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Große BilanzanalyseVorbild Mittelstand

Mittelständler schütten weniger Geld aus als börsennotierte Konzerne – und drehen bei Investitionen jeden Euro zweimal um. Trotzdem oder gerade deswegen wachsen sie schneller. Was die Großen von den Kleinen lernen können.Ulf Sommer 18.09.2017 - 19:00 Uhr Artikel anhören

Mitarbeiter montieren in der Produktion des Landmaschinenherstellers Claas in Harsewinkel einen Mähdrescher vom Typ „Tucano“.

Foto: dpa

Düsseldorf. Sie stellen mehr Menschen ein als börsennotierte Konzerne, sie investieren mehr – und sie wirtschaften erfolgreicher. So klingen Sonntagsreden über die Mittelständler in Deutschland. Niemand brauchte sich Sorgen zu machen, daran gemessen zu werden: Stichhaltige Zahlen gab es nämlich kaum. Denn anders als die gut 550 deutschen börsennotierten Unternehmen veröffentlichen die drei Millionen mittelständischen Firmen und Personengesellschaften hierzulande keine Bilanzen.

Doch nun liegen dem Handelsblatt exklusiv anonymisierte Daten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) von 300.000 Firmenkunden vor. Als Marktführer im Geschäft mit dem Mittelstand haben die rund 400 deutschen Sparkassen Einblick in 34 bilanzrelevante Kennzahlen der Firmen – und diese belegen: Die vielen kleinen und mittelgroßen Familienunternehmen wirtschaften in der Gesamtheit tatsächlich erheblich effizienter als die börsennotierten Unternehmen. Das allerdings nicht mit mehr, sondern sogar mit weniger stark steigenden Investitionen in Sachanlagen.

Einfach ausgedrückt gilt das Motto: Jeder Euro wird mindestens zweimal umgedreht, bevor er das Unternehmen verlässt. Der Lohn: Mittelständler wachsen stärker. „Der Mittelstand ist heute so widerstandsfähig wie noch nie“, sagt DSGV-Präsident Georg Fahrenschon. „Das alles ist ein Ausdruck von Stärke und Zuversicht und nicht von Angst.“

2016 behielt der Mittelstand 75 Prozent seiner Gewinne ein – diese flossen also in das Unternehmen zurück und stärkten das Eigenkapital. In den beiden Jahren davor waren es sogar jeweils mehr als 80 Prozent. Mit einer durchschnittlichen Eigenkapitalquote von rund 30 Prozent stehen die Firmen so gut da wie noch nie. Um die Jahrtausendwende lag die Quote bei mageren drei bis vier Prozent.

Bei den Kapitalgesellschaften verbleibt weniger Gewinn im Unternehmen. Verantwortlich sind vor allem die Ausschüttungen an die Aktionäre: Allein sie machen bei den 100 größten börsennotierten Konzernen knapp 50 Prozent ihrer gesamten Nettogewinne aus – Tendenz steigend. Auf diese Weise ziehen die Börsenkonzerne das Interesse internationaler Anleger auf sich.

Darüber hinaus stecken die Kapitalgesellschaften mehr Geld in Sachanlagen: Die Investitionen liegen in den meisten Jahren doppelt so hoch wie beim Mittelstand, in einigen Jahren mit Wachstumsraten von gut sieben Prozent sogar dreimal so hoch.
Erstaunlich ist jedoch, dass die Kapitalgesellschaften davon nicht mit mehr Größenwachstum profitieren. Im Gegenteil: Die Umsätze steigen im Mittelstand schneller: seit 2010 um rund ein Drittel. In derselben Zeit legten die Börsenkonzerne nur um gut ein Viertel zu.

Erfolgreich in der Nische

„Viele Mittelständler fokussieren sich hochspezialisiert auf wenige Produkte, und darin sind sie sehr oft Weltmarktführer“, erklärt Banken- und Finanzierungsexperte Jan-Alexander Huber von der Unternehmensberatung Bain & Company. Ihre herausragende Expertise in Nischenmärkten versetze viele deutsche Mittelständler in die komfortable Situation, von Boommärkten wie zum Beispiel in Asien außerordentlich und noch stärker als die großen Börsenkonzerne zu profitieren. „Das lässt die Umsätze überdurchschnittlich stark steigen.“

So wie bei Igus in Köln. Der weltweit größte Hersteller von Energiekettensystemen mit Leitungen, Steckern und anderem Zubehör setzte im vergangenen Geschäftsjahr knapp 600 Millionen Euro um und ist damit seit 2004 um gut zwölf Prozent gewachsen – das aber durchschnittlich in jedem Jahr. Oder die Beckumer Maschinenfabrik Beumer: Mit einem Auslandsanteil von gut 85 Prozent und der Eroberung immer neuer Absatzmärkte steigerte das Unternehmen seinen Umsatz seit 2002 jährlich um mehr als 15 Prozent auf zuletzt 750 Millionen Euro. Die westfälische Firma hat Niederlassungen auf allen Kontinenten und liefert Fördersysteme, Schüttgut-Anlagen, Sortier- und Verteilsysteme in mehr als 70 Länder. Zu den Abnehmern zählen Firmen der Getränke-, Lebensmittel-, Baustoff- und chemischen Industrie sowie der Logistik.

So wie Igus und Beumer beliefern viele Mittelständler kleine und große Unternehmen in ganz unterschiedlichen Branchen. Die Firmen kennen ihre Kunden aufgrund der sehr spezifischen Produkte sehr viel besser als große Konzerne. Sie überlegen sich genau, in was sie wo und wann investieren. So lassen sich Marktchancen effektiver nutzen und Risiken minimieren.

So wie bei Meindl. Als der Hersteller von Wanderschuhen 2013 damit begann, im heimischen Kirchanschöring in Sichtweite der bayerischen Alpen ein 100 Meter langes Logistikzentrum zu bauen, war dies keine Quartals-, sondern eine Jahrhundertentscheidung. Sie bindet die über 300 Jahre alte Firma für die nächsten Jahrzehnte an den Standort. Das Konzept geht auf: Die deutsche Fabrik inmitten eines Wanderidylls ist in Zeiten fernöstlicher Schuhproduktion eine Attraktion.

„Mittelständler investieren fokussierter und langfristiger, weil ihre Geschäftsmodelle sehr spezialisiert und auf lange Sicht im Voraus ausgerichtet sind“, sagt Mittelstandsexperte Andreas Strobl von der Privatbank Berenberg. Anders die Kapitalgesellschaften: Allein wegen der Größe sind sie meist sehr viel breiter aufgestellt. Auch investieren sie stärker in externes Wachstum durch Übernahmen – mit allen damit verbundenen Risiken: Gut die Hälfte aller Fusionen und Übernahmen vernichtet Wert.

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So entschied sich der Industriekonzern Thyssen-Krupp ausgerechnet auf dem Höhepunkt des Wirtschaftsbooms 2006 und 2007 dazu, Stahlwerke in Brasilien und den USA zu bauen, um dort billiger als in Deutschland zu produzieren. Tatsächlich kostete die Bramme Stahl hierzulande weniger. Auch überstiegen die Baukosten von rund 13 Milliarden Euro die Planungen um ein Vielfaches. Selbst Erfolgsunternehmen wie Adidas sind vor Fehleinkäufen nicht gefeit, wie die drei Milliarden teure Investition in Reebok gezeigt hat. Mit genaueren Marktanalysen hätte es diese wirtschaftlich unsinnigen Investitionen wohl nicht gegeben.

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Anleihen, die Investoren den Börsenkonzernen gerne abkaufen, machen solch unrentable Finanzierungen möglich. Mittelständler finanzieren sich hingegen stärker über Bankkredite. Die Finanzinstitute üben aber mehr Einfluss auf die Rückzahlung der Kredite aus, als es den Anleihegläubigern bei den Kapitalgesellschaften möglich ist. „Deshalb müssen sich Mittelständler genauer überlegen, wohin die Investitionen fließen“, sagt DSGV-Experte Sebastian Kral. Das längere Prüfen und Abwägen gereicht den Mittelständlern dabei keineswegs zum Nachteil. Das beweist ihr stärkeres Wachstum.

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