheilt, Expertise hin, Expertise her.

Ökonomen-Aufruf zur Rente im Handelsblatt. Foto: dpa (2), Universität Jena, Reuters (2), LMU, David Maupilé, Uni Heidelberg, Privat, ZEW, Universität Konstanz, PR, Stiftung Marktwirtschaft, picture alliance (2), Imago, HHU, WHU

Ich musste an die Coronajahre denken, an die hitzigen Diskussionen in den Redaktionen: Orientiert sich die Politik zu stark an wissenschaftlichen Empfehlungen? Aus heutiger Sicht scheint mir: Die eine oder andere parlamentarische Debatte mehr hätte damals nicht geschadet.

Heute ist das Bild genau umgekehrt. In der Rentenfrage wirken die Wissenschaftler einig, doch die Koalition handelt so, als gäbe es diese Einigkeit nicht. Sie folgt den Interessen der Parteien, nicht der Logik des Problems. Die Zielmarken heißen Haltelinie (SPD), Aktivrente (CDU) und Mütterrente (CSU). Drei zugesagte Versprechen, drei Inseln der Klientelpolitik.

Das eigentliche Problem liegt daher tiefer. Statt im Koalitionsvertrag schon Fakten zu schaffen, um dann eine Grundsatzkommission nachträglich darüber nachdenken zu lassen, hätte man es umdrehen müssen: erst die Experten einsetzen, dann ihre Ergebnisse demokratisch bewerten – und erst danach ein Gesetz formulieren. Doch die Chance ist nun vertan.

Jetzt sind die jungen Rebellen am Zug. Reicht ihnen das Angebot?

Was uns in dieser Woche noch beschäftigt hat:

1. Was wäre, wenn die AfD regierte? Wie ginge es der Wirtschaft? Gäbe es dann Aufschwung? Wohl eher nicht, das zumindest ist die Einschätzung von Experten, die sich die Positionen der Partei näher angesehen haben: Vom propagierten EU-Austritt bis zur rigiden Migrationspolitik – die Folgen wären für Deutschland nach Expertensicht fatal, wie Dietmar Neuerer zusammenfasst.

2. Anfang November besuchte ein Vertrauter von Donald Trump den Bundestag: Alex Bruesewitz, ein Social-Media-Berater des US-Präsidenten, hielt einen Vortrag. Eingeladen hatte die AfD, das Thema: „Der globale Kampf um die Wahrheit. Wie Konservative die Deutungshoheit zurückgewinnen können.“ Der Besuch des MAGA-Mannes ist nur ein Beispiel für die weltweite Vernetzung der AfD, von Japan über Chile nach China. Leila Al-Serori, Martin Benninghoff, Alexander Busch, Martin Kölling und Dietmar Neuerer berichten.

Tino Chrupalla, Alice Weidel: AfD-Seilschaften in aller Welt. Foto: HB, Reuters

3. Plant Trump einen „Regime Change“ in Venezuela? US-Streitkräfte greifen mutmaßliche Drogenboote an, schicken ihren größten Flugzeugträger in die Karibik und drohen Caracas – alles offiziell im Namen des Kampfes gegen den Drogenschmuggel. Doch das Maduro-Regime verfügt über enorme Öl- und Rohstoffvorkommen. Geht es Washington vielmehr um Deals, viel weniger um Werte? Und riskiert der US-Präsident trotz der desaströsen Erfahrungen im Irak und in Afghanistan eine Invasion? Alexander Busch, Martin Benninghoff und Jens Münchrath berichten.

4. Andrij Jermak ist der vielleicht engste Vertraute des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Nun gab es eine Razzia bei Selenskyjs Bürochef, Anlass waren Ermittlungen der Anti-Korruptionsbehörden. Am Freitagnachmittag trat Jermak dann von seinem Posten zurück, alle Details dazu lesen Sie hier. Schon vor einigen Tagen – also vor Razzia und Rücktritt – hatte mein Kollege Carsten Volkery analysiert, warum Selenskyj so sehr auf seinen engsten Berater angewiesen war.

5. Nach zwei Jahren Vorarbeit konnte unser US-Korrespondent Felix Holtermann den Microsoft-CEO Satya Nadella in Redmond zum Interview treffen. Wie es zu dem Gespräch kam, erzählt Felix hier im Podcast mit meiner Kollegin Larissa Holzki. Der Zeitpunkt jedenfalls könnte kaum besser sein. Die Zweifel am KI-Boom wachsen, auch Microsoft spürt die Angst vor dem Platzen einer Blase. Auf ein Allzeithoch der Aktie Ende Oktober folgte zuletzt ein Abwärtstrend. Und Microsoft? Investiert weiter Milliardensummen.

Microsoft-Chef Satya Nadella: Mit KI als Schlüsseltechnologie zum Börsenliebling. Foto: Mona Eing & Michael Meissner

Nadella sagt, die Schulden seien tragbar. „Wir haben das Mandat, so zu investieren, wie wir es heute tun.“ Aber was passiert, wenn die Blase doch platzt – für Microsoft und die gesamte Wirtschaft? Lesen Sie hier das ganze Interview darüber, warum Nadella die allgemeinen Sorgen nicht teilt. Außerdem fragt Felix, wie Microsoft dem wachsenden Druck durch Google und AWS standhält, an welchen Stellen sich die Partnerschaft mit OpenAI kompliziert gestaltet, und er entlockt Nadella, wie er ganz persönlich tickt.

6. Nicht nur Microsoft verschuldet sich gerade in nie dagewesener Weise. Amazon begibt nach drei Jahren erst einmal wieder eine Anleihe und summiert Schulden von gut 135 Milliarden Dollar. Meta baut ein 27 Milliarden Dollar teures Rechenzentrum in Louisiana. Unser Tech-Korrespondent im Silicon Valley, Philipp Alvares de Souza Soares, dokumentiert textlich und grafisch die schier beispiellose Schuldenwelle.

7. Auch in deutschen Konzernen ist ein Umbau zu spüren, wenn auch ein ganz anders gelagerter: Bayer, Mercedes und Volkswagen schließen Werke, streichen Zehntausende Stellen und zahlen immense Abfindungen. Die Dax-Unternehmen gaben in diesem Jahr bereits rund sechs Milliarden Euro für Personalprogramme aus. Welche Branchen besonders betroffen sind, warum es für die Konzerne schwierig ist, ihre Sparziele zu erreichen, und ob der Jobabbau erst am Anfang steht, lesen Sie hier.

8. Der Currywurst-Streit zwischen Hamburg und Berlin ist legendär, es geht um die Frage, wo die scharfe Wurst erfunden wurde. Wo es die beste Currywurst gibt, ist hingegen unumstritten: in NRW, zumindest wenn man nach den Bewertungen auf Google geht. Sehr viele hohe Bewertungen landen bei „Böckels Beste“. Sebastian Dalkowski hat Deutschlands Currywurstkönig Clemens Böckel besucht und ihn gefragt, was genau ihn nach dem BWL-Studium zur Wurst hinzog.

Böckel vor Imbissbude in Duisburg: Auf Baumarktparkplätzen macht er sein Geschäft. Foto: PR

9. Während viele Investoren weiter dem KI-Trend folgen, entdecken Hedgefonds ganz andere Chancen. Neue Medikamente, hohe Kursziele und mögliche Übernahmespekulationen rücken Biotech in den Fokus der Profi-Investoren. Andreas Neuhaus darüber, warum institutionelle Anleger überraschend umschichten – und welche versteckten Gewinner sich dahinter verbergen.

Ich wünsche Ihnen ein wunderbares Wochenende.

Bleiben Sie zuversichtlich!

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Herzlich

Ihr

Martin Knobbe

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