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Maximilian und Sebastian KussDas verschwiegene Duo digitale

Die Kuss-Brüder aus München haben viel Kapital bei internationalen Investoren eingesammelt. Die Mission ihres Unternehmens EMH: sich am Mittelstand beteiligen – um ihn digital fit für die Zukunft zu machen.Peter Köhler 27.06.2017 - 18:52 Uhr Artikel anhören

Die Brüder wurden 2014 in die „Forbes“-Liste „Top 30 unter 30“ aufgenommen.

Foto: Thomas Einberger für Handelsblatt

München. Berlin hat die Samwer-Brüder. Die stehen mit ihrer Beteiligungsfirma Rocket Internet für viel Marketing und virtuelle Geschäftsmodelle, mit denen man sich etwa Pizza nach Hause bestellen kann. München hingegen hat die Kuss-Brüder. Die waren bisher vor allem eines: medienscheu. Das wird sich jetzt ändern, denn Maximilian, 31, und Sebastian, 28, haben eine Mission: die Digitalisierung des deutschen Mittelstands voranzutreiben.

Dafür haben sie in aller Stille aus der Gründerzeitvilla in der Pettenkofer Straße heraus ihr Netzwerk aktiviert und bei Pensionsfonds, Stiftungen sowie reichen Familien rund 700 Millionen Euro Wachstumskapital mobilisiert. Eine Hälfte liegt im Digital Growth Fund ihrer Firma EMH, die andere Hälfte wird aus einem Co-Investment-Programm gespeist. Laut Handelsregister zählen erste Adressen wie die Eigentümer von Boehringer Ingelheim, die RAG Stiftung, die Förderbank KfW, der European Investment Fund und der Vermögensverwalter Eon Asset Management zu den Geldgebern.

Das Duo aus München zielt auf Minderheitsbeteiligungen. Sie will den Unternehmern also nicht die Firma abkaufen, wie es sonst meistens üblich ist bei den angelsächsischen Finanzinvestoren. Der Auftrag lautet vielmehr: den Mittelstand fit machen für die Zukunft. „Wir sehen Digitalisierung als klassischen Zehnkampf im Unternehmen. Es reicht nicht, nur einen guten Internetauftritt zu haben“, sagt Maximilian Kuss in seinem ersten Interview, das er mit dem Handelsblatt führt. „Die ganze Wertschöpfungskette von der Entwicklung über die Produktion bis zum Vertrieb gehört dazu.“ Er wirkt etwas extrovertierter als sein Bruder Sebastian, bezeichnet sich selbst als prozess- und zahlenorientiert.

Wie so eine digitale Fitnesskur aussieht, kann man am Fall des Einbauküchenherstellers Kiveda studieren, einem Investment der Kuss-Brüder. Früher fand der Kunde einen Prospekt im Briefkasten und fuhr dann ins Ausstellungshaus. Heute informiert er sich online, sucht aus, und der Kundenbetreuer kommt nach Hause. Das Aufmaß wird maßgeschneidert mit einem 3D-gestützten System erstellt, das auch krumme Wände im Altbau genau berechnet. Dann geht die Bestellung direkt in die Produktion.

Geld verdient aus dem Kinderzimmer

Maximilian und Sebastian Kuss sind in Starnberg geboren und in München aufgewachsen, während der Schulzeit haben sie mit einem Dienstleister für Onlinespiele und geliehenem Kapital vom Vater bereits ihr erstes Geld verdient. Aus dem Kinderzimmer heraus – denn in der Garage war es zu kalt.

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2010 gründeten sie die Firma EMH und beteiligten sich seitdem zusammen mit Family Offices mit über 100 Millionen Euro an knapp einem Dutzend Unternehmen. Das eingesetzte Kapital vervielfachte sich, und andere Profiinvestoren wurden aufmerksam. Man habe sich etwas getraut, und es habe funktioniert, sagt Sebastian, der als kreativer Kopf gilt, vielleicht auch, weil er seit 13 Jahren Trompete spielt und als DJ aufgelegt hat. Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder, der das Studium abgebrochen hat, besitzt er einen Abschluss in International Management der FH München.

Die Kuss-Brüder gehören zu einer ganz neuen Generation von Beteiligungsmanagern, die selbst unternehmerische Erfahrung mitbringen. Beide wurden vom Weltwirtschaftsforum in Davos als „Young Global Shaper“ ausgezeichnet, beide wurden außerdem 2014 in die „Forbes“-Liste „Top 30 unter 30“ aufgenommen. Zur Seite steht ihnen ein illustrer Beraterkreis aus Industriellen, Private-Equity-Managern und Unternehmern, darunter Peter Bauer, Aufsichtsratschef von Osram, sowie Manfred Seitz, Europa-Statthalter von Berkshire Hathaway, der Beteiligungsgesellschaft von Warren Buffett.

EMH Partners gibt kein Kapital für Start-ups und investiert nur Eigenkapital, es kommt keine Fremdfinanzierung ins Spiel. Der Fokus auf den Mittelstand und die Digitalisierung habe „den Nerv vieler Investoren getroffen“, sagt Maximilian Kuss. „Wenn wir nur die nächste App oder das nächste Instagram auf die Beine stellen wollten, dann sähe es bestimmt ganz anders aus. Davon wären die Investoren wohl nicht so leicht zu überzeugen“, ergänzt sein Bruder.

Zuletzt hatte etwa die KfW noch erheblichen Handlungsbedarf festgestellt, um die kleinen und mittelgroßen Unternehmen in Deutschland für die Herausforderungen der Digitalisierung fit zu machen. „Unternehmen müssen sich der Digitalisierung konstruktiv annehmen und innovativ sein, wenn sie auch künftig wettbewerbsfähig bleiben wollen. In der Breite des Mittelstands wird bisher noch zu wenig dafür getan“, hatte KfW-Vorstand Ingrid Hengster konstatiert.

Aktuell gibt es im heimischen und weltweiten Beteiligungsmarkt ein riesiges Überangebot an Kapital. Jüngsten Schätzungen zufolge sind global 530 Milliarden Dollar nicht investiert. Die meisten Private-Equity-Fonds wollen die Unternehmen mehrheitlich übernehmen, um sie dann restrukturieren zu können. Nach durchschnittlich vier bis sieben Jahren reichen sie die Firmen dann weiter oder versuchen, sie an die Börse zu bringen.

Konkurrenz dürfte härter werden

Doch gerade unter Familienunternehmen stößt dies oft auf Ablehnung. Die Inhaber wollen weiter am Ruder bleiben und haben außerdem ihre liebe Not, die erlösten Millionen aus einem Unternehmensverkauf im aktuellen Niedrigzinsumfeld sinnvoll anzulegen. Deshalb suchen die Finanzinvestoren nach neuen Wegen, sich dem Mittelstand zu nähern. Branchenbeobachter glauben, dass die Private-Equity-Manager immer öfter Minderheitsbeteiligungen eingehen werden. Auch die Konkurrenz für die Kuss-Brüder dürfte damit härter werden.

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Jüngstes Beispiel: Erst vor wenigen Tagen hatte der schwedische Finanzinvestor EQT eine Beteiligung von 20 Prozent am Prothesen- und Rollstuhlhersteller Ottobock erworben. Der zunehmende Wettbewerb dürfte auch für weiter steigende Preise bei den Beteiligungen sorgen. Im konjunkturellen Abschwung werde man dann sehen, ob die Bewertungen zu hoch waren, sagt ein Investmentbanker.

Die Kuss-Brüder lassen sich davon nicht abschrecken. Jährlich prüfen sie rund 650 Angebote für Beteiligungen, in der Regel werden am Ende zwei bis drei zwischen zehn und 100 Millionen Euro in Deutschland und Europa realisiert.

Trotz der Weltläufigkeit ihres Geschäftsmodells sind beide fest verwurzelt in der bayerischen Metropole. Mittags sind sie Stammgäste im Speiselokal Lenz in der Nähe des Büros, das gut bürgerliche Küche zu zivilen Preisen bietet. In die Hauptstadt mit all ihren Start-ups zieht es sie nicht. In München sei generell einfach mehr Gelassenheit.

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