Krimi-Autor Volker Kutscher: „Plötzlich läuft ein SA-Schlägertrupp daher“
Berliner Alexanderplatz auf einer Aufnahme von 1935 (geschätzt): Hier stand das Polizeipräsidium „Die Burg“ – und der Schreibtisch von Gereon Rath.
Foto: ImagoDie Weimarer Republik und die beginnende Nazi-Herrschaft in Deutschland prägen die historischen Krimis von Volker Kutscher. Kommissar Gereon Rath ermittelt in Berlin mitten in den politischen Umbrüchen jener Zeit. Soeben ist der fünfte Band der Reihe erschienen. „Märzgefallene“ schaffte den Sprung in die „Spiegel“-Bestsellerliste.
Herr Kutscher, wer Ihre Rath-Krimis liest, findet sich mitten in der Wirtschaftswelt der Weimarer Republik wieder. Dabei tauchen immer wieder Markennamen auf, die heute noch jeder kennt. Wie wichtig sind die Marken für Ihre Bücher?
Meine Leser sollen sich zu Hause fühlen in der Welt von Gereon Rath, und für mich stellen diese Marken eine Kontinuität dar von der Vergangenheit bis heute. Mir geht es darum, den Zeitsprung von 80 Jahren vergessen zu machen, und mit Hilfe der Marken stelle ich Vertrautheit her. Das ist so wie auf Reisen: Es kann noch so exotisch sein, aber wenn da irgendwo eine bekannte Marke auf dem Tisch steht, fühlt man sich gleich ein wenig daheim. Wenn ich diese Namen erwähne, erscheint die Welt normaler. Und dann läuft plötzlich ein Schlägertrupp der SA durch die Szene – und der Leser erschrickt.
Aber die Menge an bekannten Marken in Raths Welt überrascht dann doch.
Es ist interessant, wie viele es damals schon gab – die meisten hält man für Nachkriegsmarken. Im aktuellen Roman führe ich die Afri-Cola ein: Die ist seit 1931 auf dem Markt und passt zu Gereon Rath, nicht nur weil sie aus Köln kommt wie schon die Zigarettenmarke Overstolz, die er raucht, sondern auch, weil er immer mal wieder ein Aufputschmittel braucht – und Afri-Cola war schon damals sehr koffeinhaltig.
Doch Afri-Cola hat nicht allein wegen des Koffein-Gehalts überlebt.
Afri-Cola hat sich im Dritten Reich als deutsches Gegenmodell zur amerikanischen Coca-Cola positioniert, als „deutsche Cola“ – eine ganz andere Werbestrategie als die in den 60ern mit der Flower Power von Charles Wilp.
Auf welche Marken sind Sie bei Ihren Recherchen noch gestoßen?
Bei Sinalco hatte ich immer den Werbejingle „Die Sinalco schmeckt“ im Kopf – dabei wurde die Brause schon zu Zeiten Kaiser Wilhelms auf den Markt gebracht. Odol Mundwasser wurde bereits im 19. Jahrhundert verkauft. Nivea wiederum hat schon in den 30er-Jahren mit Wasserbällen geworben, die habe ich auf alten Aufnahmen vom Strandbad Wannsee entdeckt.
Und der Krieg hat nicht zum großen Bruch geführt?
Für die meisten Firmen ging es weiter. Sogar für die ehemals jüdischen Kaufhäuser, die von den Nazis „arisiert“ und deren Eigentümer entrechtet wurden. Hermann Tietz wurde zu „Hertie“; Leonhard Tietz zu „Kaufhof“. Und nicht wenige deutsche Firmen – Stichwort Rüstungsindustrie – haben vom Krieg sogar profitiert.
Wie haben Sie recherchiert?
Fachliteratur, Filme, Fotos. Auf Markennamen stößt man auch in den Tageszeitungen der damaligen Zeit wie der Vossischen oder dem Berliner Tageblatt. In den Werbeanzeigen wurde noch viel gezeichnet, Mode beispielsweise. Aber mich interessieren natürlich auch die Informationen: Wie teuer waren damals ein Auto, ein Paar Schuhe, ein Pfund Butter?
Rath-Schöpfer Volker Kutscher: „Ein bisschen Freiheit muss man sich auch lassen“.
Foto: HandelsblattAm Ende des vierten Bandes war ich enttäuscht. In der Nachbemerkung las ich, dass Sie sich die Schnapsfirma Mathée Luisenbrand nur ausgedacht hatten.
Und die Luisenhöhe in Masuren, auf der die Brennerei steht, heißt eigentlich auch Elisenhöhe. Aber ich habe auf diesem Gutshof so viele schwere Verbrechen angesiedelt, da wollte ich den Originalnamen nicht verwenden
Wie viel in Ihren Büchern beruht denn auf wahren Begebenheiten?
Das geht immer querbeet, das meiste ist aber fiktiv: Ich erzähle von Mord- und Kriminalfällen, die es nie gegeben hat. Und die Fiktion reichere ich mit möglichst viel damaliger Lebenswelt an: Marken, Zeitungen, Gebäude, Straßennamen und Bahnlinien, zum Teil Personen – ich lasse Dokumentarisches einfließen. Ein bisschen Freiheit muss man sich aber auch lassen, man sollte sich nicht zu Tode recherchieren und zu sehr einengen. Ohne Fantasie keine Literatur.
Man merkt Ihren Geschichten an, dass Sie die Geschäftswelt nicht am Reißbrett konstruieren. Unternehmen sind ausgeklügelt konzipiert, wie im Fall der Brennerei Mathée mit einem Exklusiv-Lieferanten in Berlin, dem Inhaber und Geschäftsführer in Masuren, Vorarbeitern und einfachen Arbeitern. Wie entsteht eine Firma bei Ihnen?
Das wächst langsam, eine Idee kommt zur anderen. Und wenn ich merke: das ist zu hölzern, dann muss ich mir halt noch ein Detail überlegen. Als ehemaliger Lokaljournalist weiß ich, wie es in Firmen und Behörden zugeht. Als Schüler und Student hatte ich auch Ferienjobs in Fabriken, habe da auch mal in einer Brauerei gearbeitet und auch schon mal in einer Großküche.
Cover des fünften Rath-Bandes (Ausschnitt): „Ich weiß erst am Ende eines jeden Romans, wie es weitergeht“.
Foto: HandelsblattIm zweiten Band betrachten Sie explizit den Niedergang der Stummfilm-Industrie. Gibt es dort Parallelen zum hier und jetzt?
Die Umstellung auf den Tonfilm war ein wichtiger Wechsel mit den entsprechenden wirtschaftlichen Verwerfungen. Wer springt auf den Zug auf, wer geht mit dem Stummfilm unter? Solche Entwicklungen lassen immer Opfer zurück, während andere davon profitieren. Kleine Kinos konnten die Technik finanziell nicht stemmen, die großen Kinos mussten ihre Film-Orchester entlassen. Und heute? Wer nicht auf digital umstellen oder wenigstens einen 3D-Film zeigen kann, bekommt ebenfalls Probleme.
Was mich wundert: Kommissar Rath geht es wirtschaftlich selbst 1932 immer noch gut. Warum ist die Weltwirtschaftskrise, die seit Ende der 20er-Jahre wütet, nicht bei Ihrem Ermittler angekommen?
Im dritten Band geht es unter anderem um die Bankenkrise im Sommer 1931, die auch Rath spürt, oder seinen Besuch bei Obdachlosen am Müggelsee – aber er verkehrt eben auch in anderen, reicheren Milieus, die von der Krise nicht betroffen waren. Ich will nichts beschönigen, aber ich zeige immer nur Ausschnitte, nichts Exemplarisches – schließlich schreibe ich keine Geschichtsbücher für die Schule.
Der fünfte Rath-Krimi ist jetzt erschienen, weitere Bände sollen folgen. Wird es Rath weiter so gut gehen?
Im Jahr 1936 wird Rath nicht mehr im Polizeidienst arbeiten. Die Polizei wird immer mehr mit der SS verschmolzen, Himmler wird Polizeichef – das kann er nicht mitmachen. Aber Raths Beamtengehalt war schon immer mager, ihm geht es gut wegen der illegalen Zuwendungen, die immer mal wieder in seinem Briefkasten stecken und die abzulehnen er nicht in der Lage ist.
Da sind wir beim richtigen Stichpunkt: Kriminalität im Wirtschaftsleben. Spielte die damals eine viel größere Rolle als heute – als Beispiel mit den Ringvereinen in Berlin?
Die Ringvereine waren die damalige Form von organisierter Kriminalität, das war die Gangster-Welt im Berlin jener Jahre. Nicht die Mafia-Welt die man aus den Staaten kennt, das war typisch deutsch organisiert: als Verein, mit Kassenwart und Stiftungsfest, wie es sich gehört. Erstaunlich, wie bieder das eigentlich war. Raths Freund Johann Marlow allerdings ist ein moderner Gangster amerikanischen Typs, er versteht sich als Geschäftsmann und eifert Al Capone nach – der damals übrigens auch in Deutschland ungeheuer populär war.
Auch Rath ist Amerika sehr zugetan, er ist großer Jazz-Fan. Wäre Auswandern in die USA auch eine Option für Ihren Kommissar?
Ein Abschied aus Deutschland wäre tatsächlich eine Möglichkeit, sollte es für ihn enger werden. Aber ich weiß erst am Ende eines jeden Romans, wie es weitergeht. Mal sehen. Wenn Rath seine Ermittlungen im Jahr 1936 überlebt, wird es vielleicht neun statt acht Bände geben.
Herr Kutscher, vielen Dank für das Gespräch!
Volker Kutscher
Märzgefallene – Gereon Raths fünfter Fall
erschienen bei Kiepenheuer und Witsch
ISBN: 978-3462047073
Preis: 19,99 Euro