Tinnitracks – Start-up des Monats: Mit einer App gegen das Piepen im Ohr
Düsseldorf. In unserer Reihe das „Start-up des Monats“ stellen wir Ihnen regelmäßig ein innovatives Unternehmen vor. In diesem Monat geht es um das Hamburger Start-up Tinnitracks.
Es piept. Nach einem Besuch in einer Diskothek, in der die Boxen laut dröhnten. In einer Stresssituation oder beim Sport. Hin und wieder hat jeder Mensch ein leises Piepen auf den Ohren, das meist nach ein paar Sekunden verschwindet. Falls nicht, kann es sich um einen Tinnitus handeln. Fast drei Millionen Menschen leiden in Deutschland an dieser chronischen Krankheit. Lange galten alle Ansätze, einen Tinnitus zu lindern, als erfolglos. Die Gründer des kleinen Unternehmens Tinnitracks wollen eine Lösung gefunden haben – und das ganz digital, indem die Lieblingsmusik des Betroffenen durch deren sogenanntes Tinnitracks-Programm gefiltert wird.
Die Idee zur App erregt Aufmerksamkeit: Erst im März belegte Gründer Jörg Land den ersten Preis bei der „South by Southwest“ (SXSW), einer wichtigen Gründer- und Innovationskonferenz in Texas. Kategorie: „Digital Health“ (zu deutsch: „Digitale Gesundheit“). Damit ist Tinnitracks als erstes deutsches Start-up bei der SXSW ausgezeichnet worden. In den USA werden Land und seine Mitgründer Adrian Nötzel und Matthias Lanz schon als Pioniere der Hörakustik gefeiert, obwohl die App sich noch im Endstadium der Entwicklung befindet. „Die Amerikaner mögen Gewinner, die lassen uns jetzt nicht mehr los“, sagte Jörg Land in der vergangenen Woche.
Er selbst war gerade in Texas, um den Preis entgegenzunehmen, als Handelsblatt Online bei Tinnitracks zu Besuch war. Was in Übersee gehyped wird, hat nämlich in Hamburgs Szenevierteln angefangen: St. Pauli Ecke Schanzenviertel Ecke Karolinenviertel. Hier verstecken sich zahlreiche junge Unternehmer, Künstler und Denker.
Entsprechend erweckt Adrian Nötzel einen verlegenen Anschein, als er die Tür aufmacht. Sonst führt Land immer die Pressegespräche. Nötzel sei der Fachmann, was Hörakustik angeht, der „Nerd der Gruppe“. Er ist Toningenieur, hatte die erste Idee für Tinnitracks. Seine Diplomarbeit schrieb er im Bereich Medientechnik. Dabei ist er 2012 auf Studien der Universität Münster gestoßen, auf denen sein heutiges Unternehmen basiert.
Inhalt der Studien war eine Technik, die den Bereich des Hörzentrums mit Musik stimuliert, in dem der Tinnitus nicht zu hören ist. Eine umgekehrte Taktik also: Der Frequenzbereich „ohne“ Tinnitus wird beschallt, dadurch soll der Frequenzbereich „mit“ Tinnitus gelindert werden.
„Das kann man sich wie Vokabeln lernen vorstellen“, erklärt Nötzel. „Indem der Patient die gefilterte Musik hört, trickst er sein Hörzentrum aus.“ Der Fachbegriff dafür heißt „Neuroplastizität“: Die Synapsen, die der Mensch oft benutzt, verstärken sich und andere werden verringert. Mit der Tinnitracks-Technologie sollen also die Synapsen mit hoher Tinnitus-Rate „ausgeblendet“ werden. Es ist vergleichbar mit dem Lernen spanischer Vokabeln, was englische Wörter aus dem Gedächtnis verdrängt.
Seit 2013 wird das Start-up, das zu der GmbH Sonormed gehört, bereits von der Europäischen Union gefördert. So wurden Jörg Land und Co. mehrere Innovationspreise verliehen, unter anderem der des „European Institute of Innovation and Technology in Eindhoven“. In diesem Netzwerk mischen das Fraunhofer Institut, Intel, Siemens und andere große Unternehmen mit. Ob den Gründern der Erfolg zu Kopf steigt? Nein, meinen alle drei. Land sagt aber: „Wenn die App fertig ist, gibt’s erstmal eine große Party.“
Als Tinnitracks im August 2012 gegründet wurde, haben die Unternehmer zunächst auf eine browserbasierte Technologie gesetzt. Spätestens im April soll allerdings eine App auf den Markt kommen. Auch aus Kostengründen. Nötzel: „Bisher war unsere Therapie mit knapp 600 Euro für viele Nutzer zu teuer, die Tinnitracks erstmal ausprobieren wollten.“ Die Nutzerzahl liege daher im mittleren dreistelligen Bereich, also bei rund 500 Patienten.
In bisherigen den Kosten von 600 Euro sind Kopfhörer von Sennheiser enthalten, einem bekannten Kopfhörer und Mikrofon-Hersteller, mit dem Tinnitracks seit 2013 kooperiert. Ein Coup in der noch jungen Firmengeschichte. Mit der App soll nun ein monatliches Bezahlmodell von 19 Euro eingeführt werden. Ohne Kopfhörer. „Für Experimentelle“, sagt Nötzel.
Das Unternehmen kennt auch Schwierigkeiten. Bei der Nutzer-Gewinnung zum Beispiel. Aber auch in der Entwicklungsarbeit: „In der Medizintechnik muss jedes Detail einer Technologie ausgefeilt und durchargumentiert werden“, sagt der Fachmann. Die Rechtslage sei kompliziert und die Branche nicht leicht von neuen Ideen zu überzeugen. „Ich finde die Aufregung für Tinnitracks wird total überschätzt“, sagt etwa Gerhard Hesse, Leiter der Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen in Hessen. „Es gibt nicht die geringsten Studien, dass diese Technik wirkt.“ Außerdem bezweifle er, dass Hörakustiker und HNO-Ärzte die Frequenz eines Tinnitus’ so genau bestimmen könnten.
Hesse ist Mitglied in der Deutschen Tinnitus-Liga, einer gemeinnützigen Selbsthilfeorganisation. „Der Hype ist nur dadurch entstanden, weil das Prinzip digital funktioniert.“ Er würde seinen Patienten von Tinnitracks abraten – zumal er vor 25 Jahren eine ähnliche Technik entwickelt hat. Da hätte es keine zufriedenstellenden Ergebnisse gegeben.
Die Gründer von Tinnitracks halten ihre Technologie natürlich für vielversprechend. Laut Angaben des Start-ups, die auf verschiedenen Studien beruhen, soll der Tinnitus um 25 Prozent gelindert werden. Voraussetzung: „Der Patient muss die gefilterte Musik über mehrere Monate hinweg mindestens 90 Minuten pro Tag hören.“
Dass Land, Nötzel und Lanz mit ihrer Überzeugung nicht alleine sind, zeigen die jüngsten Ereignisse sowie neue Entwicklungen im Kapitalbereich: Seit Anfang des Jahres investiert „High-Tech Gründerfonds“, ein Frühphaseninvestor. Dieser Geldgeber hat bereits die Berliner Management-Software-Firma 6 Wunderkinder gefördert.
Außerdem sind Heiko Hubertz, Gründer der Computerspiele-Firma Bigpoint und die Hamburger Firma Quotas an der Finanzierung beteiligt. Quotas ist zuständig für Qualitätsforschung und IT-Entwicklung. Im Dezember 2014 erst haben die Gründer von Tinnitracks das Stammkapital zum zweiten Mal aufgestockt, auf mehr als 36.000 Euro. Anfangen haben sie 2012 mit 25.000.
Mit schwarzen Zahlen rechnet Jörg Land trotzdem nicht allzu bald. Zunächst wolle er die Firma wachsen lassen und gegebenenfalls die Mitarbeiterzahl erweitern, die sich aktuell auf vier feste, drei studentische und sieben freie beraumt.
Auch auswandern käme trotz des Hypes in den USA erstmal nicht in Frage. „Wir sind immer noch ein Start-up und bewegen uns regelmäßig zwischen purer Euphorie und totalem Terror“, sagt Adrian Nötzel. Er lacht dabei. Und beim Abschied fügt er hinzu: „Außerdem ist St. Pauli einfach bombig.“