Künstliche Intelligenz: Wie KI uns alle selbst zu kleinen Donald Trumps macht
Aus der Weisheit der indigenen Völker ist viel Kluges überliefert, etwa dieser Satz: „Wir müssen von Zeit zu Zeit eine Rast einlegen und warten, bis unsere Seelen uns wieder eingeholt haben.“ Für asiatische Touristen, die in drei Tagen „Europa“ besichtigen, mag dies eine befremdliche Vorstellung sein. Ansonsten hat sich diese Erkenntnis über das Reisen hinaus als Erfolgsmoment der Zivilisationsgeschichte herausgestellt: Alles, was wir tun, ist eine Reise mit einem Start und einem Ziel.
Dazwischen liegen nicht nur eine Wegstrecke und eine Zeitdifferenz. Es sind vielmehr die vielen einzelnen Schritte und die mit ihnen verbundenen Anstrengungen, die neue Perspektiven, Einsichten und wiederholbare Erfolge bringen. Dafür muss man sich beim Reisen an ein paar Regeln halten, um überhaupt irgendwann anzukommen.
All das scheint sich gerade zu ändern. Das Outcome gewinnt. Nur Verlierer bestehen auf einem geregelten Prozess.
2026 – wenn nur noch Ergebnisse zählen
Es beginnt harmlos. Ein automatisiertes Bewerbungsverfahren hier, ein KI-generierter Text dort. Ein Weihnachtswerbespot, der nicht mehr aufgenommen, sondern errechnet wurde. Und plötzlich finden wir uns wieder in einem Jahr, das in einer lautlosen Explosion einen epochalen Wandel vollzieht: 2026 setzt den Anfangspunkt einer Zeit, in der wir nicht mehr an Prozessen, sondern nur noch an Ergebnissen interessiert sind. Und das auf fast allen Ebenen – von der Arbeitswelt bis zur Weltpolitik.
Künstliche Intelligenz spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie verspricht uns Effizienz, spart Zeit, erledigt Aufgaben im Bruchteil einer Sekunde. Das aber raubt uns etwas zutiefst Menschliches: den Prozess des Nachdenkens, der Gestaltung, der Entwicklung. Was früher ein kreativer, oft auch schmerzhafter Weg war, wird nun zum Tastendruck: Prompt rein, Output raus.
Wer heute mit KI arbeitet, lernt schnell, dass das Ergebnis wichtiger ist als der Weg dorthin. Wer zu lange überlegt, überlässt der Maschine das Feld. Wer noch Prozesse gestaltet, während andere schon Resultate präsentieren, wirkt wie ein Fossil aus einer behäbigen Zeit. Fortschritt, so scheint es, duldet keine Geduld mehr. So implodiert die zivilisatorische Errungenschaft eines kritischen Denkprozesses. Frage und Antwort werden wie von einem Super-Magneten angezogen, zwischen ihnen bleibt kein Raum mehr für einen Entwicklungsprozess durch graduellen Zweifel.
Wie Donald Trump Debatten durch Dekrete ersetzt
Das zieht Kreise. In den USA erleben wir gerade, dass selbst fundamentale Prinzipien wie das rechtsstaatliche Verfahren unter die Räder kommen. Statt Debatte: Dekret. Statt Verfahren: Vollzug.
Präsident Trump hat in seiner zweiten Amtszeit mehr als 1600 Menschen begnadigt, nur zehn davon durchliefen das übliche Verfahren. Gesetze werden im Schnellverfahren durchgewinkt oder schlicht umgangen. Der Einsatz des US-Militärs in Venezuela gegen angebliche Drogenschiffe hätte die Zustimmung des US-Kongresses gebraucht. Die gab es nicht. Trump rechtfertigt das mit dem Ergebnis. Aber wohin führt das?
Die Auslöschung eines geregelten Prozesses ist keine Frage von rechts oder links. Selbst liberale Stimmen, die sonst den Wert eines ordentlichen Verfahrens hochhalten, schwenken plötzlich um. Ein neuer populärer Ansatz in den USA proklamiert: „Schafft Überfluss“ („Abundance“). Genehmigungsverfahren für Häuser, Autobahnen oder Tunnel? So ein Quatsch! „Build, baby, build!“ lautet das neue Motto. Hauptsache, Resultat.
Dabei sind es manchmal die unsichtbaren Prozesse, die große Wirkungen entfalten. Die Normierung und Standardisierung von E-Ladestationen in den USA etwa ist kein PR-wirksames Spektakel. Aber sie funktioniert, weil Bürokratien ihre Arbeit machen. Auch in Deutschland gibt es sie noch: Menschen, die sich mit Hingabe und Kompetenz durch Verordnungen, Satzungen und Abstimmungen kämpfen, um etwas zu ermöglichen. Doch ihr Beitrag wird zunehmend entwertet – nicht durch Ergebnislosigkeit, sondern durch Ungeduld.
Natürlich: Prozess darf kein Selbstzweck sein. Wer einmal versucht hat, gegen drei Haselmäuse und zwei Zwergschwäne eine Autobahn zu Ende zu bauen oder den Anbau für eine Grundschule zu genehmigen, weiß, wie lähmend eine über die Maßen bürokratisierte Verwaltung sein kann. Doch Prozesse sind nicht nur Hindernisse. Sie sind Sicherheitsgeländer. Sie garantieren Fairness in der Politik, Gerechtigkeit in der Gesellschaft und Fertigungsqualität in der Industrie. Sie machen Ergebnisse besser, weil Verfahren dokumentiert und kontrolliert werden.
Wer dagegen ein Ziel verfolgt, ohne sich mit dem Weg auseinanderzusetzen, läuft Gefahr, jedes Mittel zu rechtfertigen. Was das bedeutet, lässt sich gerade weltweit beobachten – an politischen Führern, die mit allen und allem kurzen Prozess machen.